"Mein' Vater g'hört der Prater", singt der Ostbahn-Kurti. Nun lud er seine Fans wieder dorthin zum “Klassentreffen„. Der Mythos lebt.
Wenn ein Wiener, dieweil er Platz nimmt, „Au weh, au weh“ seufzt, wenn ihm also das Niedersetzen hörbar Erleichterung verschafft, dann ist er in dem Alter, in dem die Trafikantinnen wieder „junger Mann“ zu ihm sagen. (Das sagen sie zu Buben und zu älteren Herren, aber nie zu wirklichen jungen Männern.) Wie man dieses Alter numerisch festlegt, darüber lässt sich streiten, Willi Resetarits, dem längst der Berufstitel Professor gebührt, hat es mit seinen 67 Jahren gewiss erreicht. Er darf also mit Fug und Recht „Au weh, au weh“ seufzen, er darf sich kurz niedersetzen, er darf über die alte Zeit reden, und er darf Sätze sagen wie: „Das gibt's ja alles heut nimmermehr.“
Das alles tat Willi Resetarits auf der Bühne im Prater vor einem auch dafür dankbaren Publikum. Aber tat er das als Willi Resetarits? Oder doch als Ostbahn-Kurti? Wie alt ist der überhaupt? Gezeugt wurde er, so Zeitzeugen, in einem Radiogespräch zwischen Wolfgang Kos und Günter Brödl, Mitte der Siebzigerjahre, genauer lässt sich das nicht eruieren. Allmählich erdachte Brödl für diese Kunstfigur eine Geschichte, 1983 erhielt sie Fleisch und Blut, von Willi Resetarits, der sie seitdem verkörpert, seit 2003 allerdings nur noch alle heiligen Zeiten, um es auf Wienerisch zu sagen.
Ist der Ostbahn-Kurti seitdem gealtert? Altern Kunstfiguren denn? Gewiss, Bob Dylan etwa altert seit 56 Jahren mit Robert Zimmerman (und ist wie dieser heute 75), werden jetzt manche sagen. Bei Ostbahn/Resetarits ist das anders, und sie haben auch nicht dieselbe Biografie. Dass der Ostbahn-Kurti viel mehr als eine Kabarettfigur ist, das ist das große Verdienst von Günter Brödl und Willi Resetarits gleichermaßen. Wie glaubhaft, ja wie lebendig er ist, konnte man auf der Kaiserwiese erleben, mit einer zum subtil-derben, oft südstaatlich (Louisiana, nicht Burgenland!) klingenden Rocken und Rollen entschlossenen neunköpfigen Band, fast drei Stunden lang, vor dem mit einem prächtigen Vollmond festlich geschmückten Riesenrad, dazwischen ein Publikum, wie es bewegter kaum sein kann. Dass manche, beseelt von den eifrig ausgeschenkten Bieren und G'spritzten, parallel zu Resetarits Erzählungen über den Kurti (in der dritten Person, weil es ja meist um den jungen Kurti geht, so kompliziert ist das!) einander Schwänke aus ihrem eigenen Leben erzählten, muss man verstehen. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, wie es in der Matthäus-Übersetzung Luthers heißt.
Rührend. Dass die Herzen voll waren, das versteht sich bei Zeilen wie „I glaub, des Glück wohnt a Tür weiter“ oder „Wo i z'haus bin, bin i net daham“. Nicht nur solche Schlüsselstellen, sondern ganze Lieder sangen viele mit, nicht immer „zierlich“, wie es Resetarits forderte, aber andächtig, berührt, um dann wieder „Kurti, Kurti!“ zu rufen, als wollten sie zeigen, wie gut der Ostbahn-Kurti sie spiegelt, in seiner Wehmut genauso wie in seiner Euphorie, mit der er die mütterlichen Mahnungen („Na, so wirst net alt!“) in den Wind schlägt und beschließt: „Mir bleib'n de ganze Nacht über d' Gleis auf da G'stättn, mir frag'n net, was morgen is.“
Solche Texte sind schwer schriftlich wiederzugeben, auch weil Resetarits' Wienerisch, wenn er den Ostbahn-Kurti gibt, ganz speziell ist: Das Wort „alles“ spricht er etwa nicht nur mit leicht zum „o“ tendierendem „a“ als „å“, sondern mit ganz geschlossenem „o“, fast wie den letzten Vokal im Wort „Rechaud“. Auf einem solchen wärmt sich der alte Arbeiter – neuerdings als Kurtis Vater vorgestellt – im Lied „Arbeit“ in der Früh den Kaffee; und ganz abgesehen von der Freude, dass er das eben sicher nicht auf einem „Stövchen“ tut, diese Nachdichtung des Bruce-Springsteen-Songs „Arbeit“ ist so berührend, weil in ihr bei allem Elend etwas mitschwingt, was man altväterlich Stolz und Würde der Arbeiterklasse nennen könnte, und was nicht nur in den USA leider verloren geht.
Natürlich, au weh, Resetarits ist gealtert, der Kurtl ist gealtert, das Publikum ist gealtert, und so hat vieles in den Texten auf einmal vergangenheitsseligen, nostalgischen Charakter. So mancher wird sich etwa gefragt haben: Ja, gibt's das Espresso Rosi noch? Solang K. O. durch den Mund von W. R. darüber singt, hat es offen. Bis zur Sperrstunde.
Fakten zur Legende
Am Sonntag findet ein zweites „Klassentreffen“ auf der Kaiserwiese statt. Und am 5. August 2017 tritt der Ostbahn-Kurti mit den „Musikern meines Vertrauens“ – so nennt er seine aktuelle Band – auf der Burg Clam auf.
2003 hat sich Willi Resetarits eigentlich – nach dem Tod von Texter und „Trainer“ Günter Brödl (2000) – von der Rolle des Ostbahn-Kurti verabschiedet. Seit 2011 gibt er aber von Zeit zu Zeit wieder als dieser Konzerte.
Die zweite Doppel-CD vom Mitschnitt des „Klassentreffens“aus dem Jahr 2014 ist soeben erschienen: Sie enthält die Coverversionen, die erste Doppel-CD enthält die Eigenkompositionen. wikipedia
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2016)