Für viele Autobesitzer ist nichts schlimmer als der Gedanke, jemand anderer könnte exakt dasselbe Modell besitzen. Mit dem Zauberwort Individualisierung ist so ziemlich alles möglich: Ob Dachtattoo oder Stickerei in der Nackenstütze.
Früher, es ist schon ein paar Jahre her, kritzelte der Mensch seine Höhlenwände an. Zum Überleben notwendig war das nicht. Heute macht er das mit seinen Autos. Darin unterscheiden sich Frauen und Männer gar nicht allzu groß. Gut, es sind vorwiegend Männer – große Buben –, die sich mit dicken Auspuffen und mächtigen Spoilern tiefenpsychologischen Deutungen empfehlen, während sich Frauen eher dem Innenraum zuwenden (wo es dann oft aussieht wie in ihren Handtaschen – offenbar ein Wohlfühlfaktor). Und wer kann sich noch an die Mode mit diesen grässlichen aufgeklebten Farbklecksen erinnern? Das haben Männer und Frauen gleichermaßen verbrochen.
Fast überall baumelt irgendein Ding am Innenspiegel, eine Diddelmaus oder ein Plüschwürfel oder ein Strandmitbringsel vom letzten Urlaub. Wenn das keine bösen Geister abhält, dann wenigstens von der ungestörten Sicht durch die Windschutzscheibe. Ein Renner ist zudem alles, was klebt und gratis ist. So erhöhen Radiosender und Zeitungen ohne großen Aufwand ihre Werbefläche im öffentlichen Raum. Wer muss herhalten, wenn auf Schinkenärmeln und Speckwaden der Platz für Tattoos langsam knapp wird? Richtig, das wehrlose Wesen vor dem Haus. Nicht zu reden von all den bedeutsamen Mitteilungen („Kevin an Bord“, „Der See ruft“), die an Autohecks prangen. Autos sind das reinste Kinderzimmer.
Dekorwut. Die Autoindustrie hat den urmenschlichen Trieb zum Dekorieren und Behübschen natürlich längst erkannt. Sie müht sich nach Kräften, das Geschäft dem Zubehörhandel und den Tankstellenshops zu entreißen. Sie tut das unter dem Zauberwort „Individualisierung“ und verlegt das Niveau ein paar Stockwerke nach oben, damit es sich auszahlt. Kein Hersteller ist dabei so umtriebig wie Mini. Ein Renner bei der Marke ist das Dach, das man in allerlei Dessins ordern kann. Meistgefragt ist der Union Jack, aber auch der spaßige „Hubschrauberlandeplatz“ und „Flammen“ gehen gut.
Dass man die Entwürfe tatsächlich erst vom Hubschrauber aus richtig genießen kann, tut nichts zur Sache. Eine reuelose Angelegenheit, denn statt das Auto zu lackieren wird lediglich eine Folie aufgetragen. Lamborghini dagegen hat das Comeback des Rallyestreifens ausgerufen. Rallyestreifen – Amerikaner und Engländer nennen sie gern „Go faster stripes“ – sind vielleicht das Urexemplar von nichtfunktioneller Autobeklebung. Sie dienen keinem anderen Zweck, als das Auto schneller aussehen zu lassen. Die Liebesmüh wäre im Fall des Lamborghini kaum notwendig, denn mit 560 PS und einem Design wie mit der Handkante geschlagen braucht der Gallardo keinen künstlichen Anschub mehr. Eine nette Retroidee ist das Sondermodell „Valentino Balboni“ dennoch.
Armani fürs Auto. Vom Modestandpunkt aus tragfähiger sind Kleinserien, die berühmte Designer oder Label verantworten. Bei Mercedes-Benz hat kein Geringerer als Giorgio Armani die Stoffe, Farben und Ledervarianten der Veredelungslinie „Designo“ arrangiert. Aus dem Fiat-Konzern ist nach einem „Diesel“-Fiat-500 auch ein Lancia Y von Versace zu haben. Das Modell in Metallicbraun entspricht einem Kleiderschrank mit der neuesten „Versus“-Kollektion, soweit sich das in einem Auto unterbringen lässt.
Wenn es noch weiter in die Tiefe gehen soll, empfiehlt sich die „Bespoke“-Abteilung von Rolls-Royce. „Bespoke“ wie „Sprechen wir darüber“. Nur nicht übers Geld, denn das ist in diesen Regionen bekanntlich Nebensache. Bei „Bespoke“ gibt es kein fixes Programm. Sie sagen einfach, worauf Sie Lust hätten. Ihre Initialen (oder das Datum des Lottoloskaufes) können Sie ebenso ins Leder der Kopfstützen sticken wie ins Glas der Seitenscheiben ätzen lassen. Eiche aus Ihrem Garten für das Armaturenbrett? Sitzleder von der Lieblingskuh? Bei „Bespoke“ stehen Englands beste Holzschnitzer und Sattler habt Acht. Kunstfertige Spezialisten pinseln barocke Kringel in den Lack, bis der Rolls-Royce „Phantom“ vor Ihrem Anwesen aus dem
18. Jahrhundert nicht mehr wie ein Fremdkörper wirkt.
Und wozu das alles? Offenbar quält uns die panische Angst, nichts in angemessener Einzigartigkeit hinterlassen zu haben, wenn man uns unversehens von dieser Erde rufen sollte. Wie wäre es mit Bäumchenpflanzen?