Syrien ignoriert US-Drohung und greift Kurdengebiete an

Die kurdische YPG ist Teil der von den USA aus der Luft unterstützten Syrischen Demokratischen Streitkräfte.
Die kurdische YPG ist Teil der von den USA aus der Luft unterstützten Syrischen Demokratischen Streitkräfte.APA/AFP/DELIL SOULEIMAN

Syrien solle die Verbündeten der USA nicht attackieren, forderte Washington. Die Regierung in Damaskus lässt die Warnung relativ kalt.

Trotz einer Warnung der US-Streitkräfte sind syrische Kampfflugzeuge offenbar erneut Einsätze gegen kurdische Stellungen in Hassaka geflogen. Die syrische Luftwaffe war bis in der Früh über der Stadt im Nordosten Syriens zu hören, wie die "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" am Samstag mitteilte.

Die syrische Luftwaffe hatte am Donnerstag erstmals Luftangriffe auf Stellungen der kurdischen Kräfte in Hassaka geflogen, nachdem sich am Mittwoch die Kurden und syrische Regierungstruppen Kämpfe geliefert hatten. In Hassaka gab es bisher eine friedliche, wenn auch spannungsvolle Koexistenz zwischen kurdischen Kräften und den Truppen von Machthaber Bashar al-Assad.

Nach dem Einsatz der syrischen Luftwaffe gegen die kurdischen Milizen intervenierte die US-Luftwaffe am Donnerstag mit eigenen Kampfflugzeugen, um die an der Seite der Kurden eingesetzten US-Militärberater zu schützen. Zwar trafen sie laut der "Beobachtungsstelle" die syrischen Kampfjets nicht mehr an, doch war es das erste Mal, dass die US-Luftwaffe direkt auf eine Aktion der syrischen Luftwaffe reagierte.

Tausende Zivilisten sind geflohen

"Hassaka erlebt nun einen echten Krieg", sagt ein Sprecher der kurdischen Miliz YPG. Wer eine Waffe halten könne, kämpfe gegen die Truppen des syrischen Machthabers Bashar al-Assad. Seit Mittwoch bombardiert die syrische Armee mit Kampfflugzeugen und Artillerie die Kurdenstellungen im Nordosten Syriens - erstmals seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im März 2011. Tausende Zivilisten haben den Ort bereits verlassen. Vor allem Frauen und Kinder seien evakuiert worden.

Die YPG ist Teil der von den USA aus der Luft unterstützten Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF), die vergangenes Wochenende den IS aus der Stadt Manbidsch an der Grenze zur Türkei vertrieben hatten. Zudem hat die YPG starke Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die im Südosten der Türkei Anschläge auf Sicherheitskräfte verübt. Sie kontrolliert große Gebiete im Nordosten Syriens, in denen kurdische Gruppen seit Beginn des Bürgerkrieges eine autonome Verwaltung errichtet haben. 

Angesichts der Offensive auf die seit Jahren zwischen kurdischen Milizen und Regierungstruppen geteilten Stadt, haben die USA nun mit Kampfflugzeugen interveniert. Die US-Luftwaffe flog am Donnerstag mehrere Angriffe in Hassaka. Mit dem Einsatz hätten die US-Streitkräfte ihre Verbündeten "geschützt" und klar gemacht, dass die US-Luftwaffe "Truppen am Boden im Bedrohungsfall schützen" werde, sagte der Pentagonsprecher Jeff Davis am Freitag.

Sehr "ungewöhnliche" Angriffe

Die syrische Luftwaffe hielt sich bisher mit Angriffen auf die Kurden zurück. Der Pentagonsprecher sagte, die Luftangriffe seien "sehr ungewöhnlich, wir haben niemals erlebt, dass das Regime zuvor solche Aktionen gegen die kurdischen Einheiten startete". Es seien regelmäßige Patrouillenflüge angeordnet worden, um die Bodentruppen vor weiteren Luftangriffen zu schützen.

Die syrischen Kampfflugzeuge hätten auf Funksprüche der Bodentruppen am Donnerstag nicht reagiert, sagte Davis. Als dann die Jets der US-geführten Koalition eintrafen, seien die beiden Bomber vom Typ Su-24 schon im Abflug gewesen. Bei einem weiteren Zwischenfall am Freitag hätten zwei syrische Kampfflugzeuge versucht, in den Luftraum über Hasaka einzudringen. Sie seien aber von Koalitions-Jagdflugzeugen vom Typ F-22 abgedrängt worden, die sich den syrischen Maschinen bis auf 1,6 Kilometer Entfernung angenähert hätten.

Die mit Assad verbündeten Russen hätten klargestellt, dass die Luftangriffen nicht von ihnen ausgegangen seien, sagte Davis. Sie seien gebeten worden, dem syrischen Militär auszurichten, dass die US-Luftwaffe US-Soldaten vor Luftangriffen schützen werde. "Das syrische Regime ist deutlich davor gewarnt worden, Kräfte der Koalition oder ihrer Partner anzuvisieren", sagte Davis.

Türkei will "aktiver" in Syrien sein

Auch die Türkei meldete sich zu den Luftangriffen des Regimes zu Wort: Damaskus habe nun auch verstanden, dass die Kurden eine Bedrohung seien, sagte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim am Samstag. "Es ist klar, dass das Regime verstanden hat, dass die Struktur, welche die Kurden im Norden zu bilden versuchen, auch für Syrien eine Bedrohung zu werden beginnt", sagte Yildirim.

Die Kurden haben im Norden Syriens drei autonome Gebiete ausgerufen und versuchen nun, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen. Die Türkei, die selbst seit Jahrzehnten gegen Autonomiebestrebungen der Kurden kämpft, sieht dies als Bedrohung.

Zudem kündigte Yildirim für die kommenden sechs Monate ein "aktiveres" Vorgehen seines Landes in Syrien an, um das "Blutbad" in dem Bürgerkriegsland zu beenden. Um zu einem politischen Übergang zu kommen, müsse auch mit Machthaber Bashar al-Assad gesprochen werden, der, "ob wir es wollen oder nicht", ein "Akteur" des Konflikts ist, sagte Yildirim.

Zugleich schloss er für die Türkei Gespräche mit Assad aus. Die islamisch-konservative Regierung in Ankara dringt seit Beginn des Konflikts in Syrien auf den Sturz Assads und unterstützt eine Reihe von Rebellengruppen mit Geld und Waffen, darunter auch radikale Islamisten. Da aber auch nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg ein Sieg der Rebellen nicht absehbar ist, deutete sich zuletzt an, dass die Türkei eine vorübergehende Rolle Assads in der Politik akzeptieren könnte.

(APA/AFP)

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