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„Den Mist mit den Forstgeistern vergessen wir“

Holzstoss
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Verena Winiwarter plädiert für die „Co-Kreation“ von Wissen.

Sprechen wir von „Transfer“, tun wir das meist, weil wir über Geld oder Fußballer reden. Beim Europäischen Forum Alpbach lag das Wort vergangene Woche vielen in anderem Zusammenhang auf der Zunge: als Wissenstransfer – dem Vermitteln von Wissen aus der Wissenschaft „hinaus“ in Bevölkerung oder Wirtschaft, aber auch dem Vermitteln von einer Disziplin in die andere.

Verena Winiwarter, Umwelthistorikerin und Wissenschaftstheoretikerin an der Uni Klagenfurt, ist mit diesem Zugang nicht einverstanden, denn: „Ich denke ,Wissen‘ als einen Prozess, also als Verb – im Sinne von ,ich weiß etwas‘, nicht ,ich habe Wissen‘. Ich teile das, was ich weiß, damit Sie es auch wissen.“ Beim Gegenüber komme das unter Umständen aber ganz anders an, sagt Winiwarter, die die „Presse“ in Alpbach zum Gespräch traf.

Sie präzisiert: „Wenn wir Transfer sagen, denken wir Wissen als ein paketierbares Produkt.“ Das würde bedeuten, dass Wissen ein Ding ist, das man von A nach B tragen kann. Das sei aber nicht der Fall: „Wissen ist immer, wie man auf Englisch sagt, ,embedded‘, es ist immer in einen Körper, in eine Organisation, in eine Institution, in einen Raum, eingebettet.“

Winiwarter verweist auf traditionelles ökologisches Wissen, das zum Beispiel Indigene im Laufe ihres generationenlangen Lebens im Regenwald entwickelt haben: „Das sind Menschen, die nicht nur wissen, wie man einen Wald behandelt – durch regelmäßiges Abbrennen im Frühjahr, wenn alles feucht und wenig Unterholz da ist, um ihn in einem bestimmten Zustand zu halten –, sondern sie glauben auch an Forstgeister. Wir kommen hin und sagen: Wir nehmen, was von eurem Wissen für uns brauchbar ist. Und den Mist mit den Forstgeistern vergessen wir. Aber was tun wir da? Wir entkontextualisieren Wissen.“

Winiwarter stellt sich und uns die Frage: „Zerstört man dieses Wissen, wenn man es aus seinem kulturellen Kontext löst?“ Was, wenn man es in seinem Geflecht belässt und so damit weiterarbeitet? In dieser Version hat der Nachnutzer einen Nachteil: Er muss auch die Interessen derer berücksichtigen, die ihn informierten oder inspirierten. „Die Macht verteilt sich dann auf mehrere Akteure“, sagt Winiwarter.

Dabei basieren viele unserer heutigen gesellschaftlichen Praktiken auf diesem Prozess. Winiwarter weist darauf hin, dass „eigentlich nur durch das Missverstehen die Innovation in die Welt kommt“. Ein fehlerfreies System sei im Gegensatz dazu statisch. „Es ändert sich nicht, weil es keine Fehler ausbessern muss.“ Erst durch das Vergessen, das Reformulieren, das Erklären entstehe Neues.

 

Wissen nicht zentral verwalten

Winiwarter möchte deshalb eine neue Art anregen, über diese Prozesse nachzudenken: „Es geht nicht um einen Wissenstransfer, es geht um Co-Kreation von Wissen – Co-Kreation, weil wir dabei gemeinsam kreativ sind.“ Das impliziere, dass Wissen nicht zentral an einer Stelle verwaltet und von dort aus weiterverteilt wird. Stattdessen wird es gemeinschaftlich erzeugt. „Wissen steckt immer in einem Kontext und macht nur in diesem Kontext Sinn“, beantwortet Winiwarter ihre Frage von vorhin.

Im Idealfall passiere diese gemeinschaftliche Kreation außerdem transdisziplinär und unter Einbeziehung von Akteuren außerhalb der Wissenschaft. Winiwarter baut auf das Bedürfnis von Menschen, mit anderen in Beziehung treten zu wollen. „Als Ergebnis entsteht so ein nachhaltiges Innovationssystem, wie es mir vorschwebt – nicht eines, das wir mit ökonomischen Incentives (Anreizen, Anm.) füttern müssen. Sondern eines, das sich der Kreativität von Gesellschaft als gemeinschaftsstiftendes Element bedient.“

In Folge verändern sich auch Rollen in unserer Gesellschaft: Es gebe dann (bzw. teils jetzt schon) so etwas wie eine Wissenschaftsmoderatorin oder einen Bürgerbeteiligungsunternehmer. So jemand gehe mit einem ganz neuen Selbstverständnis an ihre oder seine (traditionelle) Aufgabe heran, meint Winiwarter. „Ich glaube, dass die Wissenschaftsadministration oder Forschungsförderung eines Landes die Aufgabe hat, ein förderliches Klima zu schaffen. Und dieses Klima finde ich mit dem Ausdruck ,Wissenstransfer‘ schlecht beschrieben.“ Es gehe um das Eröffnen von Innovationsplattformen und um das Einsetzen von Risikokapital – „in Räumen, in denen wenig vorgegeben ist, dabei aber Mut Platz hat“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2016)