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Wie viel Aufklärung verträgt der Supermarkt?

Supermarkt-Auswahl
Supermarkt-Auswahl(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)
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Mit dem Kalorienzählen begann bereits vor Jahrzehnten eine Radikalisierung der Essenskultur. Heute flüchten Konsumenten in "Fundamentalismen".

„Als ich hierher nach Alpbach hergekommen bin, erinnerte mich das an den ,Zauberberg‘ von Thomas Mann“, sagt Daniel Kofahl. Er ist Ernährungssoziologe und reiste von der Universität Trier an. In Manns Roman besucht ein junger Mann ein Kurhotel; der Arzt dort fragt ihn, woran er leide. „Er beschreibt sich als gesund, woraufhin der Arzt sagt: ,Ein ganz gesunder Mensch, den gibt's ja gar nicht!‘“ Kofahl diskutierte am Dienstag mit Robert Nagele, Vorstandsdirektor bei Billa, zum Thema „Ernährung, Gesundheit & Co. – Alles auf Mausklick?“ die vermeintliche Aufklärung von Gesundheitsmythen im Web.

Der Soziologe kritisiert, was es in unserer Gesellschaft bedeutet, gesund zu sein: Der Begriff ist als strenger Gegensatz zu Krankheit definiert. „Dabei ist man nie nur gesund oder nur krank; vielmehr handelt es sich um ein Kontinuum.“ Wo darin man sich positioniere, sei weniger vom körperlichen Zustand als von der Geisteshaltung abhängig. „Der Optimist sagt: Ich bin nicht ganz gesund, kann aber diese Aspekte betonen.“

Radikalisierung: „Punch a Vegan“

Nahrungsmittel tragen zur Gesundheit bei, keine Frage. Doch wird, auch um verschiedene Produkte oder Marken voneinander abzugrenzen, Inhaltsstoffen heute enorme Bedeutung zugeschrieben. Ist es zu viel der Information, mit der Konsumenten auf Lebensmittelpackungen konfrontiert werden? Nagele ist bewusst, dass die vielen verschiedenen Gütesiegel und Qualitätszeichen die Menschen überfordern: „Wir haben uns für die nächsten Jahre vorgenommen, da Komplexität herauszunehmen.“

Kofahl meint, viele Menschen retteten sich – angesichts des Informationsüberflusses – in vermeintliche Vereinfachungen. Sie rutschten so in Fundamentalismen, um sich in einer Welt mit komplexen Anforderungen zurechtzufinden. „Es gibt etwa die Social-Media-Bewegung ,Punch a Vegan‘“, erzählt er, in der sich Fleischesser gegen Veganer verbünden. Diese Radikalisierung habe aber schon vor 20 Jahren im Offline-Bereich begonnen – „denken Sie ans Kalorienzählen.“

Stattdessen gehe es darum, Informationskompetenz zu entwickeln: „Nicht viel zu wissen, ist per se nichts Schlechtes“, wenn man es dennoch schaffe, fundierte Informationen aus dem Web und anderen Quellen laufend in seine Gesundheits- und Ernährungskonzepte zu integrieren. Die Zuverlässigkeit von Quellen abzuschätzen, sei aber gerade im Ernährungsbereich eine Kunst. Denn jeder von uns könne hier als glaubwürdiger Experte auftreten: „Wir alle essen und wissen, wie Produkte auf uns wirken.“ Manche Konsumenten vertrauen eher einer Marke, andere lieber einer Person – dem Bauern, auf dessen Hof man einkauft, oder dem Fleischhauer. Kofahl: „Online funktioniert das stark über Kommentarfunktionen – wie bewertet die Schwarmintelligenz oder Schwarmdummheit etwas?“

In unserer Kultur seien wir ständig zwischen Nachahmung anderer und der eigenen Individualisierung hin- und hergerissen. In Web orientiere man sich gerne an Leuten, die ähnliche Probleme haben wie man selbst. Dass die einen dazu bringen können, falschen Idealen nachzueifern, sieht Kofahl. Er meint aber, das sei nicht nur ein Phänomen des digitalen Diskurses: „Man muss schließlich auch im echten Leben begreifen, wie der eigene Körper als Sinnesmaschine funktioniert.“ Menschen, die nur wahrnehmen, was der Computer (oder die Meinungen in Online-Foren und Blogs) ihnen reflektiert, hätten dies verlernt.

Schulobst, Schnäpschen und Torte

Der Handel liefert durchaus auch mit aufklärerisch gemeinten Kampagnen Informationen zu seinen Produkten: In einer Werbung besuchte etwa das Billa-Testimonial „Hausverstand“ das Tote Meer und wollte die Konsumenten so daran erinnern, nicht zu viel Salz zu sich zu nehmen, sagt Nagele. „Wir können die Konsumenten schon verführen, gesündere Angebote in Anspruch zu nehmen – aber nur in vielen kleinen Schritten.“ Auch hierbei helfe die Digitalisierung (und in diesem speziellen Fall auch finanzielle Unterstützung aus Brüssel): „Schulen können über unseren Onlineshop Schulobst und -gemüse bestellen, das wir am nächsten Tag liefern.“ Die EU fördere diese Initiative laut Nagele zu 75 Prozent. So kommen auch Kinder an „gesunde“ Lebensmittel, die sich sonst vielleicht eher von Fertigkost ernähren.

„Gesundheitsbewusstsein ist schichtabhängig“, sagt Kofahl. Einkommensschwache Familien könnten sich in kaum einem Bereich inszenieren: Die Plattenbauwohnung sei weniger attraktiv als die Villa am Stadtrand. „Schnäpschen und Torte“ hingegen munden unter Umständen besser als das karge Biomahl der Oberschicht.

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