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Erdbeben in Italien: Die verzweifelte Suche nach Überlebenden

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(c) APA/AFP/FILIPPO MONTEFORTE
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Die Zahl der Opfer hat sich auf mindestens 250 erhöht. Unter den Toten sind auch viele Kinder. Premier Matteo Renzi verspricht einen raschen Wiederaufbau.

Rom. Die erste Nacht nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien ist vorbei. Hunderte haben sie in provisorischen Zeltstätten verbracht. Die Nächte in den Abruzzen sind kalt, selbst im August kann das Thermometer unter zehn Grad fallen. In ihre Häuser können viele Menschen nicht zurück. Selbst wenn sie noch stehen: Es wäre zu gefährlich, die Einsturzgefahr zu hoch. Wer schlafen konnte, durchlebte um 5.17 Uhr in der Früh wieder die Schrecken der vorherigen Nacht. Ein Nachbeben der Stärke 4,5 ließ erneut die Erde schwanken. Im Epizentrum Accumoli, bereits eine der vom ersten Beben am meisten betroffenen Kommunen, stürzten weitere Gebäude ein. 470 Nachbeben, die meisten von ihnen ein kurzes Schwanken des Erdbodens, soll es bereits gegeben haben.

Manche der einst 2600 Einwohner von Amatrice und den umliegenden Orten, die ebenfalls schwer beschädigt wurden, konnten bei Verwandten unterkommen. Doch für rund 1000 war die Zeltstadt der einzige Zufluchtsort. Die meisten Feriengäste, die sich in der Gegend aufhielten, sind in ihre Heimatorte zurückgekehrt.

Mindestens 250 Tote zählt der Zivilschutz am Donnerstagabend. Die Zahl hat sich über Nacht verdoppelt. Es gibt zahlreiche Vermisste. Und wie viele Menschen in den Bergdörfern zum Zeitpunkt des Bebens in der Nacht auf Mittwoch waren, weiß keiner genau: Es ist Ferienzeit. Es könnten zehnmal so viele Menschen in den betroffenen Kommunen sein wie es Einwohner gibt, sagte Premierminister Matteo Renzi. Viele Menschen aus den umliegenden Großstädten, die nicht ans Meer fahren, besuchen im Sommer Verwandte in den Bergen. Oder machen Urlaub in einem der Hotels. In vielen Familien ist es auch Brauch, die Enkel zu den Großeltern zu schicken – daher sind viele Kinder unter den Toten.

Die Regierung in Rom hat am Donnerstagabend den Notstand ausgerufen. Zugleich gab der Ministerrat bei einer Krisensitzung die ersten 50 Millionen Euro für die Unterstützung der Menschen frei, die vielfach alles verloren haben und vor den Ruinen ihrer Existenz stehen. Damit soll Erdbebenopfern in den betroffenen Regionen schnell und unbürokratisch geholfen werden.

Erste Priorität: Weitergraben

Renzi garantiert einen „echten“ Wiederaufbau in naher Zukunft. Sein Versprechen: „Es wird nicht werden wie in L'Aquila. Wo man sich leider beim Wiederaufbau jahrelang verrannt hat.“ Es werde auch keine New Town – Neubaugebiete – nach dem berlusconischen Modell geben. Silvio Berlusconi war Premier, als in L'Aquila die Erde bebte. Damals starben 209 Menschen. Gestern warnte der Zivilschutz, das Beben könne schlimmere Ausmaße annehmen als jenes in L'Aquila.

Nach Angaben von Kulturminister Dario Franceschini sind bei dem verheerenden Erdbeben auch 293 kulturhistorische Bauwerke und Stätten beschädigt worden, davon 50 schwer. "Die Zahl dürfte steigen angesichts der Größe der vom Erdbeben betroffenen Region", sagte der Minister am Donnerstagabend in Rom.

In wenigen Monaten, so Renzi, werde man tatkräftig an der Rekonstruktion arbeiten. Die Menschen würden bald in ihre Häuser im mittelalterlichen Stil zurückkehren können. Doch die erste Priorität liege darauf weiterzugraben. Der Premierminister lobte bei seinem Besuch in den Katastrophengebieten die enorme, schnelle und professionelle Arbeit der Helfer.

Auch wenn die Eindrücke der Katastrophe noch frisch sind – erste kritische Töne sind bereits zu hören. Italien ist das Land in Europa mit der höchsten Erdbebengefahr. Ein Fortsatz an der afrikanischen Erdplatte schiebt sich direkt unter dem Stiefel in die eurasische. Die Grenze zwischen den beiden Platten liegt quasi unter einem Teil des Abruzzischen Apennins. Bewegen sie sich, wackelt das Land. Die meisten der schweren Erdbeben Italiens lagen an dieser tektonischen Linie.

Dennoch sollen laut einem Bericht der Enea, der nationalen Agentur für neue Technologien, Energie und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, nur etwa 30 Prozent der Gebäude in Italien die Vorgaben für Erdbebensicherheit erfüllen. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Häuser älter als 50 Jahre sind und nicht nach modernen Standards gebaut wurden. Der Vorwurf: Werden alte Häuser restauriert, stehen hauptsächlich architektonische Aspekte im Vordergrund, die Ausbesserung von Schäden. Der fehlende Erdbebenschutz werde dabei nicht berücksichtigt.

Dabei rechnen Experten vor: Der Wiederaufbau solch zerstörter Orte wie nun Amatrice oder Accumoli koste fünfmal mehr als vorbeugende Maßnahmen an bestehenden Gebäuden. Doch auch seit der Katastrophe in L'Aqulia im April 2009 ist wenig bis gar nichts in diese Richtung passiert. 2013 kam bei einer landesweiten Untersuchung der Gesundheitsversorgung ans Tageslicht, dass rund 500 Krankenhäuser in Italien erdbebengefährdet sind. Leider, so betont die Enea, werde die Investition in Erdbebensicherheit eines Gebäudes nur unter dem Aspekt zusätzlicher Kostensteigerung betrachtet und nicht als unerlässliches Element der Sicherheit. Auch mangelnde Kontrollen sind ein Problem. In Amatrice ist zudem der Neubau einer Schule in sich zusammengefallen, die angeblich nach den Standards erdbebensicher gebaut worden war.

Unvorhersehbares Beben

Eine verkehrte Welt: Italien zählt auf der wissenschaftlichen Ebene in der Erforschung von Erdbeben zur Avantgarde, rangiert gleich hinter Japan, China, Russland und den USA. Vorherzusehen sei das aktuelle Beben Italien aber nicht gewesen, sagen auch deutsche Wissenschaftler. In der Region seien jederzeit Erdbeben dieser Stärke möglich – ohne dass es zuvor messbare Hinweise geben muss. Manche Erschütterung kommt einfach wie aus dem Nichts.

AUF EINEN BLICK

Nach dem Erdbeben in Mittelitalien haben Hunderte Menschen die Nacht in provisorischen Zeltstädten verbracht. Die Zahl der Toten hat sich auf mehr als 240 verdoppelt. Nach Angaben der österreichischen Botschaft in Rom sind unter den Opfern keine Österreicher:

Die Urlauber in der Region hätten sich bei Angehörigen gemeldet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2016)