Die drei Ziele der Türkei in Syrien

Smoke rises from the Syrian border town of Jarablus as it is pictured from the Turkish town of Karkamis, in the southeastern Gaziantep province
(c) REUTERS (UMIT BEKTAS)

Die Türkei will mit ihrer Militärintervention den IS schwächen, ein Mitspracherecht in Syrien erwerben – und einen Kurdenstaat im Keim ersticken. Aber ist Ankara auf Vergeltungsschläge vorbereitet?

Türkische Panzer rollten auch am Donnerstag weiter über die Grenze. Unter ihrem Schutz rückten Rebellen der Freien Syrischen Armee in der Grenzstadt Jarablus ein, um sie den Jihadisten des Islamischen Staats (IS) zu entreißen.

Die Militärintervention in Syrien markiert eine neue Phase im sechsten Jahr des Bürgerkriegs, eine möglicherweise gefährliche. Denn die türkische Aktion richtet sich nicht nur gegen den IS, sondern vor allem auch gegen die Kurden. Sie werden, wie schon so oft, von den Mühlen der Geopolitik zermahlen.

Schon lang beklagt die Türkei die Unterstützung Amerikas für die Kurdengruppe PYD in Syrien, einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den IS. Die Türkei betrachtet die PYD als Terrororganisation, als Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und setzt alles daran, die Ausbreitung des kurdischen Machtbereichs in Nordsyrien zu verhindern.

Der türkische Premier, Binali Yildirim, sprach offen aus, dass die Intervention in Syrien den Vormarsch der PYD stoppen soll: Der Einmarsch habe bestätigt, dass die PYD westlich vom Euphrat nichts zu suchen habe, sagte er. Öffentliche Rückendeckung erhielt er dabei von US-Vizepräsident Joe Biden.

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Der Doppelschlag Ankaras gegen den IS und gegen die Kurden könnte die Sicherheitslage in der Türkei weiter verschärfen. Der türkische Journalist Rusen Cakir, einer der Erfahrensten seines Metiers, rechnet mit Vergeltungsanschlägen des IS in der Türkei nach dem Verlust von Jarablus. Auch militante Kurden könnten verstärkt zuschlagen: PYD-Chef Salih Muslim drohte, „die Türkei wird wie der IS im syrischen Sumpf versinken“.

 

Keil im Herrschaftsgebiet der Kurden

Die türkische Intervention treibt in Syrien einen Keil in einen etwa 90 Kilometer breiten Korridor zwischen zwei Herrschaftsgebieten der PYD. Vor einigen Wochen hatten die Kurdenkämpfer die Erlaubnis erhalten, den Euphrat in Richtung Westen zu überqueren, um bei der Vertreibung des IS aus der Stadt Manbij zu helfen. Die Kurden machten jedoch kein Hehl aus ihrer Absicht, nach der gewonnenen Schlacht gegen den IS in der Region zu bleiben – das war ein wichtiger Grund für die türkische Intervention. Inzwischen meldet das US-Militär, die Kurdenkämpfer hätten sich über den Euphrat wieder nach Osten zurückgezogen. Einige Beobachter erwarten, dass die Türken trotzdem auf längere Zeit in Syrien bleiben werden, um die seit Langem geforderte „Schutzzone“ im Norden Syriens einzurichten – genau zwischen den beiden PYD-Gebieten. Auch der Istanbuler Politologe Mensur Akgün geht von einer auf längere Zeit angelegten Präsenz der Türkei in Syrien aus. Ankara wolle einen Fuß in der Tür haben, um bei Verhandlungen über die Zukunft Syriens ein starkes Mitspracherecht zu haben.

 

Neue Runde im Machtspiel um Syrien

Aus Sicht der USA könnte ein stärkeres Engagement der Türkei in Syrien durchaus Vorteile haben, wenn es sich gegen den IS wendet. Wenn Ankara aber den Konflikt mit den syrischen Kurden sucht, wird es schwierig. Russland und der Iran, die Schutzherren des syrischen Staatschefs, Bashar al-Assad, könnten eine türkische Dauerpräsenz als Angriff auf ihre Interessen sehen. Einige Erdoğan-Anhänger fordern schon, die türkischen Truppen sollten jetzt auch die nordsyrische Wirtschaftsmetropole Aleppo und anschließend die Hauptstadt Damaskus einnehmen.

Gleichzeitig wird ein weiteres Problem zwischen den ausländischen Mächten deutlich, die in Syrien mitmischen: Sie wollen zwar alle den IS besiegen, sind aber grundverschiedener Ansicht darüber, wer jene Gebiete kontrollieren soll, aus denen der IS zurückgedrängt wird. Eine dauerhafte türkische Präsenz ist für Russland indiskutabel. Ein Einzug syrischer Regierungstruppen in die IS-Gegenden kommt aus westlicher Sicht nicht infrage. Die Freie Syrische Armee, einst als prowestliche Rebellengruppe gepriesen, ist viel zu schwach. Ein Erstarken der PYD will Ankara verhindern. Doch die von der Türkei unterstützten Rebellengruppen wie die Miliz Ahrar al-Sham sind radikale Islamisten. Wer setzt sich durch? Das Machtspiel um Syrien geht in eine neue Runde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2016)