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Das Handicap als Chance begreifen

(c) Clemens Fabry
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Im Schulzentrum Ungargasse passt man sich an die besonderen Bedürfnisse behinderter oder geflüchteter Kinder an. Technologie und kreative Unterrichtsformen helfen dabei. Eine Schülergruppe ist heute in Alpbach.

Wenn sehbehinderten Schülern vergrößert auf ihren Sitzplatz übertragen wird, was der Lehrer an die Tafel schreibt, dann ist eine „Tafelkamera“ im Einsatz – zum Beispiel in der HTL-HAK Ungargasse. Die Wiener Schule ist eine Vorreiterin in Sachen Integration: Kleine Gruppengrößen und medizinische, therapeutische und psychologische Beratung helfen dabei. „Sinnes- und körperbehinderte Kinder erhalten bei uns die Hilfestellungen, die sie brauchen. Ansonsten machen wir aber keine großen Unterschiede“, sagt Martin Müller, der an der Schule unterrichtet – auch nicht bei der Leistungsüberprüfung. Und doch wird auf die speziellen Bedürfnisse der Kinder eingegangen: „Hat jemand etwa ein motorisches Problem beim Schreiben, gibt es eine verlängerte Prüfungszeit“, erläutert Müller.

Bei der Integration spielt auch Technik eine große Rolle. „An einer HTL ist der Einsatz von Technologie unser tägliches Geschäft“, so Müller, der selbst erst seit sechs Jahren Lehrer ist, davor für Ericsson und Semperit tätig war – parallel dazu aber auch lange in der Jugendarbeit. Tablets sind dabei gar nicht so verbreitet, wie man vielleicht glauben würde. Denn: „Programmieren kann ich am Tablet nicht.“ Die Leistungsfähigkeit von Rechnern sei dafür unerlässlich, so Müller. Neben der Tafelkamera spielen etwa Sprachverstärkeranlagen für Gehörbehinderte eine Rolle.

Und braucht es neue Produkte, die der Integration anderer Schüler dienen, fertigt die Schule diese einfach für sich selbst an: Eine Tastaturmaske zur Fingerführung und Handabstützung etwa wurde – angepasst an die Bedürfnisse eines Schülers aus der 1. Klasse Handelsschule – entwickelt. Die Maske wird auf die Tastatur gelegt und hat für jeden Buchstaben darunter ein Loch. So kann auch der Benutzer mit feinmotorischen Problemen die Tastatur bedienen. Schüler der Fachschule Maschinen- und Fertigungstechnik konstruierten und erzeugten das Produkt.

Müller: „Wir haben dank der Werkstätten viele Möglichkeiten.“ Im Turnunterricht stehen für Rollstuhlfahrer oft gemeinsame Ballspiele am Programm, „Landhockey oder Fußball. Dabei ist es günstig, vorne am Rollstuhl einen Rammschutz zu haben, damit die Kinder den Ball bewegen können.“ So einen Aufsatz und wie man ihn am Rollstuhl befestigt, darum hat sich eine Klasse im Fach „Konstruktionsübungen“ gekümmert. Projekte wie dieses müssen allerdings außerhalb des regulären Unterrichts umgesetzt werden, sagt Müller.

Mit einer Innovation anderer Art kommen Müller, sein Kollege Eduard Schmid und sechs HTL-Schüler heute nach Alpbach: Im Betriebstechnikunterricht sind alle Schüler aufgefordert, ein kleines Unternehmen aufzubauen bzw. ein Produkt auf den Markt zu bringen. „Sie gründen sogenannte Junior-Companies mit einem Startkapital von 800 Euro, das sie selbst aufstellen müssen.“ Das Produkt auf den Markt zu bringen, es zu verkaufen, Vertrieb und Buchhaltung zu führen – all das sei ihnen überlassen.

Sechs Schüler mit Buchprojekt

„Eine Gruppe hatte die Idee, ein Buch in Arabisch-Deutsch-Englisch mit Bebilderungen und Glossar herauszubringen, weil sie Flüchtlingen helfen wollten, leichter Deutsch zu lernen“, erzählt Müller. Über Hilfsorganisationen wurde das Buch vertrieben; es geht darin um die beiden Taferlklassler Julia aus Wien und Ali aus Aleppo, die ihre Schultüte miteinander vertauschen. Das Buch kann auch über die Website des Projektes bezogen werden (readtogether.eu).

„Drei der sechs beteiligten Schüler haben Migrationshintergrund“, erzählt Müller. Sie werden das bei der morgigen Break-Out-Session auch thematisieren: Wie lange gilt man in Österreich als Migrant – und wann als Einheimischer? Im Rahmen sozialer Projekte wie diesem sammeln die Jugendlichen wertvolle Erfahrungen. Insgesamt beschreibt Müller das Klima in seiner Schule als eines, in dem man einander mit großer Selbstverständlichkeit hilft und aufeinander Rücksicht nimmt.

Gleichzeitig lernen die Schüler – die laut dem Lehrer nach der HTL für Wirtschaftsingenieure oft auch Betriebsleiter oder Geschäftsführer werden – im Rahmen der Projektarbeiten Unternehmertum „oder Entrepreneurship, wie es heute heißt“. Zusammen mit der sozialen Orientierung der Schule ist das eine ungewöhnliche Kombination von Kompetenzen, mit der die Führungskräfte der Zukunft dort ausgestattet werden.