Lokale Banknoten: Jedem seine eigene Währung

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Viele Regionen in den USA haben sie schon, nun soll sie auch der New Yorker Stadtteil Brooklyn bekommen: eigene Geldscheine. Damit will man lokale Geschäfte unterstützen und unabhängig sein, übersieht aber Risken und Nachteile.

Die Region Berkshire im US-Staat Massachusetts ist nur wenigen Stadtmenschen aus New York oder Boston als Ausflugsziel bekannt. Die Wiesen sind zwar grün, die Luft frisch und die Berge gut zum Wandern, besondere Sehenswürdigkeiten gibt es aber kaum. Dennoch genießt Berkshire im Nordosten der USA einen Bekanntheitsgrad, von dem andere ländliche Gebiete nur träumen können. Der Grund: Kauft man in Berkshire ein, bezahlt man nicht in Dollar, sondern mit Berkshares.

„Damit fördern wir unsere lokalen Geschäfte“, sagt Susan Witt, die im Jahr 2006 die Idee der eigenen Währung ins Leben gerufen hat. Seitdem sind mehr als 2,5 Millionen Berkshares im Umlauf. 400 Unternehmen, von der Bäckerei bis zum Tierarzt, halten zwar in Dollar Buch, kassieren und wechseln zum größten Teil aber Berkshares. Der Dollar als Zahlungsmittel wird zwar akzeptiert, aber kaum verwendet, weil man damit ein Verlustgeschäft macht.


95 Dollar für 100 Berkshares. Das Prinzip dahinter ist auf den ersten Blick sehr einleuchtend. Die Banken in der Region wechseln Dollar in Berkshares um. Für den Konsumenten zahlt sich das aus, weil es für 95 US-Dollar 100 Einheiten der lokalen Währung gibt. Mit diesen Geldscheinen kann man in den Geschäften normal einkaufen. Zahlt man in Dollar, beträgt der Aufschlag also indirekt fünf Prozent. Gleiches gilt für die Unternehmen, die Berkshares kassieren. Wechseln sie die Scheine in Dollar zurück, verlieren sie fünf Prozent.

So wird garantiert, dass möglichst wenig Geld aus der Region abfließt. Lokalen Geschäften wird gegenüber national oder international agierenden Ketten ein Vorteil verschafft, weil sie die eigens gegründete Währung nicht in Dollar zurückwechseln müssen. Selbst die Gehälter der Mitarbeiter werden in Berkshares ausbezahlt.

Landflucht wird verringert. Eine Studie der Beratungsfirma Civic Economics aus dem Bundesstaat Michigan hat errechnet, dass durch das Kreieren der eigenen Währung in Berkshire mehr als 1600 neue Jobs entstanden. Und das bei 130.000 Einwohnern. Die New Economics Foundation, eine in London ansässige Denkfabrik, publizierte kürzlich eine Studie, wonach lokale Währungen die Geldflüsse innerhalb einer begrenzten Region verdoppeln würden. Das würde wiederum die viel besagte Landflucht stoppen, weil die Kaufkraft innerhalb der weniger urbanen Regionen erhalten bliebe.

Mittlerweile haben sich viele andere Gebiete in den USA das Konzept der Berkshares abgeschaut und eigene Währungen ins Leben gerufen. In Teilen Detroits bezahlt man mit Detroit Cheers, im Bezirk Ithaca im Bundesstaat New York mit Ithaca Hours und in einem Teil des Bundesstaates North Carolina mit dem sogenannten Plenty. Insgesamt gibt es aktuell in den USA knapp 20 Konkurrenzwährungen zum Dollar. Tendenz steigend.

Geht es nach den Plänen der Künstlerin Mary Jeys, soll demnächst auch der New Yorker Stadtteil Brooklyn sein eigenes Geldsystem bekommen. Das Outfit für den „Brooklyn Torch“ wird derzeit entworfen. Noch diesen Winter sollen die Geldscheine in Umlauf gebracht werden, zunächst nur im Norden des Stadtteils. Die Druckkosten sollen durch Abgaben der teilnehmenden Geschäfte finanziert werden. „Wir wollen ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. Eine Zentralbank und das Geldsystem des Dollar können das nicht“, sagt Jeys.

Die Notenbank Fed sieht das Treiben mit den Währungen gelassen. Solange die gedruckten Geldscheine dem Dollar nicht ähnlich sehen und keine Münzen geprägt werden, habe man nichts dagegen. Allerdings dürfe niemand erwarten, dass die Zentralbank lokale Währungen vor einem Zusammenbruch schütze, so wie sie das beim Dollar tut. Mit anderen Worten: Der Dollar wird von der Notenbank als gültiges Zahlungsmittel akzeptiert. Entsprechend betreibt man Geldpolitik, um den Wert der nationalen Währung relativ konstant zu halten. Und ein Zusammenbruch des Währungssystems ist trotz der Wirtschaftskrise nahezu ausgeschlossen, weil der Dollar den Status als Weltwährung genießt.


Lokale Währungen scheitern oft. Auf diese Sicherheit der Rückendeckung durch die Zentralbank können sich Besitzer von lokalen Währungen nicht verlassen. Bricht das fiktiv geschaffene Zentralbanksystem zusammen, bleibt man auf den Geldscheinen sitzen. Ed Collom, ein Soziologe an der University of Southern Maine, hat die Geschichte lokaler Währungssysteme unter die Lupe genommen und herausgefunden, dass 80 Prozent von ihnen früher oder später kollabieren.

Die Emittenten sind für das Drucken der Geldscheine auf die Abgaben der Geschäfte beziehungsweise Spenden angewiesen. In Berkshire garantieren die Emittenten den Eintausch von 100 Berkshares gegen 95 Dollar. Geht der fiktiven Zentralbank das Geld aus und reichen die Reserven nicht, schaut es mit der Umwechslung schlecht aus.

Auch volkswirtschaftlich ist umstritten, ob lokale Währungen sinnvoll sind, selbst wenn sie nicht kollabieren. Eine im August publizierte Studie der Weltbank kam zu dem Schluss, dass ein künstliches Stoppen der Landflucht dem Wohlstand schade. „Die Märkte ziehen bestimmte Orte anderen vor. Die Konzentration zu bekämpfen bedeutet, den Wohlstand zu bekämpfen“, ist in der Studie zu lesen. Denn nur wo Industrien einander nahe sind, könnten sie sich gegenseitig inspirieren, argumentiert die Weltbank. Alle Versuche, diese Konzentration zu bremsen, seien bislang kläglich gescheitert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2009)