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Erdbeben in Italien: Wie der Wiederaufbau nicht sein soll

ITALY-QUAKE
Welt in Trümmern. Zahlreiche mittelitalienische Kleinstädte, Dörfer und Weiler wie Amatrice, Accumoli und Nottoria wurden vom Beben der Vorwoche verwüstet.APA/AFP/ANDREAS SOLARO
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Nach dem Erdbeben in Mittelitalien will die Regierung zerstörte Dörfer wie Amatrice wieder aufbauen. Hoffentlich vermeidet sie dabei auch die Fehler nach dem Beben von L'Aquila 2009.

Er war ein Tag der Trauer in ganz Italien, der gestrige Samstag, an dem die Todesopferzahl nach dem Erdbeben in den Bergen Mittelitaliens vom Mittwoch bereits auf mindestens 290 stieg – allein 230 davon in dem (vormals) 2650-Einwohner-Gebirgsdorf Amatrice hart im Osten der Region Latium.

Zu einem Staatsakt für die Opfer strömten Trauernde und Überlebende in die Sporthalle der Stadt Ascoli Piceno in der angrenzenden Region Marken, die in eine Kapelle umgewandelt worden war, dort wurden 35 der 49 Bebenopfer in den Marken eingesegnet, im Beisein von Staatspräsident Sergio Mattarella und Premierminister Matteo Renzi, die zuvor das Katastrophengebiet besucht hatten.

„Wir bauen alles wieder auf.“ Der Bischof von Ascoli Piceno, Giovanni D'Ercole, gab sich in seiner Predigt überzeugt, dass die zerstörten Orte zu neuem Leben erwachen würden. „Unsere Gegend besteht aus Menschen, die nicht den Mut verlieren. Zusammen werden wir die Häuser und Kirchen wieder aufbauen.“ Einen schnellen Wiederaufbau versprach in der Tat Renzi. Das – was soll ein Regierungschef auch anderes tun? – hatte einst auch der damalige Premier, Silvio Berlusconi, zugesagt, als am 6. April 2009 die Welt von L'Aquila unterging und mit jener 70.000-Einwohnerstadt weitere 55 Gemeinden der Region Abruzzen östlich Roms einstürzten. Im Kühlschrank ihrer vom Staat neugebauten Wohnung, sicherte Berlusconi damals zu, würden seine Mitbürger „sogar eine Flasche Champagner“ vorfinden. Vier Monate danach holte Berlusconi sogar den G8-Gipfel in die verwüstete Stadt, um der Welt das Übel vorzuführen.

Natürlich ging nicht alles so glatt in L'Aquila. Zwar gelang es schnell, den meisten nun Obdachlosen eine Unterkunft zu verschaffen. Acht Monate später machte die letzte Zeltstadt zu. Doch in den Dörfern sind viele Notunterkünfte bis heute bewohnt: Ihr eigenes Haus haben die Menschen darin auch sieben Jahre später noch nicht wieder.

Verblüffend schnell, doch mit fragwürdiger Auftragsvergabe und Herummauschelei, ging der Bau von 19 Großsiedlungen am Stadtrand von L'Aquila vonstatten. In den Wohnblöcken dieser sogenannten New Towns fanden 26.000 Menschen eine Bleibe. Doch das sind seelenlose, von Bürokraten des Zivilschutzes am Schreibtisch geplante Siedlungen. Gemeinschaftsstiftende Treffpunkte wie eine Piazza und Bars gibt es nicht. Familienverbände und gewachsene Nachbarschaften wurden auseinandergerissen. Um ihre Freunde zu besuchen, kommen die Aquilani heute ohne Auto nicht aus; als soziale Treffpunkte nutzen sie Einkaufszentren.

Die Sackgasse der Wohnblöcke. Nicht nur aus dieser Erfahrung heraus hat die Regierung Renzi jetzt angekündigt, das Modell L'Aquila zu meiden. Es hatte sich nämlich auch gezeigt, dass die New Towns für die verwüstete Altstadt von L'Aquila fast den endgültigen Tod darstellten. Hinter dem Konzept stand die Idee, kaputte Dörfer durch neue Siedlungen zu ersetzen. Bei vernünftiger Planung wäre das wohl auf Orte wie Amatrice oder Accumoli anwendbar. Nur lautet die Lehre aus L'Aquila: So untergebrachten Menschen fehlt die Heimat, vor allem, wenn sie aus der Käfighaltung der Wohnblöcke auf die Schutthalden ihrer Häuser und Gärten schauen, die im Raum L'Aquila noch lange nicht weggeräumt sein werden.

