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„Amatrice existiert nicht mehr“

Von den meisten Häusern in Amatrice sind nur Trümmer geblieben. Dutzende Menschen könnten noch unter dem Schutt begraben sein.
Von den meisten Häusern in Amatrice sind nur Trümmer geblieben. Dutzende Menschen könnten noch unter dem Schutt begraben sein.(c) APA/AFP/FILIPPO MONTEFORTE
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Ein schweres Erdbeben hat Mittelitalien erschüttert. Auch in der Nacht versuchten Helfer noch überlebende zu retten. Besuch in einer zerstörten Gemeinde.

Die Bilder hängen noch an der Wand. Dicht nebeneinander. Alte Landschaftsgemälde in dicken braunen Holzrahmen. Ein Stockwerk darüber steht ein rotes Sofa aus Samt. Der bunte Teppich hängt aus dem Loch heraus, das das Erdbeben in dieser Nacht in das Haus in Amatrice gerissen hat. Zwei Häuser weiter ist kein Stein auf dem anderen geblieben.

„Man schläft. Und plötzlich ist man tot.“ So beschreibt Pasqualino Bernardini die Nacht, die er und seine Familie gerade erlebt haben. Um 3.36 Uhr ging es los, das Erdbeben der Stärke 6,2, das diesen kleinen Ort in Schutt und Asche gelegt hat. Das allein hier mindestens 100 Menschen und mindestens 247 in der ganzen Gegend das Leben gekostet hat. Alleine aus der Gegend von Amatrice und Accumoli wurden 368 Verletzte in Krankenhäuser gebracht.

Pasqualino sitzt mit seinem Sohn Filippo in dem kleinen Park am Ende der Hauptstraße von Amatrice. Der Elfjährige nagt an einem Keks mit Schokoladenüberzug. Sein Vater sitzt stumm neben ihm, starrt vor sich auf den Boden. Sein orangefarbenes T-Shirt ist vom Staub bedeckt, wie auch die Jeans und die einst schwarzen Schuhe. „Seinen Großvater haben wir vorhin gefunden.“

Er spricht leise und langsam, aber bedacht. Scheint jedes Wort genau abzuwägen. Sie seien in der Nacht sofort aus dem Haus gelaufen. Nur seine Mutter fehle. „Sie kann sich nicht mehr so gut bewegen, hat es nicht aus dem Haus geschafft“, sagt der 58-Jährige. „Was mit ihr jetzt ist – ich weiß es nicht. Sie ist noch dort“, sagt Pasqualino und deutet nach rechts. Von dem Haus, das am Anfang des Corso Umberto I einst gestanden ist, ist nur noch der Schornstein zu erkennen. Der Rest ist ein staubiger Haufen aus Steinen und Hausrat. Amatrice, der kleine Ort in den Bergen etwa 150 Kilometer von Rom entfernt, ist in Schockstarre. Die Menschen sitzen in einer Reihe auf dem Bordstein, warten darauf, dass ihre Verwandten, ihre Freunde und Nachbarn aus den Geröllbergen auftauchen. Nur wenige sprechen.

Hubschrauber landen im Minutentakt

Auch die Helfer, Militär, Feuerwehr, Rotes Kreuz, Träger jeder erdenklichen Art von Uniform, laufen still an ihnen vorbei in den Corso Umberto I. Sie tragen Schaufeln und Hacken über ihren Schultern, viele haben einen Mundschutz vor dem Gesicht. Nur die Hubschrauber, die im Minutentakt auf dem improvisierten Landeplatz nur wenige Meter weiter aufsetzen, reißen ein Loch in die Stille.

In den Straßen treten die Helfer und ihre Hunde vorsichtig über die Berge von Schutt. Langsam graben sie sich voran. „Amatrice existiert nicht mehr, unsere ganze Gemeinde liegt in Trümmern“, hat der Bürgermeister, Sergio Pirozzi, die Lage beschrieben. 2600 Menschen sind hier obdachlos geworden, fast noch einmal so viele im nahen Ort Accumoli, der auch fast völlig zerstört wurde und wo mindestens elf Menschen gestorben sind.

Antonio sitzt auf einem kleinen Hügel von weggeräumten Steinen am Straßenrand einer Nebenstraße. Der 47-Jährige arbeitet beim Roten Kreuz. „Wir kommen aus Rom, sind dort heute früh um fünf losgefahren“, erzählt er erschöpft. „Wir haben gleich verstanden, dass das etwas Heftiges ist. Wir haben es sogar bei uns in Rom gespürt.“ 150 Helfer seien allein vom Roten Kreuz in Amatrice. Aus dem nur 50 Kilometer entfernten Aquila sind Hunderte Freiwillige gekommen – sie wissen, was die Bewohner gerade durchmachen. 2009 hat es ihre Stadt getroffen. Auch in der Nacht, nur vier Minuten früher, um 3.32 Uhr. Damals starben mehr als 300 Menschen.

Vermisstenzahl unklar

Antonio steht auf, er muss weiter. Wie viele Menschen noch vermisst werden, weiß er nicht. Es ist Ferienzeit – viele waren zu Besuch in Amatrice. Gerade haben Antonio und ein paar Männer eine Frau aus den Trümmern geborgen. Sie lebt. Er hofft auf weitere solcher Geschichten.

„Die Mama von Sabina, sie ist tot“, sagt ein Mann ruhig in sein Handy. Die Männer um ihn herum schweigen. „Was mit den anderen ist, weiß ich nicht.“ Er geht wieder zurück an den Eingang zur Hauptstraße und wartet weiter. Die Hauptstraße hat es am schlimmsten getroffen, sie ist komplett zerstört. Drum herum stehen noch ein paar Häuser, von manchen nur Fragmente. Helfer verteilen Wasser und Croissants, die sie aus dem zerstörten Supermarkt geborgen haben.

Plötzlich entsteht Bewegung in der Straße. Eine Frau wird auf einer Bahre aus den Trümmern getragen. Zugedeckt.

Chronologie

In Italien kommt es regelmäßig zu schweren Erdbeben. Unglücksorte im 21. Jahrhundert:

Am 20. Mai 2012 kamen 27 Menschen in der Region Emilia-Romagna ums Leben.

Am 6. April 2009 riss ein Beben in den Abruzzen mit der Hauptstadt L'Aquila rund 300 Menschen in den Tod.

Am 31. Oktober 2002 brach die Volksschule in San Giuliano di Puglia zusammen. Unter den 30 Toten waren 27 Erstklässler und eine Lehrerin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2016)