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"Nacht der Albträume": 247 Tote nach Erdbeben

Mit Scheinwerfern und Spürhunden suchten Retter nach Überlebenden.
Mit Scheinwerfern und Spürhunden suchten Retter nach Überlebenden.REUTERS
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Die Retter suchten auch in der Nacht nach Überlebenden des Italien-Bebens. Wie viele Vermisste es noch gibt ist unklar. In der Region soll der Notstand ausgerufen werden.

Nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien haben die Helfer auch in der Nacht zum Donnerstag ihre Suche nach Überlebenden fortgesetzt. In der Dunkelheit wühlten sie mit Hilfe von Spürhunden und Taschenlampen in den Trümmern der zerstörten Orte. Die Zahl der Toten stieg auf 247, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa am Donnerstag. Viele Menschen bereiteten sich auf eine erste Nacht in Zelten vor, die Helfer auf Feldern und Parkplätzen aufgestellt hatten. "Heute ist unsere erste Nacht der Albträume", sagte Alessandro Gabrielli.

Das Hauptbeben der Stärke 6,2 hatte sich in der Nacht zum Mittwoch in den Regionen Latium, Umbrien und den Marken ereignet. Seither gab es nach Angaben des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie etwa 250 Nachbeben. Teilweise seien sie so stark gewesen, dass in den betroffenen Gebieten erneut Gebäude gewankt hätten. Es handelt sich um die schwersten Erdstöße seit Jahrzehnten in dem Stiefelstaat.

Mehrere Nachbeben lösten in der Nacht Angst unter den Bewohnern der Kleinstadt Amatrice, Epizentrum des Bebens 106 Kilometer nördlich von Rom, aus. Ein Nachbeben der Stärke 4,5 auf der Richterskala wurde gegen 5.00 Uhr gemeldet und riss die wenigen Bewohner des Örtchens, die sich zur Ruhe gelegt hatten, aus dem Schlaf. Die meisten verbrachten die Nacht im Freien mit umgehängten Decken. Die Temperaturen in der Apennin-Gemeinde sanken auf circa zehn Grad.

Sieben Jahre nach dem schweren Erdbeben in dem 30 Kilometer Luftlinie entfernten L'Aquila wurden in der Berg-Region ganze Dörfer zerstört. Auch im etwa 100 Kilometer Luftlinie entfernten Rom wackelte der Boden. Italien ist hoch erdbebengefährdet, weil unter dem Apennin die afrikanische und die eurasische Platte aufeinanderstoßen.

Mädchen nach 16 Stunden gerettet

Unter den Opfern waren viele Kinder, in manchen Familien gab es mehrere Tote. Aber es gab auch gute Nachrichten: So wurde am frühen Abend in Pescara del Tronto ein zehnjähriges Mädchen nach fast 16 Stunden aus den Trümmern ihres Hauses gerettet. Hunde hätten sie aufgespürt, hieß es. "Als wir sie lebend gefunden haben, war die Freude riesengroß", sagte Feuerwehrsprecher Danilo Dionisi.

Regierungschef Matteo Renzi hatte die Katastrophen-Region am Abend besucht. Als Soforthilfe stellte die italienische Regierung 235 Millionen Euro bereit. 368 Verletzte seien seit dem Morgen aus der Gegend von Amatrice und Accumoli weggebracht worden, erklärte er. Italien stehe solidarisch zusammen, um die großen Herausforderungen zu meistern. Am Donnerstag war ein Treffen des Ministerrats in Rom geplant, um das weitere Vorgehen zu beraten. In der Region soll der Notstand ausgerufen werden.

Wie viele Menschen noch verschüttet sind, ist unklar. In Amatrice sei eines der Symbole der Stadt, das historische Hotel Roma, in sich zusammengestürzt. Zwei Menschen seien tot aus den Resten des Gebäudes geborgen worden - nach Angaben des Bürgermeisters befanden sich zum Zeitpunkt des Bebens aber 70 Menschen in dem Hotel.

Experten üben

Experten üben nun scharfe Kritik an der Qualität der Bausubstanz in Gebieten mit erhöhtem Erdbeben-Risiko. In Italien gebe es keine Kultur der Prävention, beklagte der nationale Verband der italienischen Geologen. Italien müsse sich an Kalifornien und Japan ein Beispiel nehmen, die mit dem Problem wiederholter Erdbeben leben und massiv in die Sicherheit der Gebäude investiert haben, meinten angesehene Experten.

Der Vulkanologe und Erdbebenexperte Enzo Boschi kritisierte, dass in Italien nur nach schweren Erdbeben nach erdbebensicheren Standards gebaut werde. Er brachte das Beispiel der umbrischen Stadt Norcia. Hier waren bei einem Erdbeben 1979 fünf Menschen ums Leben gekommen worden. Danach wurden Häuser nach modernsten Sicherheitsstandards neu aufgebaut. Die umbrische Kleinstadt hat bei dem Erdbeben am Mittwoch kaum Schäden erlitten.

Fast 26 Millionen Menschen leben in Italien in Gebieten mit erhöhtem Erdbeben-Risiko, das sind 45 Prozent der Bevölkerung, berichteten italienische Medien. Sieben Millionen Gebäude sind gefährdet, sollte es zu einem stärkeren Erdstoß kommen. 80.000 öffentliche Gebäude wie Schulen und Krankenhäuser wurden nicht nach den modernen Sicherheitsstandards errichtet.

Auch wenn es keine hundertprozentige Erdbebensicherheit geben könne, so kenne die Wissenschaft doch Mittel und Wege, die Situation wesentlich zu verbessern, betonten italienische Experten. Das Wissen sei vorhanden, woran es fehle sei die Umsetzung. Dabei seien nicht so sehr Neubauten das Problem, als vielmehr ältere Gebäude oder Brücken. Die Experten regten an, die heimische Erdbebensicherheit mittels eines Mehrstufen-Planes zu verbessern.

(APA)