Josefstadt: Horváths Gold blinkt trübe, tönt blechern

FOTOPROBE: ´NIEMAND´
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER

Nur mittelmäßig geglückt wirkt die Uraufführung des gefeierten Fundstücks „Niemand“ in der Regie von Hausherr Herbert Föttinger. Doch Florian Teichtmeister schillert farbenreich als „Zinsgeier“ und Pfandleiher.

Am heutigen Samstag findet im Salzburger Landestheater die Premiere einer multimedialen Version von Schillers „Räubern“ in der Regie von Ex-Burg-Chef Matthias Hartmann statt. Servus, TV! Ist es ein Glück oder eine Plage, dass Fernsehen und Computer jetzt auch noch das Theater überwuchern? Videokameras sind ja schon seit Jahrzehnten nicht aus Aufführungen wegzudenken, Frank Castorf war hier ein selten erreichter Pionier.

Das Theater in der Josefstadt wirbt seit geraumer Weile mit Clips für seine Aufführungen und ist in Wien ein Vorreiter unter den Großbühnen. Oft verkleinern aber die elektronischen Medien das Geschehen auf der Szene: auch bei Horváths „Niemand“ (1924). Die Uraufführung in der Regie von Herbert Föttinger am Donnerstagabend festigte den Eindruck, dass es sich bei diesem Frühwerk um eine Art Drehbuch, vielleicht aber auch nur um ein Treatment handelt. Allein das Zinshaus – Bühnenbildner Walter Vogelweider baute eine halsbrecherische rotierende Spirale – wäre ein tolles Filmset: Menschen schreiten, rennen hinauf und hinunter, einer stürzt zu Tode, eine beugt sich gefährlich weit über die Brüstung.

 

Eine Prise Kleist, Büchner, Shakespeare

Das Zinshaus ist ein frühes, aber noch immer gültiges Symbol der Großstadt: Ort der Ausbeutung der Armen, der Heimatlosigkeit und geheimer Geschäfte und Liebschaften. Jeder braucht eine Wohnung, aber morgen schon kann man wieder auf der Straße stehen, ohne Recht, ohne Wurzeln. Daher wurde die Hausvermietung in Städten wie Wien nicht immer wirkungsvoll, aber ideologisch sendungsbewusst streng reglementiert. Das Zinshaus des 19. Jahrhunderts ist oft das Gegenteil einer Luxusbleibe, rasch hochgezogen, vollgestopft, in der besten Wohnung residiert der Hausherr; unten ist ein Wirtshaus, die Wohnungsprostitution blüht gleich daneben, erst Bier und Tanz, dann Sex; in der Dachkammer haust die Kunst: ein Geiger.

Horváth hat das alles sehr genau gezeichnet. Bei seinem Text hat er viel von Klassikern geklaut: Er dreht ihr Heroisches rüde und gewitzt in den banalen Alltag, der nach dem Ersten Weltkrieg für viele illusions- und vor allem bargeldlos war. Was der Krieg übrig ließ, fraß die Inflation. Horváth mischt hier eine Prise „Woyzeck“, dort eine Prise „Macbeth“, dazu Kleists „Zerbroch'nen Krug“ ins finstere Gebräu. Aus der brodelnden Stilmischung steigen ein paar der später so berühmten Horváth-Bonmots auf – und die traurigen Mädchen sind auch schon da.

Föttinger inszeniert das alles recht plan vom Blatt und lässt das große Ensemble szenische Anweisungen verlesen, ein Kniff, der manchmal informativ, öfter aber auch bloß fad ist. Wo man Filmbilder erwartet, rasseln dürre Worte nieder – ein Spieler pinkelt gar live ins Parkett. Na so was! Was soll das? Sollen solche Keckheiten darüber hinwegtäuschen, dass Föttinger nichts wirklich Neues eingefallen ist? Statt der versprochenen Sensation gibt es den typischen düsteren Josefstädter Horváth zu sehen, dazu einige fesche Damen mit schwarzen Strümpfen, Laufmaschen, Korsetts, Miniröcken: Erotik für rüstige Sixties-Senioren? Dass die Josefstadt mehrere Schauspieler aus Michael Schottenbergs Volkstheater-Ensemble übernommen hat, bewährt sich nicht wirklich. Die Leistungen sind unterschiedlich. Großartig ist der gegen den Typ besetzte Florian Teichtmeister, der das Format des temperamentvollen, ewigen Buben schon ein bisserl überlang besetzt, sich aber dank Filmrollen entwickelt hat.

Fürchtegott Lehmann, Hausbesitzer und Pfandleiher, ist eine imposante Ruine, psychisch, physisch – so brutal wie sentimental. Ein Peter Lorre (z. B. bekannt aus Fritz Langs „M – eine Stadt sucht einen Mörder“, 1931) wäre typmäßig ein idealer Lehmann. Teichtmeister strengt sich erneut mächtig an und erspielt mit kalter Wut, stiller Tücke und echter Trauer einen Lehmann, der zwar nicht unbedingt von Horváth, aber von heute ist.

 

Drassl und Nentwich überzeugen

Mit leiser Intensität erfreuen Gerti Drassl als Lehmanns flüchtige Gattin und Marianne Nentwich als uralte Jungfrau voll Poesie. Raphael von Bargen überzeugt als Fürchtegotts Bruder Kaspar, der mit der Figur eines geheimnisvollen Fremden verwoben ist, die zwei stehen wohl für den unsteten, auch grausamen Frauenschwarm Horváth, über den man im Programmheft nachlesen kann. Heribert Sasse zeichnet mit der ihm eigenen Begabung für zwielichtige Bösewichte den „uralten Stutzer“. In aller Kürze seines Auftritts wunderbar: Martin Zauner als Todesbote, ein „schwarz gekleideter Herr“.

Insgesamt: Horváths Gold, das vielleicht doch weniger golden ist, als man beim Lesen dieses vergessenen Stückes gedacht hat, blinkt in der Josefstadt oft trübe und tönt blechern. Die Aufführung wächst aber durchaus in den eindreiviertel Stunden ohne Pause und erntete am Ende kräftigen Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2016)

Mehr erfahren

Piano Position 1