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Der Himmel ist kein Apple Store

Store employees stand in front of a screen displaying iPhones during a preview event at the new Apple Store Williamsburg in Brooklyn, New York
REUTERS
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KommentarApples Fähigkeit, Menschen emotional an sich zu binden, ist konkurrenzlos in der Wirtschaft. Doch jetzt hat das Unternehmen eine Grenze überschritten.

"Wir glauben, dass unsere Kunden unsere Seele sind. Menschen, die sich ineinander wiedererkennen. Menschen, die strahlen, ohne dabei im Rampenlicht zu stehen. Menschen, die daran arbeiten, diese Welt besser zurückzulassen, als sie sie vorgefunden haben. Leute die leben, um Leben zu bereichern", ist kein Auszug aus einem religiösen Manifest. Es ist das von Apple aktuell überarbeitete Firmencredo. Und es wirft die Frage auf, ob das Unternehmen nun endgültig zur Sekte mutiert ist.

Dabei lässt sich die Frage nach der Definition einer Religion schwer beantworten. Darüber diskutieren seit jeher Philosophen, Theologen und Wissenschaftler. Der Anthropologin Kirsten Bell zufolge gibt es acht Grundzüge, um eine Religion in einer Gesellschaft zu bestimmen. Und anhand dieser gibt es Überschneidungen, die sich nicht bestreiten lassen.

Jährliche Wallfahrt zum Apple Store

Immerhin pilgern seit Jahren zigtausende Menschen zum Verkaufsstart zu den Apple-Stores, um den "heiligen Gral", das neue iPhone, so schnell wie möglich in Händen zu halten. Sie sind bereit Tage in Kälte und Regen auszuharren und ihren Platz zu verteidigen, wenn es sein muss. Das Ende der Wallfahrt, wenn das iPhone endlich eingetütet und die Kreditkarte glüht, wird frenetisch gefeiert als hätte der Erstgeborene gerade seine ersten Schritte gemacht. Ein ritueller Akt, der sich bei jedem Produkt-Release weltweit wiederholt.

Der wohl ausgeprägteste Punkt auf der Sekten-Checkliste ist der Moralkodex. Denn Apple zu kritisieren kommt einer Todsünde gleich. Entweder hat der Gesprächspartner keine Ahnung, lebt auf einem anderen Planeten oder ist sowieso lebensunfähig. Apple zu kritisieren ist ein persönlicher Affront und kann nicht hingenommen werden. Andere Meinungen sind einfach falsch.

Dass Apple in China unter unmenschlichen Bedingungen produzieren lässt, unwichtig. Wenn Menschen deswegen sterben, werden sofort andere Firmen genannt, die ebenfalls dort Aufträge erteilen. Eine andere Meinung kann daneben nicht gelten. Apple hat längst keine Fanboys mehr, sondern eine ausgewachsene Armee an Apple-Missionaren.

Das übernatürliche Wesen Steve Jobs

Die Rolle von Steve Jobs darf dabei nicht fehlen. Medial als iGod, Apple-Guru und IT-Messias gefeiert, hat er sich als Visionär und Retter des Unternehmens einen Platz in der Geschichte verdient. Dass er ein Tyrann war, der Menschlichkeit an zweite, wenn nicht sogar dritte Stelle reihte, ist nebensächlich. Er hat es aber geschafft, sein Umfeld zu manipulieren und von seiner Wahrheit zu überzeugen. Und die PR-Abteilung hat diese Strategie in den letzten 40 Jahren übernommen und perfektioniert.

Nun ist es nicht so, dass jeder Mensch, der ein Apple-Produkt besitzt, auch einem Sektenmitglied gleichgesetzt werden kann. Aber wie in jeder Religion gibt es Fantasten, die keine andere Meinung gelten lassen. Und ganz ehrlich, es ist nur ein technologisches Produkt. Heldenverehrung ist fehl am Platz. Es ist ein Viereck mit abgerundeten Ecken, das aus Platinen, Kabeln, Glas und Chips besteht. Nichts davon ist es wert glorifiziert zu werden, oder gar danach beurteilt.

Es ist an der Zeit zum Marken-Atheisten zu werden und ein Produkt losgelöst von allen Emotionen zu bewerten. Und wenn es den eigenen Bedürfnissen und Anforderungen entspricht, dann ist es auch gut und kein Grund, Grundsatzdiskussionen darüber zu führen, geschweige denn, andere von ihrem Glück überzeugen.

E-Mails an: barbara.grech@diepresse.com