Russische Banken wieder optimistisch

(c) AP (Misha Japarizde)
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Russlands Bankensystem hofft, die Kurve zu kriegen und nicht in eine zweite Krisenwelle zu schlittern. Ein Jahr nach Lehman stehen die Chancen nicht ganz schlecht.

Moskau. Andrej Kostin ist vom Urlaub schon wieder zurückgekehrt. Er wollte ohnehin nicht lange weg sein. „Ein Wöchlein, wenn Sie gestatten“, bat der Chef der zweitgrößten russischen Bank Wneschtorgbank (WTB) Mitte August Premier Wladimir Putin. Am Ende gab Putin seinen Segen. Kostin hatte nämlich als Erster unter den fünf großen Staatsbanken sein Plansoll erfüllt und das Kreditportfolio im Juli um 6,4Prozent (sprich 84Mrd. Rubel) erhöht. Insgesamt müssten die Staatsbanken bis September an die 500 Mrd. Rubel (knapp elf Mrd. Euro) an Firmen vergeben, hatte Putin aufgetragen. Vorher gehe ihm kein Vorstand auf Urlaub.

Inzwischen waren sie alle am Meer. Zumindest formal haben sie die Vorgaben erfüllt. Real seien viele Umschuldungen als neue Kredite getarnt, außerdem erhielten nur große und vorwiegend staatliche Firmen Kredite, meint Sergej Zuchlo, Bankexperte vom Moskauer Institut IEPP. Die Bankkredite wüchsen kaum, klagt Zentralbankchef Sergej Ignatiev. Private Institute, die keine Finanzspritze vom Staat erhalten, klemmen noch mehr als die privaten. Im Juni und Juli aber begann die Kreditausgabe zumindest nicht mehr zu sinken, im August stieg sie laut Zentralbank um 0,8 Prozent.

15Prozent notleidende Kredite

Ein Jahr nach Lehman steht Russlands Finanzsektor auf dem Scheideweg. Hatten die Geldinstitute mithilfe staatlicher Interventionen in der Höhe von drei Prozent des BIP die erste Krisenwelle übertaucht, so stellt sich nun die Frage, ob noch eine zweite Welle kommen wird. Entscheidend ist das Ausmaß der notleidenden Kredite und ihrer weiteren Zunahme. In den ersten sieben Monaten des Jahres stiegen die notleidenden Firmenkredite um das Zweieinhalbfache auf 682,7 Mrd. Rubel an (unter fünf Prozent der gesamten Firmenschulden von 16,57 Bio. Rubel). Die notleidenden Privatkredite liegen bei über sieben Prozent. Zentralbank-Vize Alexej Uljukajev meint, dass zum Jahresende zwölf Prozent der Kredite notleidend sein werden. Die Banken hätten jedoch genug Gewinne und Reserven, um dieses Ausmaß zu decken.

Das Problem freilich: Die russischen Zählungsstandards unterscheiden sich von den westlichen grundlegend. Schon vor dem Rubelcrash 1998 zählte der IWF 40 Prozent Kreditausfälle, während Russland von elf Prozent sprach. „Der jetzige Unterschied beträgt meiner Schätzung nach das Drei- bis Dreieinhalbfache“, sagt Rustam Botaschew, Analyst bei Unicredit Securities. Oleg Vjugin, Chef der MDM-Bank, etwa spricht von bis zu 15Prozent notleidender Kredite.

Seit einem Jahr hält die Wirtschaftskrise Russland fest im Griff. Übergeschwappt war sie mit dem Fall der Lehman Brothers. Im Vorjahr wuchs die Wirtschaft noch um 5,6Prozent, im ersten Halbjahr 2009 gab es 10,4Prozent minus. Im Moment gibt sich die Regierung optimistischer. Der für Russland entscheidende Ölpreis der Marke Urals liegt mittlerweile wieder bei knapp 70Dollar je Barrel. Damit mehren sich auch die Stimmen, dass dem Bankensektor eine zweite Krisenwelle doch erspart bleibt.

„Morphium für den Markt“

Ein Großteil der Kredite, die im letzten Quartal fällig sind, seien bereits umgeschuldet, meint Botaschew, 44 Mrd. Dollar seien bis Jahresende noch offen. Eine zweite Krisenwelle sei immer weniger wahrscheinlich. Zumindest werde sie ins neue Jahr verschoben, meint auch Alexander Turbanow, Leiter der Agentur für Einlagensicherung. Die Einlagen der Bevölkerung hätten in den ersten sieben Monaten des Jahres um zwölf Prozent auf 6,6 Bio. Rubel zugenommen.

Die steigenden Einlagen freilich haben den Banken nicht geholfen, ihren Gewinn zu mehren. Laut Zentralbank-Bericht hat mit Ende Juli 2009 jede sechste Bank Verluste geschrieben. Diese erklären sich vor allem damit, dass ein Teil des Gewinns in Rücklagen für notleidende Kredite fließt. Laut eines Fitch-Rankings haben lediglich zehn der 57 größten Banken Probleme, die Verluste zu kompensieren. 899 der insgesamt 1080 russischen Banken bilanzieren positiv.

Bei manchem Banker bleibt die Vorsicht größer als der Optimismus: „Der Markt befindet sich im Zustand eines Schwerkranken, dem man eine gute Dosis Morphium verabreicht hat“, meint Sergej Sajcev, Vorstand der Moskauer Bank für Wiederaufbau und Entwicklung: „Das Geld, das den Banken eingespritzt wurde, ist nirgendwohin verschwunden. Die Banken leben davon. Sie sind davon nicht gesundet, aber sie spüren Erleichterung und Euphorie“. Olga Veselova, Analystin von Troika Dialog, erwartet, dass „die Finanzresultate 2009 weder ein starkes Minus noch ein starkes Plus ergeben“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2009)

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