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US-Besuch bei einem „gestressten“ Freund

US-Vizepräsident Joe Biden.
US-Vizepräsident Joe Biden.(c) APA/AFP/PETRAS MALUKAS
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US-Vizepräsident Joe Biden reist nach Ankara. Seit dem Putschversuch kriselt es zwischen den langjährigen Verbündeten.

Washington. Wenn US-Vizepräsident Joe Biden am Mittwoch die Türkei besucht, trifft er auf ein Land, das sich seit seiner letzten Visite vor einem halben Jahr völlig verändert hat. Schon damals gab es Streit, etwa über das Thema Meinungsfreiheit. Doch diese Differenzen waren harmlos verglichen mit dem, was Biden nun erwartet: Seit dem Putschversuch sind die USA für die Türken zum großen Buhmann geworden. Eine jahrzehntelange Partnerschaft löse sich auf, meinen Experten. Washington ist sichtlich besorgt: Zuerst sollte Außenminister John Kerry reisen. Doch dann kam die US-Regierung zu dem Schluss, dass ein bloßer Ministerbesuch wohl nicht genug sein würde. Die Gräben zwischen Türken und Amerikanern sind tief.

Türkische Regierungsvertreter und regierungsnahe Medien verbreiten offen die These, die Amerikaner seien die eigentlichen Drahtzieher des Umsturzversuches gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan gewesen. Laut einer Umfrage glauben zwei von drei Türken, dass Washington die Weichen für den Putsch gestellt hat: Der von Erdoğan als Putschführer bezeichnete Geistliche Fethullah Gülen lebt seit fast 20 Jahren in den USA. Amerika müsse sich zwischen Gülen und der Türkei entscheiden, sagte Erdoğan kürzlich. Ministerpräsident Binali Yıldırım betonte am Wochenende, das Asyl für Gülen in den USA sei dabei, die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu „zerstören“.

So tief die türkische Enttäuschung ist – sie ist keineswegs der einzige Grund für das wachsende Zerwürfnis zwischen zwei Ländern, die sich seit den 1950ern als enge Partner sehen. Die Unterstützung der USA für kurdische Milizen in Syrien bei deren Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) ist Ankara seit Jahren ein Dorn im Auge.

Die Kurden wollten im Norden Syriens entlang der türkischen Grenze einen eigenen Staat gründen und die Türkei damit vom Rest des Nahen Ostens trennen, heißt es in Ankara: Die Türkei solle auf Geheiß der USA eingekesselt werden, schrieb Ibrahim Karagül, Chefredakteur von Erdoğans Leib- und Magenblatt „Yeni Safak“. Karagül fordert, die Türkei solle die auf der südtürkischen Luftwaffenbasis stationierten US-Nuklearwaffen unter ihre Kontrolle bringen. Kurz vor Bidens Ankunft nahm die türkische Artillerie Stellungen der mit den USA verbündeten syrischen Kurden unter Beschuss.

 

US-Experten empfehlen neue Partner

In Washington empfehlen einige Experten der Obama-Regierung, sie solle die Konsequenzen ziehen und andere Nahost-Länder als enge Partner auswählen. Steven Cook von der Denkfabrik Council on Foreign Relations sagte jüngst bei einer Konferenz, der „Mythos“ der weit in den Kalten Krieg zurückreichenden amerikanisch-türkischen Partnerschaft sei als Basis für eine enge Kooperation im 21. Jahrhundert zu wenig.

Offiziell will die US-Regierung nichts von einer solchen Neuausrichtung wissen. Die Türkei bleibe als Nato-Partner und als Genosse im Kampf gegen den IS wichtig, sagte Außenamtssprecher John Kirby vor einigen Tagen. „Die Türkei ist ein Freund und Verbündeter“, betonte er. Ankara sei wegen des Putschversuches derzeit lediglich „ein wenig gestresst“. Bidens Besuch wird zeigen, ob das wirklich alles ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2016)