Im Festhaltegriff der Eitelkeit

OLYMPISCHE SOMMERSPIELE RIO DE JANEIRO 2016: JUDO / UNTERWURZACHER  AUT ; GARCIA  ECU
OLYMPISCHE SOMMERSPIELE RIO DE JANEIRO 2016: JUDO / UNTERWURZACHER AUT ; GARCIA ECU APA/HANS KLAUS TECHT
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Eine Bronzemedaille wurde bei Olympia in Rio gewonnen, es gab 17 Top-Ten-Plätze und beachtliche Leistungen. Österreichs Sport sucht aber weiterhin den Weg aus dem Mittelmaß.

Österreichs Olympia-Mannschaft hat sich bei den Spielen in Rio de Janeiro wacker geschlagen. Die ÖOC-Auswahl kehrt mit einer Bronzemedaille, gewonnen durch die Segler Thomas Zajac und Tanja Frank, aus Brasilien zurück und ist damit um eine stolze Plakette besser als bei der Nullnummer in London 2012. Nun rätselt nicht nur die Sportszene, ob diese Medaille ausreicht, um sich einen revolutionären Fortschritt schönzureden. Oder ob es eventuell nicht doch ratsamer ist, aufgrund der großteils erfrischenden Auftritte junger Sportler gleich dem kompletten System nicht nur einen weiteren, sinnlosen, politisch motivierten Neuanstrich zu verpassen, sondern es von Grund auf zu verändern.

Ein Sport ohne Politiker, müde Funktionäre und Versorgungspostenbezieher – diese bislang als undenkbar geltende Konstellation wird nun erwogen. Eine leistungsorientierte, zentralisierte und selektiv geförderte Leistungssportsparte, mit dem Wegweiser in eine erfolgreichere Zukunft. Ist das der Last Exit aus dem Mittelmaß?


Jeder Cent den Sportlern! Was im Wintersport in Österreich unwidersprochen Standard ist – Erfolg –, soll auch im Sommer verankert werden. Wenngleich Erklärungen von Politikern wie Sportminister Hans-Peter Doskozil erheiternd klingen, dass Sport und Politik getrennt sein müssen, so ist diese Diskussion weder neu noch jemals tatsächlich geführt worden. Aber plötzlich ist Bewegung in dieses Spiel gekommen. Nun will jeder der Erste gewesen sein, der diese Idee gehabt hat.

Reinhold Lopatka (ÖVP) legte E-Mail-Dokumente vor, die zeigen, dass er als Staatssekretär schon 2008 darauf gepocht hat, die Politik möge sich heraushalten. Seine Nachfolger, Norbert Darabos und Gerald Klug (SPÖ), haben aber alle Ansätze brav schubladisiert. Aus „Freundschaft“...

Nachdem Einigkeit unter den Koalitionspartnern zu herrschen scheint, beide predigen die gleiche Botschaft, könnte die Revolution ja starten. Gelder werden nur noch von einer Stelle – nach dem Vorbild der Schweiz oder Deutschlands – verteilt. Welche Rollen werden fortan Bundessportorganisation (BSO), Dachverbände wie Askö, ASVÖ und Union oder die Sporthilfe spielen? Wie sich diese Institutionen dann ihre Administration finanzieren, verspräche Grabenkämpfe. Ihr Glück“ Der Verteilungsschlüssel ist per Gesetz fixiert. Es ist jedoch ernüchternd, dass nicht jeder Förder-Euro bei Sportlern landet, sondern ein sehr hoher, zweistelliger Prozentsatz der zuletzt 80 Millionen umfassenden jährlichen Bundessportförderung in Mieten, absurde Gagen für neu bestellte, SPÖ-nahe Generalsekretäre, Geschäftsführer, Diäten etc. dieses Verwaltungsapparates fließt. In dieser Sparte ist Österreich Weltklasse.


