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Der selbsterklärte Retter der Ukraine

Ukraine´s former PM Azarov attends a news conference in Moscow
Der ukrainische Expremier Nikolaj Asarow.(c) REUTERS (Sergei Karpukhin / Reuters)

In einem kahlen Büro in Moskau sitzt Nikolaj Asarow, früherer Premierminister der Ukraine, und wettert gegen das "Nazi-Regime" in Kiew. Nebenbei stellt er mithilfe von Wiener Anwälten seinen Ruf wieder her.

Die Zahl der Unzufriedenen wächst unaufhaltsam. Nikolaj Asarow kann dies auf seinem Riesenflachbildschirm verfolgen: Täglich werden seine Anhänger mehr. Vor ein paar Wochen hatte er 99.987 Facebook-Fans. Zuletzt kletterte die Zahl auf 101.969. „In nur einem Jahr“, sagt Asarow. Zu Ehren des 100.000 Abonnenten verloste er sein Buch „Ukraine: Die Wahrheit über den Staatsstreich“. Es gab so viel Zuspruch, dass man zwei Sieger kürte, eine Frau aus Poltawa und eine aus Luhansk. Wieder zwei Fans mehr.

Bis zum 28. Jänner 2014, dem Tag seines Rücktritts, war Asarow Premierminister der Ukraine. Wie viele andere Vertreter des früheren Regimes verließ er die Ukraine, als ein Sieg der Maidan-Bewegung bevorstand, in Richtung Russland. Heute ist er ein Politiker im Ruhestand und ein Mann im Unruhestand. Er hat ein Komitee zur Rettung der Ukraine gegründet und kämpft gegen das „nazistische Regime“. So nennt er die Regierung in Kiew, in der prowestliche Reformer mit Beharrungskräften koexistieren. Zugegeben, es ist keine besonders dynamische Truppe. Aber „Nazis“? Der 68-Jährige war schon früher bekannt für seine grellen Sager. Im Exil hat er sich radikalisiert.

Unermüdlich, mehrmals täglich tippt er – stets im Anzug, Goldrandbrille vor verkniffenen Augen – in seinem Moskauer Büro Traktate und Repliken. Früher war er im Fernsehen, heute ist Facebook sein Fenster zur Welt. Es sind lange Einträge mit vielen Zahlen, Tätigkeitsberichte über seine Verdienste in der Ukraine und wütende Anklagen gegen das, was seiner Meinung nach heute dort passiert: die Faschisierung der Lehrpläne, die Zerstörung der Autoindustrie, eine falsche Geldpolitik. „Nikolaj Janowitsch, der beste Premier-Ökonom in 25 Jahren“, hat ein Fan gepostet.


Tippen im Halbdunkel. Am früheren Arbeitsort des 68-Jährigen im Ministerkabinett an der Hruschewskij-Straße hingen Bilder ukrainischer Landschaften, und in den Sitzungssälen standen unter dem Porträt von Staatspräsident Viktor Janukowitsch schwere Ledersessel. Die Vorhänge waren aus schwerem Stoff und die Böden parkettversiegelt. Durchs Moskauer Büro zieht sich ein grauer Teppichboden und der Geruch von Möbelgeschäft. In Asarows Zimmer sind die Jalousien heruntergezogen. Die Lage des Ortes soll auf Fotos nicht erkennbar sein. An der Wand hängt das Bild eines Tangopaares. Im Schrank aneinandergereiht Asarows Bücher und ein Foto, auf dem ihm der russische Präsident ,Wladimir Putin, den Orden der Freundschaft aushändigt. Zum 65er war das. Vor drei Jahren. In einem anderen Leben. Wie in früheren Zeiten hat Asarow einen Fahrer und eine schwarze Limousine. Wenn er einst zu Visite in Moskau war, sperrte man die Straßen für ihn ab. Jetzt muss er im Stau stehen. Wenn ihn Menschen auf der Straße erkennen, wenn sie ihn grüßen und ihm sagen, dass sie seine Arbeit schätzen, erhellt sich seine Miene. Kurz.

