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Die neue Formel: Forschen und teilen

(c) Katharina Fröschl-Roßboth
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Open Innovation gilt als zukunftsweisender Zugang: Statt Geheimniskrämerei wollen Unternehmen gemeinsam mit Universitäten und vor allem den Kunden bessere Produkte und Dienstleistungen entwickeln.

Viel ist dieser Tage von Open Innovation die Rede – nicht nur beim Europäischen Forum Alpbach. Und wie viele andere neue Entwicklungen leidet die Diskussion darunter, dass das „Buzzword“ zwar verwendet wird, aber oft nicht klar ist, was damit gemeint ist.

Robert-Jan Smits hingegen hat eine klare Definition: „Es ist eine neue Art zu forschen – weg von der traditionellen, isolierten Form“, sagt der Generaldirektor für Forschung und Innovation der Europäischen Kommission. Und zwar nicht nur innerhalb des eigenen Hauses, sondern gemeinsam mit anderen Unternehmen, Universitäten und Fachhochschulen – und mit den Kunden. „Ihnen sollen nicht länger einfach Produkte vorgesetzt werden nach dem Motto: ,Schlucke das!‘“

Mehr noch. Smits nennt auch die fünf wichtigsten Gründe, warum dieser neue Weg der Open Innovation unumgänglich ist:

► Die enormen Datenmengen, die Unternehmen zur Verfügung stehen (Stichwort Big Data) und
► digitale Technologien mit denen diese Daten erst ausgelesen werden können – sie verlangen nach Zusammenarbeit.
► Die Globalisierung der Wissenschafts-Community macht es einfach, Know-How zu transferieren.
► Ein weiterer Treiber ist die Gesellschaft, die einerseits immer stärker nach konkreten Lösungen fragt und andererseits sehen will, was das Geld, das in Forschung investiert wird, für sie bringt.
► Und: „Die Probleme, an denen die Wissenschaft forscht, sind komplexer geworden“, sagt Smits, und könnten ohne Zusammenarbeit nicht mehr gelöst werden. Das verlange danach, Wissen zu teilen und offen zu sein.
Das bedeute aber nicht, dass es in Zukunft keine Betriebsgeheimnisse mehr geben werde. „Was das core business betrifft, werden auch künftig nicht alle Geheimnisse auf den Tisch gelegt werden.“ Mit anderen Worten: Coca-Cola wird seine Rezeptur auch in Zukunft nicht preisgeben. Offenheit meine stattdessen, sich den jeweiligen Kooperationspartnern zu öffnen, eine Vertrauensbasis zu erarbeiten und darüber hinaus offen für neue Partnerschaften zu sein.

Mut der Unternehmen gefragt

Daraus ergebe sich: Es liegt in erster Linie in der Hand der Unternehmen, sich auf Open Innovation einzulassen. Als Niederländer verweist Smits auf das Beispiel Philips. Das Unternehmen habe 2003 die Namensschilder und Logos der unternehmenseigenen Labors entfernt, weitere Unternehmen angesiedelt und so den High-Tech-Campus Eindhoven gegründet. Derzeit sind dort rund 160 Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern tätig, die mehr oder weniger mit Philips forschen und entwickeln.
Doch auch die (über-)regionalen Regierungen spielen eine entscheidende Rolle. Sie können sich nicht mehr darauf beschränken zu finanzieren. Ihre Aufgabe sei es auch, Cluster zu schaffen – wie das etwa im ACstyria Autocluster in der Steiermark gelungen ist – und potenzielle Partner zusammenzubringen. Ja, mehr noch, ihre Aufgabe sei, Ökosysteme zu schaffen.

Das heiße auch, besonders die kleinen und mittleren Unternehmen zu unterstützen (KMU). „Ich höre immer wieder, dass sich die KMU isoliert fühlen, dass sie nicht mitreden können, dass sie nicht am Co-Designing teilnehmen können und vom Dialog mit großen Abnehmern ausgeschlossen sind“, sagt Smits. Die KMU wiederum müssen bereit sein, bei Open Innovation mitzumachen, sich zu vernetzen und miteinander sowie mit den großen Unternehmen zu reden. Wie das aussehen kann, erklärt er am Beispiel des Flugzeugherstellers Airbus. Der wurde im Gegenzug zur finanziellen Unterstützung von der Kommission verpflichtet, die Zusammenarbeit mit KMU in die Unternehmensstrategie miteinzubeziehen.

Lob und Tadel für Österreich

Auch Österreich liefere ein schönes Beispiel, sagt Smits. Es sei das erste Land in Europa, das eine Open-Innovation-Strategie und 14 konkrete Aktionen vorgestellt habe. Inklusive, was bis zum Jahr 2025 erreicht werden soll.

Und auch, wenn Smits die Ausgaben Österreichs für Forschung lobt, sieht er doch einige Bereiche, in denen Handlungsbedarf herrsche. Drei Felder greift er dabei besonders heraus:

► Start-ups sollten besser gefördert werden und
► der Zugang zu Venture Capital erleichtert werden.
► Zudem sollten die Universitäten stärker auf Qualität als auf Quantität setzen. Es sei enttäuschend, dass sich keine von ihnen in den Rankings unter den Top-100 finde.
Eines dürfe man im Kontext von Open Innovation nicht verschweigen. Für die Umsetzung sei eine Kulturänderung notwendig – hin zum Teilen. Die junge Generation der Digital Natives habe ohnehin kein Problem, Inhalte, Informationen und Daten zu teilen. Für jene, die in der Schule noch dafür bestraft wurden, wenn sie den Sitznachbarn abschreiben ließen, sei das auch ein – vielleicht nicht immer ganz einfacher – Lernprozess.

Hin und wieder verrückt sein

Mittels der veränderten Kultur und Open Innovation könne es eher gelingen, die oft kritisierte Lücke zwischen Forschung und Markt zu schließen. Europa, sagt Smits, stelle sieben Prozent der Weltbevölkerung, liefere aber rund ein Drittel der Erkenntnisse in der Grundlagenforschung. Das sei auch gut so und werde auch in Zukunft forciert. Denn ohne Basiswissen könne es keine Innovation geben.

Allerdings: Europa sei, formuliert Smits, „stark, Euros in Know-how, aber schwach, Know-how in Euros umzusetzen.“ Anders gesagt: Es gelinge Europas Unternehmen oft nicht, ihr Wissen in neue Produkte und Dienstleistungen umzumünzen. Und vielfach sei zusätzlich die Angst der Fördergeber zu groß, in scheinbar verrückte Ideen zu investieren. Auch in dieser Hinsicht wird es also einer Kulturänderung bedürfen.