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Videodolmetschen, wenn der Arzt kommt

(c) SAVD-Videodolmetschen GmbH
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In der Kommunikation zwischen Patient und Arzt geht es oft um Nuancen. Eine Online-Plattform bietet deshalb Dolmetsch-Service in Ton und Bild am Tablet auf Abruf.

Anamnese heißt „Erinnerung“: Das Wort kommt aus dem Griechischen und bezeichnet heute das erste Gespräch mit dem Arzt, bei dem der Patient sich eben daran erinnert, wie es zu dem Zustand kam, der ihn in die Praxis führte. „Die Anamnese macht ein Drittel unserer Kunst aus“, neben Untersuchung und Therapie, sagt Gustav Fischmeister. Er ist Kinderarzt und hat als Oberarzt im Wiener St. Anna-Kinderspital häufig mit kleinen Patienten zu tun, die kein Deutsch sprechen. „Es geht dabei um jegliches Gespräch mit dem Patienten“, sagt er. Das Verständnis müsse verlässlich hergestellt werden, „sonst passieren Fehler!“

Das Spital verwendet deshalb seit ein paar Jahren Dolmetscher, die bei Bedarf angefordert und per Video zugeschaltet werden können – 2013 im Pilotversuch, initiiert von der Österreichischen Plattform Patientensicherheit und dem Gesundheitsministerium. Ärzte, Pfleger und Patienten wagten sich zu Beginn nur ungern über die „Hemmschwelle“, mit einem Video-Dolmetscher zu sprechen, erzählt Fischmeister.

Laien-Dolmetscher entlasten

„Außerdem wurden damals nur Gebärdensprache, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Türkisch angeboten – also Sprachen, für die man ohnehin leicht eine Umgebungshilfe findet, wenn etwa eine Tante dabei ist, die Deutsch spricht“, erzählt der Kinderarzt. Auch das Anliegen, solche Laien-Dolmetscher zu entlasten, trug ursprünglich zur Gründung des Projekts bei. „Die Sprachen aber, die man wirklich braucht, die gab es damals nicht.“

Das hat sich geändert: Derzeit umfasst das Service der SAVD Videodolmetschen GmbH 62 Sprachen; 2015 beteiligte sich der Wiener Manz-Verlag an dem Unternehmen. Die Dolmetscher stehen rund um die Uhr entweder innerhalb von zwei Minuten (z. B. Arabisch, Ungarisch), einer Viertelstunde (z. B. Kurdisch, Vietnamesisch), zwei Stunden (z. B. Mongolisch, Hindi) oder eines Tages (z. B. Suaheli oder Igbo, das in Nigeria gesprochen wird) zur Verfügung. „Jetzt hat jede Station bei uns ein Tablet, über das wir relativ problemlos Dolmetscher anfordern“, erzählt Fischmeister. „Ich beobachte das mit Schmunzeln“: Je benutzerfreundlicher das Gerät, umso höher die Frequenz seiner Nutzung, sagt der Kinderarzt, der die Technologie von Anfang an befürwortete.

In der Anwendung ist für den Benutzer am Tablet, Rechner oder Smartphone eine Oberfläche sichtbar, von der aus er oder sie die gewünschte Sprache anwählen kann – aufgrund der Fluchtkrise sind dies derzeit zuallererst Arabisch und Farsi. „Eine verschlüsselte Verbindung wird aufgebaut und Sie kommen direkt zum Dolmetscher“, sagt Feldin Smajlovic, Geschäftsführer der SAVD Videodolmetschen.

„Wir legen großen Wert auf Datenschutz. Ton und Bild wird übertragen, aber nichts davon gespeichert.“ Zur Geheimhaltung sind auch die – entweder universitär ausgebildeten oder gerichtlich beeideten – Dolmetscher verpflichtet, die teils freiberuflich via Webcam von Zuhause aus arbeiten. Smajlovic: „Wenn eine Session läuft, darf sich niemand sonst im Raum befinden, kein Telefon klingeln.“ Der Bildhintergrund, der für Patient und Arzt sichtbar ist, muss neutral sein.

In Spital, Justiz und Magistrat

Unter den Videodolmetschern gibt es je einen Verantwortlichen, der das für diese Sprache verpflichtende „Glossar“ betreut. „Jedes Mal, wenn wir einen neuen Kunden bekommen, holen wir alles Material dazu ein“, erklärt Ute Hübler, Qualitätsmanagerin des Unternehmens. Das gelte auch für den öffentlichen Bereich: Der Dienst arbeitet unter anderem für das Salzburger Jugendamt, die Wiener Frauenhäuser und mehrere Justizvollzugsanstalten in Deutschland und Österreich. Aus der Privatwirtschaft gäbe es ebenfalls Anfragen.

Im St. Anna-Kinderspital gehört das Videodolmetschen mittlerweile zum Regelbetrieb: Durchschnittlich 35 Gespräche pro Monat werden so geführt. „Die Schweiz zum Beispiel arbeitet mit einem ähnlichen System, aber per Telefon – da hat man natürlich keinen Augen- bzw. Gesichtskontakt“, sagt Kinderarzt Fischmeister.

„Von den Gelegenheiten, bei denen ich das Videodolmetschen genutzt habe, kann ich sagen: Die Patienten entspannen sich, wenn sie jemanden sehen, der ihre Sprache spricht. Da baut sich eine Verbindung auf. Wir sitzen dann im Dreieck zusammen – diese Interaktion kann ich mir am Telefon nicht vorstellen.“ Kinder reagierten auf den Menschen am Bildschirm laut Fischmeister übrigens parallel zu ihren Eltern: „Sobald die Mutter sich entspannt, entspannt sich auch das Kind.“

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