Aus dem Premiersleben mitgenommen hat der Politemigrant auch seine Lederaktentasche, in der in bunten Plastikhüllen wichtige Papiere stecken. Wenn er eine Umfrage herauszieht, dann ist das einer jenen seltenen Momente, in denen er den Besucher näher bittet. Schwarz auf weiß steht da geschrieben, dass er gerade zum viertbeliebtesten Politiker der Ukraine gewählt wurde, obwohl er seit zwei Jahren nicht mehr im Land war. Asarow ist ein Mann, der den Zahlen vertraut. Sie sind wie er: trocken, klar, leidenschaftslos. Sie lügen nicht. (Außer sie sind gefälscht.)

Mehrere hochrangige Beamte aus Janukowitschs Regierung haben in Russland ein neues Zuhause gefunden, von Kremls Gnaden. Moskau dient als Sammelbecken für diese Stimmen, die mit der fortschreitenden Krise in der Ukraine lauter werden. Viktor Janukowitsch soll zurückgezogen in Sotschi oder Rostow am Don leben, Asarow will seit seiner Flucht Ende Februar 2014 nicht mehr mit ihm in Kontakt gewesen sein. Ex-Innenminister Vitalij Sachartschenko hat ebenfalls ein Buch veröffentlicht: „Blutiger Maidan“ heißt es. Sergej Arbusow, der junge Vertraute der Janukowitschs, der Asarow beerbt hat, soll an politischen Plänen basteln. Auf sie alle ist er nicht gut zu sprechen. Das Vergehen besteht aus Nikolaj Asarows Sicht darin, dass er abserviert wurde, wo er doch am besten weiß, wie es geht. Er stand 20 Jahre im Dienst des ukrainischen Staates. Er war Chef der Partei der Regionen. Langjähriger Abgeordneter. Leiter der Zollbehörde. Finanzminister. Premier. Asarow wurde im russischen Kaluga geboren und 1984 an das Geologie-Institut in Donezk bestellt. In seiner Wahlheimat mokierte man sich über ihn, weil er nicht gut Ukrainisch sprach.


Der Schwächling. Nikolaj Asarow, den man auf Ukrainisch Mykola Asarow nannte, hatte in den letzten beiden Jahren seines Regierungsvorsitzes an Einfluss verloren. Für Janukowitschs treuen Gehilfen muss es schmerzhaft gewesen sein zu sehen, wie Arbusow und andere Leute aus dem engen Umfeld des Präsidenten immer einflussreicher wurden. Diesen „sogenannten jungen Reformern“, wie er despektierlich sagt, will er klargemacht haben, dass sie ohne sein Einverständnis gar nichts tun konnten. Die plötzliche Abkehr vom Assoziierungsabkommen im November 2013, die die Protestwelle lostrat, die zum Sturz des alten Systems führte, verteidigt er heute noch: „Für uns war das Abkommen ungünstig“, sagt er. „Neuverhandlungen sind wegen der kompromisslosen EU-Position gescheitert.“

Doch der internationale und innere Druck auf Janukowitsch nahm zu. Am 28. Jänner 2014 reicht der Premier seinen Rücktritt ein. Asarow erinnert sich im Halbdunkel des Zimmers an eine Gesprächssituation mit Janukowitsch. „Jetzt entlässt du mich“, habe er dem Präsidenten gesagt. Doch er, Janukowitsch, werde der Nächste sein. „Ich habe mich nicht geirrt.“ Drei Wochen später floh der Präsident aus der Ukraine. Asarow, das einstige Bauernopfer, verachtet ihn. Schwach sei er gewesen, damals. „Er hatte zwei Optionen: sich zu ergeben oder sich zu wehren. Er hatte alle Möglichkeiten in der Hand. Er hat sie nicht genutzt.“ Für Asarow sind die Proteste nichts anderes als ein von den USA organisierter Putsch. Auf Widerspruch reagiert er unwirsch: „Nehmen Sie Ihre rosa Brille ab.“

