Saudiarabien erlebt sein Vietnam

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(c) APA/AFP/SALEH AL-OBEIDI

Der Krieg hat den Jemen in drei Machtzonen zerfallen lassen. Al-Qaida beherrscht große Landstriche, 10.000 Menschen sind tot. Doch Saudiarabien fliegt weiter Luftangriffe auf den Nachbarn – ohne seine Strategie offenzulegen.

Sanaa/Kairo. John Kerry klang dieser Tage wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Man müsse alles tun, um den Krieg im Jemen so schnell wie möglich zu beenden, erklärte der krisengewohnte US-Außenminister.

Seit die von den Vereinten Nationen vermittelten Friedensgespräche in Kuwait Anfang August gescheitert sind, ist der Krieg im Jemen mit voller Härte zurückgekehrt. Ununterbrochen fliegen die Saudis Luftangriffe auf ihren südlichen Nachbarn, bei dem laut UNO täglich mehr als hundert Menschen sterben. Die Houthis rächen sich durch ständige Attacken auf saudisches Territorium, um in der Grenzregion ihrem Gegner „möglichst große Schmerzen“ zu bereiten, wie es einer ihrer Anführer formuliert hat. Die Terrororganisationen al-Qaida und Islamischer Staat wüten in dem geschundenen Land mehr als zuvor. Am Montag fuhr ein IS-Jihadist sein mit Sprengstoff präpariertes Auto in eine Menge wartender Regierungsrekruten und riss 54 Menschen mit in den Tod. Al-Qaida ist inzwischen auf mehr als einem Drittel des Staatsgebiets präsent.

 

Zerfallen in drei Machtzonen

Für Saudiarabien könnte sich das Unheil, das es im Nachbarland angerichtet hat, zu einem Vietnam auf der Arabischen Halbinsel entwickeln. Das ursprüngliche Kriegsziel, die Houthis aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa zu vertreiben und dort die Regierung des von Rebellen gestürzten Präsidenten Abed Rabbo Mansour Hadi wieder einzusetzen, ist unerreichbar geworden. Stattdessen ist der Jemen in drei Machtzonen zerfallen, die Houthis im Norden und Westen, die von Riad gestützten Hadi-Kräfte im Süden, Zentrum und im Osten sowie al-Qaida-Enklaven im Zentrum und entlang der Küste. Und so werden die saudischen Auskünfte über ihre Kampfziele im Armenhaus der arabischen Welt immer konfuser und widersprüchlicher. Im Juli gab der saudische Außenminister, Adel al-Jubeir, auf einer internationalen Sicherheitskonferenz in Brüssel einen halbstündigen Überblick zur Außen- und Sicherheitspolitik seines Landes. Den Jemen erwähnte er nur ganz nebenbei als eine der Nationen, mit denen das Königreich „Spannungen“ habe. Drei Monate zuvor hatte er gesagt, der Krieg im Jemen sei nicht mehr länger ein Krieg gegen die Houthis, die er als „unsere Nachbarn“ titulierte, sondern fortan ein Krieg gegen al-Qaida.

Das Weiße Haus dagegen hat das Gespräch von Mohammed bin Salman und Barack Obama mit den Worten widergespiegelt, „der Präsident begrüßt die Absicht Saudiarabiens, den Konflikt durch eine politische Lösung zu beenden, die dringende humanitäre Not anzupacken und das Land wieder aufzubauen“.

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Doch davon ist seit drei Wochen keine Rede mehr. Stattdessen sprechen wieder die Waffen, ohne dass die Führung in Riad noch sagen könnte, was sie politisch, militärisch und strategisch in dem malträtierten Nachbarland erreichen will. Mindestens 10.000 Menschen haben in dem Krieg nach UN-Schätzungen bisher ihr Leben verloren, drei Millionen Menschen wurden vertrieben, zwei Drittel der 26 Millionen Einwohner sind nach Angaben der Vereinten Nationen auf Lebensmittelhilfe angewiesen.

 

Ein Massaker ohne Ende droht

Nur Waffen gibt es nach wie vor genug. Laut Internationalem Institut für Strategische Studien kauft Saudiarabien jährlich Kriegsgerät für rund 80 Milliarden Dollar. Hinter den USA und China hatte das Königreich 2015 den drittgrößten Militärhaushalt der Welt. Trotzdem kann Saudiarabien die Barfußkrieger der Houthis weder vertreiben noch besiegen. So könnte sich der Krieg jetzt zu einem Open-End-Massaker ausweiten, das den Jemen am Ende genauso ruiniert wie Syrien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2016)