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Eine Welt ohne Wachstum?

Ökonomen sind auf der Suche nach einem krisenfesteren System.

Es gab bereits vor der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise Anzeichen dafür, dass sich das ökonomische System nicht nachhaltig entwickelt. Daran erinnert André Martinuzzi: „Beispiele sind die drastischen Preisschwankungen und Versorgungskrisen bei Nahrungsmitteln, Energie und Rohstoffen“, so der Leiter des Research Institute für Managing Sustainability an der WU Wien. Die Krisenanfälligkeit unserer Wirtschaft habe sich kontinuierlich erhöht – durch internationale Vernetzung, Abbau von Kontrollen und Abhängigkeit von nicht erneuerbaren Ressourcen.

Die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit wird bereits seit Jahrzehnten intensiv diskutiert. Die „bisherige Wirtschaftsordnung“ sei jedoch „nicht als nachhaltiges Wirtschaften in seiner ökonomischen Dimension zu klassifizieren“, heißt es in dem Bericht „Bausteine einer krisenfesten Marktwirtschaft“, der von Martinuzzi und Michal Sedlacko im Auftrag des Ökosozialen Forums erstellt und vergangenen Donnerstag im Wissenschaftsministerium präsentiert wurde. Der Bericht will den Forschungsbedarf zum Thema Nachhaltigkeit in den Wirtschaftswissenschaften erheben. So wird etwa die Frage gestellt, „ob und wie eine nachhaltige Wirtschaftsordnung als Steady-State-Ökonomie ohne Wachstumszwang ausgestaltet werden könnte und welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssten“.

„In der Makroökonomie ist es ein Tabu, das Thema Wachstum in Frage zu stellen“, sagte Sigrid Stagl von der WU bei der an die Präsentation anschließenden Diskussion. „Das ist ein Problem, denn in der Wissenschaft muss alles hinterfragt werden dürfen.“ Die Prognose der „Grenzen des Wachstums“ in den 1970er-Jahren war zumindest verfrüht, sagt Andreas Breitenfellner von der Österreichischen Nationalbank. „Aber eventuell hatte Meadows doch Recht.“ Eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und CO2-Produktion sei jedenfalls nicht abzusehen. „Jetzt wird's langsam brenzlig, diesen Optimismus beizubehalten.“

Könnte man eines Tages die Notenbanken sagen hören, dass es auch ohne Wachstum gehe? „Wieso nicht?“, so Breitenfellner. „Derzeit sind jedoch alle Modelle auf Wachstum eingestellt.“ Schließlich gilt: „In einer Volkswirtschaft läuft alles einigermaßen geschmiert, wenn sie um rund zwei Prozent wächst.“ Jedenfalls könne man Verteilungskonflikten besser Herr werden, wenn der Kuchen insgesamt größer werde. Martinuzzi: „Eine Chance wäre: mehr Dienstleistungen, weniger Produkte. Das setzt aber enorme Verhaltensänderungen voraus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2009)