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China: Führungstraining für Dreijährige

Englisch, Mathematik, Schwimmen, Tanzen, Klavier: Der Stundenplan außerhalb der Schule ist für viele chinesische Kinder lang.
Englisch, Mathematik, Schwimmen, Tanzen, Klavier: Der Stundenplan außerhalb der Schule ist für viele chinesische Kinder lang.(c) APA/AFP/NICOLAS ASFOURI
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Schon im Kindergarten beginnt für Chinesen der Kampf ums Überleben in der Bildungs- und Berufswelt. Eltern scheuen dafür keine Kosten und schicken ihren Nachwuchs in CEO-Kurse.

Wien/Peking. „Überlassen Sie uns Ihr Kind, wir geben Ihnen eine zukünftige Führungsperson zurück.“ Es ist einer von Tausenden Slogans von Kindertrainingscamps in ganz China, die seit einigen Jahren unzählige Eltern in ihren Bann ziehen. Ihre Schule biete Kurse für Drei- bis Zwölfjährige an, in denen Sprösslinge mit CEO-Qualitäten, also Fähigkeiten für Geschäftsführer, ausgestattet würden, sagte ein Lehrer zur staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Preise sind gesalzen: 50.000 Yuan (knapp 6650 Euro) pro Jahr für eine oder zwei Einheiten wöchentlich.

Auch für die Sommermonate gibt es viele hochpreisige Angebote: etwa royale Kinderreitkurse, Finanzstunden oder Golfunterricht, der das „körperliche und mentale Durchhaltevermögen“ der Jüngsten stärken soll. Leisten können sich diese teuren Freizeitbildungsangebote hauptsächlich reiche Städter. Die Kurse sind der Inbegriff des hochkompetitiven Bildungssystems im Land: Vom Kleinkindalter an bis zu dem Zeitpunkt, wenn Chinas 18-Jährige zum Gaokao, der chinesischen Matura, antreten, steht Chinas Nachwuchs in einem harten Konkurrenzkampf – getrieben von den Eltern, die eine gute Universitätsbildung als Grundstein für einen angesehenen Beruf betrachten.

Der Wettstreit beginnt meist bereits mit drei Jahren. Denn einen Platz an den besten Universitäten des Landes sichern sich nur Schüler, die schon zu Beginn ihrer Bildungskarriere in renommierten Institutionen unterrichtet wurden. So stammten 70 Prozent der Studenten, die 2015 an den zwei namhaftesten Universitäten in Shanghai zugelassen wurden, von den zwölf anerkanntesten Mittelschulen der Stadt, berichtet das chinesische Regierungsblatt „Global Times“. Eltern scheuen daher keine Kosten und Mühen, um ihren Kindern die bestmögliche Zukunft zu ermöglichen. Ihre Nachkommen sollen nicht bereits an der Startlinie scheitern, heißt die Devise. Mehrere Zehntausend Yuan buttern Familien allein in die Vorbereitung für die Aufnahme in eine der (meist privaten) Topvolksschulen.

 

16-stündiger Tagesablauf

Hoch im Kurs liegen private Vorschulen. Sie bieten speziell für die Aufnahmeprüfungen einzelner Einrichtungen zugeschnittene Vorbereitungskurse an. Überprüft werden bei den Tests etwa Mathematik- und Chinesischkenntnisse oder das logische Verständnis der Kinder – Fähigkeiten, die staatliche Kindergärten nicht vermitteln. Die Erfolgschancen der Institutionen sind so hoch, dass sich Eltern in Shanghai im Juni 40 Stunden für die Registrierung ihrer Kinder in einer populären privaten Vorschule angestellt haben. Denjenigen, die nicht warten wollten, verkauften Schwarzhändler Plätze in der Warteschlange um 660 Euro.

Bei der Zukunftsplanung für den Nachwuchs wird nichts dem Zufall überlassen: Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder zu Begabungsgentests. Ob Musik, Wissenschaft, Sport oder die Belastungsfähigkeit in Stresssituationen, die Untersuchungen sollen die verschiedenen Talente der Kleinen offenbaren und gezielte Förderung ermöglichen. Für Chinas Schüler bedeutet dieser Konkurrenzdruck vor allem wenig Freizeit. Im März sorgte ein im Internet veröffentlichter Zeitplan eines Neunjährigen für Aufsehen. Zwischen der Tagwache um fünf Uhr früh und der Schlafenszeit um elf Uhr abends ließ die Mutter ihrem Sohn in dem 16-stündigen Tagesprogramm nur eine halbe Stunde Pause: Außer dem regulären Schulunterricht standen Englisch, Mathematik, antike chinesische Literatur, Kalligrafie, Schwimmen, Tanzen und Klavier auf dem Programm. Nicht umsonst hat sich in China der Begriff Tigermutter etabliert.

Die Kritik an dem wettbewerbsorientierten System wächst, immer mehr Chinesen schicken ihre Kinder in internationale Schulen und später zum Studium ins Ausland. „Auf der Universität lernten wir mehr außerhalb als im Unterricht“, erzählt Bildungsexperte Li Zixin der „Global Times“. „Aber um auf diese Unis zu gelangen, mussten wir schonungslose prüfungsorientierte Wettkämpfe absolvieren.“ Viele wichtige Dinge im Leben habe er so nie erfahren.

Auf einen Blick

Der Konkurrenzkampf um gute Schul- und Universitätsplätze in China ist hart. Viele Chinesen aus der Mittel- und Oberschicht schicken ihre Kinder daher bereits ab drei Jahren in außerschulische Bildungseinrichtungen. Dort soll der Nachwuchs den entscheidenden Wettbewerbsvorsprung erhalten – etwa mit CEO-Kursen, in denen den Kleinen Qualitäten für Führungskräfte vermittelt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2016)