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Suche nach "Stein der Weisen" der Kinderonkologie

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Molekulare Diagnostik sei keine „Wunderwaffe“, könnte aber die Behandlung von Kindern revolutionieren, sagt die Medizinerin Angelika Eggert.

Im Kino und Fernsehen kommt er schon lange vor, nun setzen sich auch PC-Spiele mit Krebs auseinander. Was befremdlich wirken mag, ist in den Augen von Angelika Eggert durchaus legitim: „Krebs muss enttabuisiert werden“, sagt die Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. „Niemand ist schuld, wenn er Krebs bekommt, niemand wird absichtlich krank“, hält sie fest.

Oft würden Krebspatienten befürchten, wegen ihrer Diagnose mit sozialen Nachteilen rechnen zu müssen. Auch das Umfeld reagiere überfordert: „Manche ziehen sich zurück, andere halten Krebs fälschlicherweise gar noch für eine ansteckende Erkrankung“, sagt Eggert. Freilich ist sie das nicht – und auch kein automatisches Todesurteil: „Bei Erwachsenen liegen die Heilungschancen im Durchschnitt bei fast 60 Prozent, bei manchen Tumorarten noch deutlich unter zehn Prozent“, so Eggert. „Im Kindesalter können mehr als 80 Prozent aller Krebserkrankungen geheilt werden.“ Dazu würden die Netzwerke der Kinderonkologie wesentlich beitragen, die sich seit den 1970er Jahren etabliert hätten und weltweit eng zusammenarbeiten. Denn: „Die jungen Patienten werden überall nach identischen Therapieprotokollen behandelt.“

Geringe Zahl an Patienten

„Bei so wenig Patienten – pro Jahr gibt es in Deutschland etwa 2000 Neuerkrankungen und 400 bis 500 Rückfälle – kann man nur gemeinsam lernen, welche Behandlungsansätze die besten sind“, betont die Medizinerin, die sich auf die Erforschung von Neuroblastomen, einer bösartigen Erkrankung des sympathischen Nervensystems, spezialisiert hat. Ähnlich niedrige Zahlen liegen für Österreich vor: Laut „Krebsbericht 2016“ werden jährlich etwa 185 Kinder bis zum vollendeten 14. Lebensjahr und etwa 105 Jugendliche zwischen dem 15. und dem vollendeten 19. mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. Das ergibt weniger als ein Prozent aller Krebsneuerkrankungen in der Republik.

Die Zahl der Neudiagnosen bei Erwachsenen liegt in Deutschland hingegen bei fast 500.000, in Österreich sind es pro Jahr etwa 39.000. Auch das Diagnosespektrum ist bei Kindern ein anderes: „Während Erwachsene oft an Lungen-, Darm-, Brust- oder Prostatakrebs leiden – alles Erkrankungen, die zum Teil auf Umwelteinflüsse wie Rauchen zurückgehen –, haben Kinder sehr oft Leukämien (Blutkrebs, Anm.) und Tumore des Gehirns, der Lymphknoten und des Nervensystems“.

Eggert begründet das so: „Bei Kindern spielen die genetischen Veränderungen im Tumorgewebe für das biologische Verhalten des Tumors eine noch größere Rolle.“ So konnte das vor zwei Jahren ins Leben gerufene Projekt „Inform“ (Individualized Therapies For Relapsed Malignancies in Childhood), an dem die Onkologin beteiligt ist, bereits nachweisen, dass zehn Prozent der Kinder, die eine Krebs-Rückfallerkrankung hatten, Krebsprädispositionsgene in ihrer Keimbahn aufwiesen. Das sind Gene, deren Veränderungen dazu führen, dass man zu einer Krebserkrankung neigt. Der Befund überrascht: „Das ist deutlich mehr als erwartet“, sagt Eggert.

Ziel sei es daher, künftig verstärkt auf Immun- und molekulare Therapien zu setzen. Erstere hätten bei Leukämien schon zahlreiche Erfolge erzielt, mit letzteren könnten Rückfallerkrankungen reduziert werden, so Eggert: Zwar habe man mit einer Therapie auf der Basis einer molekularen Diagnostik „sicher noch nicht den Stein der Weisen gefunden, doch es ist ein guter Weg“. An dessen Ende erhofft sich Eggert folgendes Szenario: „Wir wollen möglichst alle Kinder mit einer Krebserkrankung schon zum Zeitpunkt der ersten Diagnose molekular untersuchen, um das Rückfallrisiko noch besser einschätzen und möglichst frühzeitig personalisierte Therapien einsetzen zu können“.

Ab 2017 will man bei „Inform“ auch erstmals versuchen, bei Rückfalltumoren Medikamente auf der Basis der molekularen Diagnostik miteinander zu kombinieren. Erreichen will man eine „maßgeschneiderte Therapie, die den biologischen Eigenschaften des Tumors besser gerecht wird als eine aggressive Chemo“. Zu hohe Erwartungen will sie aber nicht schüren: „Molekulare Diagnostik ist keine Wunderwaffe gegen Krebs.“