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Küssen als technische Innovation

(c) Kathairna Fröschl-Roßboth
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Acht Stipendiatengruppen entwickelten innerhalb von 24 Stunden Lösungen für Aufgabenstellungen von Firmen – etwa „Smart Kiss“ zum gegenseitigen Aufladen von Handys.

„Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht – oder einen guten Morgen, je nachdem.“ Die Worte von TU-Wien-Rektorin Sabine Seidler an diesem Freitagmorgen passen gut zu den Augen der Stipendiaten im Erwin-Schrödinger-Saal. Sie haben gerade 24 Stunden durchgearbeitet. Eben haben die acht Teams ihre letzten Minuten der Anspannung hinter sich gebracht, haben für rund zwei Minuten die Ergebnisse ihrer Arbeit auf der Bühne präsentiert. Von realen Unternehmen haben sie Aufgabenstellungen bekommen, am Ende sollte eine Lösung stehen, auf der die Firmen tatsächlich aufbauen können.

„Excuse me, would you please kiss me!“ Mit diesem Spruch leitet Paul Ploberger auf der Bühne die Präsentation seiner Gruppe ein – die Produktvorstellung von „Smart Kiss“. Der Stipendiat, ein ausgebildeter Schauspieler, hatte mit seinem Team eine Aufgabe des Leiterplattenherstellers AT&S bekommen. Gefunden werden sollte eine Anwendung, bei der Leiterplatten aus einem Gerät „nach außen treten“ sollen. Es ging also darum, eine Anwendung zu finden, wo das möglich – und noch dazu auch sinnvoll ist.

An der Uhr oder am Handy

Eine Leiterplatte nach außen – zunächst musste die Gruppe überlegen, wozu man das überhaupt machen sollte. Aus funktionalen Gründen? Oder wegen des Designs? Schließlich diskutierte man, wo man ein solches Setting überhaupt einsetzen können sollte. Unter anderem gab es die Überlegung, etwas für den Gesundheitssektor zu machen, erzählt Stipendiat Christian Prehal, der an der Montanuni Leoben Werkstattwissenschaften studiert hat. Es ging also etwa um Sensoren an Uhren oder Handy, mit denen Körperfunktionen gemessen werden. Die Signale könnten dann für verschiedene Apps verwendet werden.

Schließlich einigte sich die fünfköpfige Gruppe aber auf eine andere Idee. Eine ziemlich realitätsnahe noch dazu. Man wollte sich dem Handy widmen – und dem Problem, dass der Akku oft genau dann leer ist, wenn es besonders ungünstig ist. Gerade dann ist es schwierig, an eine Steckdose zu kommen, an der man sein Ladekabel anstecken kann. Die Lösung der Stipendiaten setzt nun darauf, jenen Strom zu nutzen, den andere mit sich herumtragen. Also Energie von einem Handy zum nächsten zu bringen.

Das ist dann auch der Punkt, an dem die anfangs erwähnte Frage nach dem Kuss ansetzt. In der Präsentation nickt die angesprochene Frau, die Stipendiatin Anna Fuchs, eine studierte Toningenieurin. Sie zückt ihr Handy und hält es ihm hin. Er hebt seines auf die gleiche Höhe – und die Rückseiten der beiden Geräte werden aneinander gehalten. Das ist dann der Moment, der im Konzept als der „Smart Kiss“ bezeichnet wird. Über die Leiterplatten am Ende kann innerhalb von Sekunden ein wenig Energie übertragen werden. Und Ploberger kann danach einen Anruf machen.

Die anderen Gruppen bekamen Aufträge von Kapsch, Infineon, KTM, NXP, Siemens, AVL und der voestalpine. Heraus kamen unter anderem Logistiklösungen für den Service Support von Firmen quer über Kontinente hinweg, eine Anwendung, bei der Motorradfahrer in ihren Helm Informationen zugespielt bekommen, etwa den Weg zur nächsten Tankstelle, oder auch ein App Store für Industrieautomation.

Allen Gruppen wurde im Congress Centrum ein eigener Arbeitsraum inklusive Materialien zur Verfügung gestellt. Jedes Team hatte einen von den Unternehmen zur Verfügung gestellten Coach, der zu Beginn eine ausführliche Problemanalyse mit den Teams machte. Und der Zeitrahmen der Aufgabenstellung machte es notwendig, dass man auf Schlaf verzichten musste.
Ein Setting, das viel von den Stipendiaten verlangte: „Am Abend hat es mich nicht mehr gefreut“, sagt Ploberger. „Ich habe das Gefühl gehabt, dass wir etwas entwickeln, was niemand braucht.“ Und doch biss sich die Gruppe durch, arbeitete weiter an ihrem Plan. Und am Morgen hatte man dann etwas in der Hand.

Es ist bereits der dritte derartige Marathon in Österreich, allerdings der erste in Alpbach. Für die Studenten steht dabei im Mittelpunkt, unter recht extremen Bedingungen die Probleme von Industrieunternehmen kennenzulernen. Und für die teilnehmenden Unternehmen gibt es die Chancen, von außen Hinweise zu bekommen, auf die man von selbst womöglich nicht gekommen wäre.

Einladung zur Präsentation

Die Fünfergruppe wurde jedenfalls noch von AT&S eingeladen, in nächster Zeit ihr Konzept in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung zu präsentieren. „Es war doch eine Challenge“, sagt Paul Floberger, „und im Nachhinein bereue ich es nicht.“ Nur, dass ein bisschen Schlaf dann doch noch schön wäre.