Die Frau von Premierminister Xanana Gusmão nimmt die Politik an – als Herausforderung.
Die First Lady von Timor-Leste? Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu einer First Lady werde! Für eine Australierin ist das, wenn man es genau bedenkt, recht unwahrscheinlich.
In den Achtzigerjahren studierte ich Bahasa Indonesia an der Universität von Melbourne. Einige meiner Mitstudenten waren exilierte osttimoresische Unabhängigkeitskämpfer. Wenn die ihre Geschichten erzählten, von den Entbehrungen und Leiden, vom zivilen Aufstand gegen die indonesische Militärdiktatur, imponierte mir das stark.
Meinen Mann, Xanana Gusmão, traf ich zuerst 1994, als er in Jakarta als Widerstandskämpfer im Gefängnis saß. Ich brachte ihm Englisch bei. Als er endlich freikam, heirateten wir und zogen 2000 in die Hauptstadt Dili. 2002 gewann mein Mann die erste Präsidentschaftswahl des neuen, unabhängigen Timor-Leste, und heute ist er Premierminister.
Ich selbst war immer eher eine Aktivistin, keine Politikerin. Aber meine Nähe zu Xanana brachte mich über die Jahre dazu, die Mechanismen dieser Welt zu verstehen.
Ich teile die Meinung meines Mannes, dass eine Politik der Versöhnung die beste Lösung für Timor-Leste ist. Für die Leute geht es nicht um eine Abrechnung mit der indonesischen Besatzung, sondern um Arbeit, Schule, Gesundheit und vor allem um den Frieden, den sie so lange nicht hatten. Ein harter ziviler Kampf! In dem haben der Hass und die Ressentiments von früher nichts zu suchen. In
Timor-Leste geht es noch um Themen wie Wasser- und Elektrizitätsversorgung.
Aber die Ressourcen sind enorm – dieses Land hat eine derart große Vielfalt, die majestätischen Berge und die wunderschöne Küste, vor allem aber die freundlichen Leute. Sie zeigen auch eine enorme politische Reife: Es gibt heute kaum antiindonesische Ressentiments. Sie können sehr wohl unterscheiden zwischen den normalen Indonesiern und den Verbrechen des Suharto-Regimes und seiner Vertreter in den 25 Jahren der brutalen Besatzung. Die Menschen hier verstehen ja auch, dass die Indonesier ebenso unter dem alten Regime gelitten haben wie sie selbst.
In meiner Alola Foundation kümmere ich mich um die Erhöhung des Lebensstandards und die Bewusstseinsbildung unter den einheimischen Frauen – der Kampf gegen häusliche Gewalt ist ebenso ein Thema wie der Stellenwert des Babystillens.
Vom durchschnittlichen Osttimorer trennt mich selbstverständlich eine Menge. Ich bin mir meiner australischen Wurzeln sehr wohl bewusst, ich habe ja mein Leben lang drei Mahlzeiten am Tag eingenommen. Aber Timor-Leste ist die Heimat meiner drei Kinder, ich liebe diese Kultur. Und wie die meisten Australier liebe ich die Strände. Am tollsten sind die verborgenen Buchten an der Küstenstraße zwischen Dili und Baucau!
Wenn Sie mich nach meiner Rolle als First Lady fragen, so muss ich Sie enttäuschen – ich habe die Aufgabe akzeptiert, aber sie ist nicht mein Lebenszweck. Politik war nie meine Sache, ich mache das für Xanana.
Am Anfang litt ich eine Menge, denn in einem solchen Leben fehlt jede Normalität. Politische Ämter ändern deine Existenz radikal – man fühlt sich auf vieles schlecht vorbereitet. Aber ich habe die Herausforderung angenommen.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestellinfo: Online oder Fax: 01/514 14-277.