Hoffnung da, immer Pech dort. In Rio überzeugten junge Debütanten. Schützin Olivia Hofmann wurde Fünfte, die Judoka Bernadette Graf (5.) und Kathrin Unterwurzacher (7.), Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger (6.) oder Ruderin Magdalene Lobnig (6.) lieferten Top-Ten-Resultate. Ein Griff da, ein Schlag dort, ein Meter hier – Edelmetall wäre keine Illusion gewesen. Freilich, der Konjunktiv ist nicht zu umgehen, aber es gab 17 solche Beispiele, die an der Spitze aufgetaucht sind.

Dass im Gegenzug Arrivierte mit Niederlagen nach 27 Sekunden oder dem Aus gegen zuvor als harmlos eingestufte Gegner enttäuscht haben, irritiert. Sich Niederlagen offen einzugestehen ist keine österreichische Stärke. Nach Abzug aller möglichen Handicaps wie Pech, Tagesverfassung, Wind, Regen, schlechter Vorbereitung oder der partiellen Blindheit des Referees – ein probates Mittel für den Heimvorteil des Veranstalters –, ist es doch letztendlich immer nur die eigene Leistung, die den Ausschlag gibt. Es verwundert allerdings keineswegs, dass sich die Enttäuschten immens, mit großem Einsatz, gegen Kritik wehren. Es geht ja schließlich um neue Förderungen. Von Stadt, Land, Bund, Töpfen, Heer; dieses Geld will niemand verlieren.

Das ist Sport-Profitum, wie es in Österreich seit jeher gedeiht. Dass man sich in der Gegenwart – in Rio wurde das von Trainern, Sportlern und einem ÖOC-Mitglied mehrfach offen gesagt bzw. gepostet – mit dem Erreichen des Austragungsortes oder der Teilnahme an einem Finale schon zufriedengibt, ist typisch für Österreich.


Und jetzt: Transparenz.Wem auch immer die Ehre zuteil wird, an den Riten des österreichischen Sports zu rütteln, der braucht dringend Hilfe. Unterstützung gegen Blockierer, Sesselkleber und Polit-Interventionen ist unerlässlich, der Rat zur Veröffentlichung solcher Machenschaften die passende Antwort. Transparenz ist, wenn man sie denn einsetzt, wirklich wunderbar. Ein Ausländer wäre optimal, unbefangen und eher gewillt, die Freunderlwirtschaft zu knacken. Die von Doskozil (nur ihm?) zu bestimmende Anlaufstelle für Sportförderung muss autonom, im Zusammenspiel mit Medizinern, Universitäten und Experten auswählen, welche Sportart, welcher Sportler in welchem Ausmaß unterstützt wird. Es wird Aufschreie geben, neue komplizierte Formulare, doch es bedarf dieser Reform. Nur wenn Leistung als einziges Kriterium zählt, sind die gepflegte Parteinähe oder längst verjährte Verdienste in Österreich nicht weiter von Belang. Wenn das sogar noch per Gesetz beschlossen wäre, könnte der Neustart sportlich gelingen.

Noch ist das alles Zukunftsmusik und man darf gespannt sein, ob die Ideen verwirklicht werden, Österreich den Weg aus dem Mittelmaß findet. Nur, um welchen Preis? Das Projekt Rio lief über vier Jahre und war 20 Millionen Euro schwer; für eine Bronzene. Diese Bilanz mag hart klingen, aber alle rechnen und werten nur in Medaillen. So beachtlich Top-Ten-Plätze auch sind, in der Summe ist das bei Olympia, WM oder EM zu wenig.

Österreich und das Mittelmass, siehe auch Seiten 36/37 im Leben

ZAHLENSPIEL

20Millionen Euro
umfasste das Projekt Rio für vier Jahre.

1,4Millionen Euro
erhielten Österreichs Beachvolleyballer für den Förderzeitraum bis Rio 2016.

80Millionen Euro

stehen in Österreich jährlich für die Verbandsförderung zur Verfügung. Die Aufteilung der Fördermittel: Spitzensport (50 %), Breitensport (45 %), zentrale Fördernehmer (5 %).

400Euro pro Monat
erhielten die Leichtathleten Beate Schrott und Dominik Distelberger von der Sporthilfe im Jahr 2015 (Kategorie Gold).

2Millionen Euro
erhielten Österreichs Segler für die Jahre 2015 und 2016 vom Projekt Rio.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2016)

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