Rechtsstreit: Oligarchen bauen auf Londons Justiz

BRITAIN SUPREME COURT
BRITAIN SUPREME COURT(c) EPA (ANDY RAIN)
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Reiche Russen zweifeln an der eigenen Justiz und ziehen britische Gerichte vor.

Moskau. Den 60. Geburtstag im Sommer hätte sich Schalva Tschigirinski anders vorgestellt. Zum Beispiel auf dem Wolkenkratzer „Rossija“, der Europas höchstes Gebäude mitten in Moskau hätte werden sollen. Und auch symbolisch der vorläufige Gipfel einer Karriere, die dem Platzhirschen auf dem russischen Immobiliensektor und den Großaktionär der Ölgesellschaft Sibir Energy ein Vermögen von 2,8 Mrd. Dollar (2008) brachte.

Mit 60 kam alles anders. Nicht nur, dass er durch die Krise das meiste Geld verloren hat. Am Dienstag hat ein Londoner Gericht auch befunden, dass er 210 Mio. Dollar an Sibir Energy abliefern muss. Am Ende könnten es 400 Mio. sein. So viel nämlich hatte sich Tschigirinski aus dem von der Gazprom-Gruppe kontrollierten Ölkonzern ohne Wissen des Aufsichtsrates „geliehen“, um andere auf Pump gebaute Aktiva zu retten. Mit dem Fall wird die britische Justiz abermals zum Schauplatz von Rechtsstreitigkeiten postsowjetischer Magnaten. Eben dort sollen immer mehr undurchsichtige Besitzverhältnisse der russischen Clan- und Beamtenökonomie geklärt werden.

Tycoons fliehen vor Transparenz

Niemand Geringerer als der einst mächtige und von Präsident Wladimir Putin später exilierte Boris Beresowski verlangte zuletzt über Londons Justiz von seinem Exgeschäftspartner und Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch 3,5 Mrd. Dollar als Kompensation für angeblich unter Erpressungen billig abgekaufte Aktiva. Dass London angerufen wird, ist „das Ergebnis einer interessanten ethischen Kollision“, meinte der Banker Leonid Berschidski: „Die Großunternehmen nämlich haben die russischen Gerichte korrumpiert, und jetzt fehlt ihnen selbst aus diesem Grund das Vertrauen in sie.“

Dabei kann London zum Albtraum werden, wie das russische „Forbes“-Journal schreibt: Was vor Russlands Gerichten unausgesprochen bleibe, werde in London publik. So zog der geheimnisvolle Milliardär Gennadi Timtschenko, als er im Juli erfuhr, dass der von ihm angestrengte Prozess gegen das Magazin „Economist“ in London öffentlich ist und Offenlegungen über Geschäftspartner verlangt, eine gütliche Einigung vor. Der „Economist“ hatte in einem Artikel über Korruption dargelegt, dass der Petersburger Timtschenko den Aufstieg seiner Firma „Gunvor“ zum weltweit drittgrößten Öltrader seinen frühen Verbindungen zu Putin verdanke.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2009)

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