In der barocken Altstadt L'Aquilas ist auch nicht irgendein beliebig austauschbarer Wohnraum zerstört worden, sondern vieles von historischem und künstlerischem Wert. Die Konzentration auf die New Towns bewirkte, dass der Wiederaufbau des Alten hintangestellt wurde. Die Palazzi, von denen meist nur noch die Fassaden standen, verfielen seither immer mehr. Staatliches Geld für den Wiederaufbau floss erst ab 2013, und auch das großteils nur, weil man dem Druck der Geschädigten nicht länger trotzen konnte. Und weiter wurden vor allem Einzelbewilligungen erteilt. Einen, wie von Architekten vorgeschlagen, kompletten, in sich stimmigen Wiederaufbau ganzer Stadtviertel gab es nicht. Städtisches Leben ist sowieso nicht zurückgekehrt. In einzelnen Schaufenstern hängen noch immer Plakate, die für Konzerte im April 2009 werben: Um die dazugehörigen Geschäfte, Bars, Kioske hat sich kein Mensch mehr gekümmert.

Reiche stecken es leichter weg. Immerhin sind die für das Aquilaner Identitätsgefühl wichtigen mittelalterlichen Kirchen benutzbar, wenn auch noch unfertig. Und immerhin scheint die Einwohnerzahl wieder zum alten Wert von 70.000 zurückgekehrt zu sein. Nur die Uni, die einst 25.000 Studenten zählte, muss ein Minus von 3500 verkraften. Das schwächt die Wirtschaft der Stadt, die hauptsächlich von Zimmervermietung lebte; Industrie gab es wenig, und jetzt noch weniger. Die Arbeitslosenquote liegt bei 27 Prozent.

Darin spiegelt sich die Strukturschwäche einer Region, die verwaltungstechnisch zum Mezzogiorno zählt. Weiter im Norden, in der reicheren Industrieregion Emilia zwischen Verona und Bologna, kostete das doppelte Beben vom 20. und 29. Mai 2012 keinen einzigen Arbeitsplatz. Dabei wurden nicht weniger Dörfer zerstört als vorige Woche, aber das Emilia-Beben wurde deshalb weitgehend vergessen, weil Industrie und Private den schnellen Wiederaufbau selbst unternahmen. Zwar sind noch viele historische Dorfkerne zerstört, aber 80 Prozent der obdachlos Gewordenen haben wieder Häuser.

Für L'Aquila gilt: Will man sich dort mit einem trösten, dann mit der Erfahrung, dass so starke Beben nur etwa alle 300 Jahre die Stadt heimsuchen. Das zuvor letzte war 1703. Doch was heißt das schon auf so wackligem Boden?

LEXIKON

Geologisch gesehen zählt Italien neben Südgriechenland seit Menschengedenken zu den erdbebengefährdetsten Regionen Festlandeuropas. Grund ist, dass im Mittelmeerraum die Eurasische und die Afrikanische Kontinentalplatte seit Millionen Jahren horizontal gegeneinanderkrachen, wobei Afrika von Süden heranrückt, ein bis zwei Zentimeter pro Jahr. Der Prozess faltete unter anderem die Alpen auf.

Verkompliziert wird die Sache für Italien, da der Stiefel und angrenzende Gebiete etwa der Ostalpen, Kroatiens, Sloweniens sowie die Adria und Teile Siziliens auf einer ganz kleinen Erdkrustenplatte, der Apulischen Mikroplatte, liegen, die wie ein Splitter zwischen Europa und Afrika treibt und von Afrika gegen Europa gedrückt wird. Letztlich wird die Mikroplatte von allen Seiten in die Mangel genommen, teils über, teils unter Europa gepresst, und fragmentiert zugleich innerlich, sodass auch die Kräfte aus dem flüssigen Erdmantel vielfach bis an die Oberfläche wirken und etwa Vulkane bilden. Das alles macht Italien quasi zu einem auf Magma treibenden Schutthaufen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2016)