Annelie-Martina Weinberg: „Kinder haben auch Hände und Füße!“

Annelie-Martina Weinberg
MedUni Graz/Jürgen Fechter

Annelie-Martina Weinberg hat ihr Leben der Würde der Kinder gewidmet. Als Unfallchirurgin möchte sie die Behandlungen von jungen Patienten optimieren: weniger Aufwand für mehr Heilungserfolg.

Kein Zutritt unter 14 Jahre – wie oft prangt dieser Hinweis auf Kinosälen? Annelie-Martina Weinberg nennt eine solche Einteilung von Kindern „das numerische Alter“. Die Unfallchirurgin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie in Graz ist in der Kategorie „Forschung“ bei der „Austria '09“ nominiert. Sie kennt die Schwierigkeiten der Einteilung junger Patienten: Kind, Jugendlicher, Erwachsener? „Es hängt nicht vom numerischen, sondern vom biologischen Alter ab“, erklärt Weinberg. Kinder als Patienten zu haben ist für sie Luxus: Sie sind immer ehrlich, vertrauen einem, wenn man sie nicht belügt, und hören noch auf ihren Körper.

Von Anfang an wollte Weinberg „Knochendoktor“ werden, „obwohl mich auch Bildhauerei interessiert hätte! Das Plastische ist einfach faszinierend.“ Die Parallelen zwischen Chirurg und Bildhauer sieht sie beim taktilen Verständnis und dimensionalen Vorstellungsvermögen. Als Chirurgin betont Weinberg seit Jahrzehnten: „Wir müssen viel genauer definieren: ,Was ist kindgerecht‘ – auch in der Kommunikation. Was ist eine adäquate Behandlung?“ Ihre erste Stelle war in Braunschweig – die Nähe zu Hannover war wichtig, da sie dort mit ihrem Mann den Lebensmittelpunkt einrichtete. „Meinem damaligen Chef, Heinrich Reilmann, bin ich heute noch dankbar, er stellte mich als einzige Frau unter 30 Männern ein.“

In der Männerwelt behauptet

Das Genderbewusstsein will Weinberg nicht extra hervorheben, aber in ihrem Lebenslauf war sie meist die erste und einzige Frau. Auch bei der Habilitation: erste Frau Deutschlands im Fach Unfallchirurgie. Als Spezialgebiet pickte sie „Kinder“ heraus, u. a. weil es noch unbesetzt war – so konnte sie sich in einer Männerdomäne durchsetzen. „Kindertraumatologie ist nie populär. Dabei haben Kinder doch auch Hände und Füße, alles was ein Erwachsener hat. Und sie verletzen sich überall!“ Ende der 1980er war das Thema, welche Würde, Rechte und Ansprüche ein Kind im Krankenhaus hat, erst im Entstehen. „Ein Kind möchte so schnell wie möglich wieder zu Hause sein und spielen können. Es möchte so wenig wie möglich angegriffen werden.“

Seit der Zeit in der Braunschweiger Klinik betreibt Weinberg stets auch Forschung: „Das Nachdenken ist wichtig. Alles, was wir im Klinikalltag erleben, kann in die Forschung einfließen.“ Dass die Forschung meist in der Freizeit erledigt wird, ist klar: Das Operieren und der Patient stehen an erster Stelle. Doch nur durch Forschung kann die Behandlung effizienter werden: „Es wird bei Kindern immer noch zu viel Aufwand betrieben, viel zu viel geröntgt.“ Ein besonderer Kick ist für sie auch, das Wachstum der jungen Knochen zu erforschen.

In Hannover managte Weinberg den Aufbau eines Rehab-Zentrums, das an die Klinik angeknüpft war, sodass stationäre Liegezeiten der Kinder verkürzt werden können. „Damals war ich schon Chefin. Das habe ich dann aufgegeben, aber viel Geld zu verdienen war nie mein Ziel.“

Jetzt ist sie wieder Chefin: Das neu gestartete „Laura Bassi Center of Expertise“ an der MedUni Graz beginnt im Oktober: Hier will Weinbergs Team erstmals ein Knochenimplantat für Kinder entwickeln, das sich im Körper auflöst. „So erspart man den Kindern eine nochmalige Operation zum Entfernen des Implantats.“ Waren der Umzug nach Graz, das Arbeiten in Österreich eine große Umstellung? „Nein, ich habe es als sehr positiv empfunden. Vor allem, dass man hier die Nachbehandlung selbst macht. In Deutschland ist das getrennt, und für mich ist dies auf persönlicher Ebene ebenso wichtig wie für die Forschung.“ Das langzeitige Schicksal nach Frakturen kann nur so überwacht werden.

Auch eine größere Gelassenheit fällt Weinberg in Österreich auf: „Ich hatte nie das Gefühl, dass jemand etwas verhindern will.“

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2009)