Asarow gibt der derzeitigen Regierung in Kiew noch ein, zwei Jahre. Seiner Rückkehr und Rehabilitierung entgegen stehen ein ukrainischer Haftbefehl, mehrere Verfahren und sein Name auf der EU-Sanktionsliste. Gegen die Verlängerung der bisher dreimal erneuerten Sanktion kämpft sein Wiener Anwalt Gabriel Lansky. Gegen die erste hat er erfolgreich geklagt, die zweite wird im September verhandelt, die dritte ist schon wieder erlassen. „Ein Perpetuum mobile rechtswidriger Sanktionen“, nennt es Lansky, der sich für September „sehr gute Chancen“ ausrechnet. Offenbar sind Kiews Beweise nicht besonders gehaltvoll und der Europäische Gerichtshof in Erklärungsnotstand. In der Ukraine sind das Pensionskonto des Expolitikers und die Wohnung seiner Frau eingefroren, einen Prozess wegen Rufschädigung hat er verloren, in einem neuen Verfahren wird er als Zeuge geführt. Asarows Anwälte werden diese Verfahren für Jahre beschäftigen. Unterliegt sein Klient in den nationalen Instanzen, will Lansky den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ins Spiel bringen. Bis dahin scheint eine Rückkehr nach Kiew ausgeschlossen. Außer ein politisches Erdbeben erschüttert die Ukraine erneut.

Kollaborateure, so nennt Asarow frühere Mitstreiter von der Partei der Regionen, die in Kiew geblieben sind. Doch es gibt Vertreter der Nachfolgepartei Oppositionsblock, mit denen er sich trifft. Namen verrät er keine, zu gefährlich wegen der Kiewer „Nazis“. Sein zwischen Wien und Moskau jettender PR-Berater Michael Laubsch verzweifelt schon mal wegen der Kampfrhetorik seines Klienten. Er würde aus dem wütenden Senior gern einen bedächtigen Altpolitiker machen, einen Berater vielleicht, eine moralische Autorität für junge Ukrainer. Ein knochenharter Job.

Asarow treibt „mehr als alles andere“ um, dass er nicht alle Pläne verwirklichen konnte: von ukrainischer Babynahrung bis hin zu Busfabriken. Könnte es sein, dass die Ukraine einen wie ihn nicht mehr braucht? Dieser Gedanke kommt ihm nicht in den Sinn.

Steckbrief

17. Dezember 1947
Nikolaj Asarow wird als Sohn eines Esten und einer Russin in Kaluga geboren. Er studiert Geologie in Moskau und ist als Ingenieur in sowjetischen Betrieben tätig.

Im Mai 1984
übersiedelt Asarow in das ostukrainische Donezk. Er ist am dortigen Geologie-Institut tätig.

1994
zieht er erstmals in die Kiewer Rada ein – als Abgeordneter der Partei der Arbeit.

Im November 2000vereinigen sich mehrere Parteien, darunter die Partei der Arbeit, zu einer Gesamtpartei, aus der die Partei der Regionen wird. Sie ist die Partei des östlichen Großkapitals, die auf paternalistische Rhetorik und Sowjetnostalgie setzt. Asarow wird ihr Vorsitzender.

2010
Asarow wird Premier und widmet sich den Wirtschaftsreformen. Mehrmals gerät er in Konflikt mit dem IMF.

Im Februar 2014
verlässt er Kiew, da er sich bedroht fühlt. Berichten zufolge war Asarow kurz in Wien zu Besuch, wo sein Sohn Alexej damals lebte und über Vermögen verfügte. Seit März 2014 steht Nikolaj Asarow auf der EU-Sanktionsliste. Sein Sohn Alexej ist erfolgreich gegen die Listung seines Namens vorgegangen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2016)