Nordkorea: Kim provoziert Nachbarn mit U-Boot-Rakete

Der neue Vater der Nation. Kim Jong-un mit Schulkindern anlässlich des 70-Jahr-Jubiläums der Republik.
Der neue Vater der Nation. Kim Jong-un mit Schulkindern anlässlich des 70-Jahr-Jubiläums der Republik.(c) REUTERS (KCNA)

Der Rekordflug einer Rakete schockiert die Anrainer am Japanischen Meer. Tokio protestiert ratlos, Peking findet klarere Worte der Kritik am Verbündeten.

Tokio. Kim schießt wieder aus der Hüfte. Am Mittwoch, gegen 5.30 Uhr Ortszeit, feuerte das nordkoreanische Regime erneut von einem U-Boot Richtung japanische Küste. Erstmals stürzte die Rakete jedoch nicht nach sehr kurzer Zeit in das Japanische Meer, sondern flog bedrohliche 500 Kilometer, gab das südkoreanische Militär bekannt. Solche Starts sind Pjöngjang zwar per UNO-Resolution untersagt, aber Diktator Kim Jong-un ignoriert die Weltmeinung. Er ließ in den vergangenen Monaten schon mehrfach ballistische Fluggeschosse abfeuern, auch von U-Booten.

Die besonders schlechte Nachricht daran ist, dass Nordkorea seine Waffentechnik in der Reichweite offenbar so verbessert hat, dass die jüngste Rakete in Japans Luftraumüberwachungszone eindringen konnte, ein Seegebiet, in dem Japan gemäß internationalem Recht Wirtschafts- und Hoheitsbefugnisse ausübt. Zudem muss befürchtet werden, dass Pjöngjang von mobilen Zielen aus die Sicherheit in der Region jederzeit und erst spät erkennbar bedrohen kann. Die Reaktionszeit auf Raketen, die von U-Booten aus abgefeuert werden, ist deutlich geringer, als wenn sie von landgestützten Abschussrampen kommen.

Japans Premierminister, Shinzo Abe, protestierte gegen die „ernsthafte Bedrohung der Sicherheit unseres Landes“. Sein Regierungssprecher, Yoshihide Suga, warf Nordkorea die Gefährdung der zivilen Luft- und Schifffahrt vor: „Es gab keine Vorwarnung und das ist ein extrem gefährlicher Akt.“ Ob und was Japan als Gegenmittel im politischen Repertoire hat, ließ die Regierung jedoch erneut offen.

 

Kaum Konsequenzen für Kim Jong-un

Im Gegensatz zu diesen etwas hilflos wirkenden Protesten aus Tokio fand Peking diesmal klarere Worte an die Adresse der Verbündeten in Pjöngjang. „China lehnt Nordkoreas Nuklear- und Raketenprogramm ab und wendet sich gegen alles, was Spannungen auf der koreanischen Halbinsel hervorruft“, erklärte Außenminister Wang Yi nach einem Treffen mit seinen Kollegen aus Japan und Südkorea.

Deutliche Worte ja, aber wenig Wirkung – Konsequenzen müssen Kim Jong-un und Genossen kaum befürchten. Das Regime hat in diesem Jahr bereits mit einem verbotenen Atomtest im Januar und mehreren Raketenstarts die Welt provoziert, ohne dass ernsthaft etwas dagegen unternommen wurde. Wie immer, wenn Kim zündelt, zeigt sich das Dilemma oder gar die Ohnmacht der internationalen Gemeinschaft. Man verlässt sich darauf, dass Pjöngjangs unmittelbarer Nachbar und ideologisch langjähriger Verbündeter Peking das Regime zur Räson bringen kann.

Der Jungdiktator baut jedoch offenbar darauf, dass die chinesische Führung zu diesem Zeitpunkt und im Eigeninteresse stillhalten wird. Bisher ist Peking trotz Drängens aus Washington stets davor zurückgeschreckt, die Wirtschafts- und Energiehilfe einzustellen und bewahrt damit das Regime vor dem Zusammenbruch. Aber auch patriotische Hardliner in Seoul bestärken die Risikobereitschaft des Nordens indirekt. Dessen Militärprovokationen eignen sich hervorragend als Argument für den südkoreanischen Wunsch nach eigenen Atomwaffen. Und Seoul hat schlicht Angst davor, dass ein Kollaps des nordkoreanischen Regimes Millionen von Flüchtlingen über die Grenze treibt.

Also wird protestiert und manchmal auch sanktioniert, aber im Prinzip lässt man die Scharfmacher in Nordkorea gewähren. Notfalls muss als Begründung sogar eine fadenscheinige Selbstbeschuldigung herhalten. So sieht die Militärführung in Seoul ein kurz zuvor begonnenes südkoreanisch-amerikanisches Manöver als möglichen Vorwand des Raketentests an. Bisher haben die Staatsmedien in Pjöngjang selbst diesen Konnex nicht hergestellt. Allerdings hat der Propagandaapparat vor zwei Tagen im Manöverkontext zum wiederholten Mal mit einem atomaren Erstschlag gedroht.