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Plünderungen und Nachbeben: Keine Ruhe für Erdbebenopfer

Die Bewohner Amatrices stehen vor dem Nichts.
Die Bewohner Amatrices stehen vor dem Nichts.REUTERS
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Die Polizei nimmt einen Plünderer in Amatrice fest. Die Zahl der Todesopfer erhöht sich auf 278. Rom will die Betroffenen mit 50 Mio. Euro unterstützen.

Amatrice, einst heiterer Urlaubsort im Apennin, ist zu einem Friedhof unter offenem Himmel geworden. In einem ehemaligen Seniorenheim werden die Leichen untergebracht, die aus den Trümmern der zerstörten Häuser geborgen werden.

"Amatrice ist eine Stadt in Trümmern, die Menschen sind am Boden zerstört. Wir versuchen ihre Leiden zu lindern, doch es ist nicht einfach. Viele Senioren haben alles verloren. Ein siebenjähriges Mädchen, das lebend aus den Trümmern geborgen wurde, hat seine Mutter verloren. Es ist schwer geschockt", berichtete Monica Gentili, ehrenamtliche Helferin in Amatrice.

Die Bewohner kommen nicht zur Ruhe: Der Ort ist am Freitag in der Früh erneut von starken Nachbeben erschüttert worden. Vor dem Erdstoß um 6.36 Uhr, dessen Magnitude der Zivilschutz vor Ort mit 4,8 angab, waren zwei etwas schwächere Beben registriert worden. Rettungseinheiten befürchten nun weitere Einstürze, die die Bergungsarbeiten erschweren würden.

300 Plätze stehen im Zeltlager von Sant' Angelo zur Verfügung. Hier kommen die Bewohner zusammen, die keine Unterkunft bei Verwandten gefunden haben oder die sich nicht zu weit von ihren Häusern entfernen wollen. Die meisten Obdachlosen fürchten Plünderungen ihrer beschädigten Wohnungen. Viele von ihnen übernachteten in ihren Autos vor ihren beschädigten Häusern. Am Freitag nahm die Polizei einen Mann fest, der versuchte, in eine Wohnung einzubrechen.

Mädchen überlebt in Armen toter Schwester

Zwei Tage nach dem Beben schwinden die Hoffnungen, weitere Menschen lebend bergen zu können. Bei dem verheerendsten Erdbeben in der jüngeren Geschichte Italiens sind laut Zivilschutz mindestens 278 Menschen ums Leben gekommen und weitere 400 verletzt worden. Die Zahl der Todesopfer könnte jedoch noch steigen.

Schockierend ist die Geschichte eines jungen Geschwisterpaars: In dem verwüsteten Ort Pescara del Tronto ist Giorgia nach 16 Stunden lebend unter den Trümmern ihres Kinderzimmers gefunden worden - für die ältere Schwester aber, die ihre Arme um die Vierjährige geschlungen hatte, kam jede Hilfe zu spät. Die kleine Giorgia und die neunjährige Giulia seien in enger Umarmung unter zwei Metern Geröll entdeckt worden, zitierte die Zeitung "La Repubblica" am Freitag den Retter Massimo Caico. "Wenn es Wunder gibt, dann war das ganz sicher eins." Die Eltern der Mädchen seien schon Stunden vorher lebend geborgen worden, sie lägen schwer verletzt im Krankenhaus. 

Am Samstag hält Italien im ganzen Land einen Trauertag ab. In allen öffentlichen Gebäuden sollen die Nationalflaggen auf halbmast gesetzt werden, teilte die Regierung am Freitag mit. Sie hat am Donnerstag den Notstand ausgerufen. Zugleich gab der Ministerrat bei einer Krisensitzung am Donnerstagabend die ersten 50 Millionen Euro für die Unterstützung der Menschen frei, die vielfach alles verloren haben und vor den Ruinen ihrer Existenz stehen. Damit soll Erdbebenopfern in den betroffenen Regionen schnell und unbürokratisch geholfen werden.

Italien werde die bei dem jüngsten Erdbeben zerstörten Orte wieder aufbauen. Das habe derzeit Priorität, sagte Renzi am Donnerstag in Rom. "Wir dürfen nicht vergessen, dass wir eine moralische Verpflichtung gegenüber den Männern und Frauen dort haben", ergänzte er.

293 historische Gebäude beschädigt

Er kündigte zudem einen Präventionsplan an. Italien brauche eine Vision, die sich nicht nur auf den Umgang mit Notsituationen beschränke. Renzi räumte ein, dass die Sicherung alter Gebäude in Italien, das eine Reihe von Welterbestätten beherbergt, keine leichte Sache sei. Die historischen Zentren vieler Städte könnten nicht einfach "dem Erdboden gleichgemacht" werden. Es gebe aber durchaus moderne Technologien zum besseren Schutz der Gebäude.

In mehreren Ortschaften in Zentralitalien wurden zudem jahrhundertealte kulturhistorische Bauwerke beschädigt oder zerstört. Kulturminister Dario Franceschini spricht von 293 Gebäuden, darunter viele Kirchen und Paläste aus dem Mittelalter. Bereits am Mittwoch hatte Franceschini einen speziellen Krisenstab eingerichtet und "Kultur-Blauhelme" mit der Begutachtung und Restaurierung der Schäden beauftragt.

So ist etwa vom historischen Stadtzentrum Amatrices, das vom Kulturministerium auf der Liste der schönsten Dörfer Italiens geführt wird, praktisch kaum noch etwas übrig. Beispielsweise wurde die 1428 gebaute Kirche San'Agostini komplett zerstört.

Der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi, meinte, nach dem jüngsten Nachbeben am Freitag muss die Kleinstadt am Apennin ganz abgerissen und komplett neu aufgebaut werden. "Kein Gebäude im Stadtkern kann gerettet werden", betonte Pirozzi. Abgesehen von der romanischen Kirche des Heiligen Franziskus sei alles eingestürzt. Ganz Amatrice wurde abgeriegelt. Nur Rettungsteams wurden zur Trümmerstadt zugelassen.

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(APA)