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Mit Biokohle gegen den Klimawandel kämpfen

Belastung der Umwelt durch Industrieabgase
(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)
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Biokohle aus Stroh, Klärschlamm und Weinreben soll die Bodenqualität verbessern, das Pflanzenwachstum fördern und vor allem langfristig Kohlenstoff speichern. Eine Chance im Kampf gegen den Klimawandel.

„Stellen Sie sich vor, Sie parken Ihr Auto in der Sonne. Die Fenster sind geschlossen und halten die Wärme im Fahrzeuginneren“, so erklärt Sophie Zechmeister-Boltenstern, Leiterin des Instituts für Bodenforschung an der BOKU Wien, die Erderwärmung im Alpbacher Seminar. Das Kohlendioxid (CO2) in der Luft wirkt wie die geschlossenen Autofenster. Es bildet ein Schild rund um die Erde. Deswegen sprechen wir vom Treibhauseffekt. Gemeinsam mit Lachgas und Methan zählt CO2 zu den Wärmefängern und ist Hauptgrund für den Klimawandel. Die CO2-Konzentration ist so hoch wie nie zuvor: In der Eiszeit waren es noch 200 parts per million (ppm), heute sind es mehr als 400 ppm.

„Klimaforscher wollen die Erwärmung um zwei Grad vermeiden. Das klingt für die meisten Menschen nicht beeindruckend. Aber es brennt der Hut.“ Die Wärmeenergie bringt das gesamte Wettergeschehen durcheinander. Es gibt Überschwemmungen und Waldbrände. Lange Trockenperioden führen zu Ernteverlusten. Stürme bilden große Windwurfflächen, und auch der Trockenstress schwächt die Wälder. Das viele Totholz lockt die Borkenkäfer. Auch in Alpbach. Das alles erfahren die Stipendiaten, während sie an einem Seminarnachmittag unter den Nadelbäumen wandern.

Was also tun? – Manche Lösungen bekämpfen nur Symptome. Von Geoengineering – von der Idee Schwefelverbindungen in die Stratosphäre zu schicken – hält die Forscherin zum Beispiel wenig. Sie sucht lieber Lösungen mit Bodenhaftung. Die „4 Promille Initiative“ vom Klimagipfel in Paris hält Zechmeister-Boltenstern für vielversprechend. „Wenn der Kohlenstoffspeicher jedes Jahr um vier Promille erhöht wird, schaffen wir es, den jährlichen Zuwachs einzufangen“, erklärt Zechmeister-Boltenstern die Idee. Dazu muss der Boden humusreich sein. Einer der Vordenker ist ihr Kollege Jean-Francois Soussana, wissenschaftlicher Direktor am International Center for Climate Governance. Große Hoffnungen setzt die Forschung seit ein paar Jahren auf die Terra preta, auf schwarzen fruchtbaren Humus aus dem Amazonaswald. „Black is the new green“ titelte das wissenschaftliche Fachjournal „Nature“. Das Geheimnis dahinter ist die Holzkohle, die Indios vor langer Zeit mit Haushaltsabfällen gemischt und ausgebracht haben.

Weltweit experimentieren nun also Forscher mit Biokohle aus Stroh, Rebschnitt oder Klärschlamm. Auch in Österreich, obwohl wir hier ohnehin ziemlich humusreiche Böden haben. In einer Pyrolyseanlage beim steirischen Kaindorf entsteht das Kohlenstoffprodukt Biochar, also Biokohle, die die Bodenqualität verbessern, das Pflanzenwachstum fördern und den Kohlenstoff langfristig speichern soll. Besonders ideal ist der Einsatz in trockenen Böden, denn Biokohle speichert Wasser gut. Außerdem stabilisiert sie Nährstoffe. Das führt zu höherem Ertrag.

Die Methode ist unumstritten. Eines steht aber jetzt schon fest: Der Druck auf die Böden steigt. Um von der ölbasierten zur biobasierten Wirtschaft zu kommen, müssen wir Faserstoffe aus Böden produzieren, auch Treibstoffe wie Biodiesel sind gefragt. Und „selbst, wenn wir es schaffen, unsere Böden bestmöglich zu nutzen, langsam müssen wir aufhören, unsere Flächen zu verbauen“, so die Forscherin. „In Österreich wird täglich eine Fläche von 31 Fußballfeldern zu Straße, Supermarkt oder Parkplatz“, fügt Zechmeister-Boltenstern hinzu „diese fruchtbaren Böden sollten wir für unsere Enkelkinder bewahren.“

IN ZAHLEN

200parts per million (ppm) betrug die CO2-Konzentration in der Luft in der Eiszeit. Heute liegt sie bei mehr als 400 ppm.

22Hektar Boden werden täglich in Österreich verbaut. Das entspricht in etwa einer Fläche von 31 Fußballfeldern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2016)