Da Dialekt is fia ålle då

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Mehr als fünf Millionen Belege für den österreichischen Dialekt wurden in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften seit 1911 gesammelt. Die digitale Version soll nun erstmals übers Internet für die Öffentlichkeit zugänglich werden.

Versuchen Sie mal, alle Dialektwörter, die Sie kennen – von A wie Achterl bis Z wie Zwutschkerl – aufzuzählen! Für zahlreiche Wissenschaftler in Österreich ist diese Aufforderung zur Lebensaufgabe geworden: Das Ergebnis der Dialektwörter-Sammlung lagert in Form von fünf Millionen Zettelchen im Keller des „Zentrum Sprachwissenschaften“ in der Wiener Wohllebengasse. Die Akademie der Wissenschaften verfolgt seit 1911 das Projekt „Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ )“ – also eine Sammlung und umfassende Interpretation von Dialektausdrücken des bairischen Sprachraums der Monarchie, der heute ganz Österreich außer Vorarlberg (alemannisch) umfasst und hinein ins Böhmische, Mährische und Südtirolerische bis zu den deutschen Sprachinseln in Ungarn und Slowenien geht.

„Bis in die 1940er wurden Fragebögen an alle Orte der Monarchie – und später Österreichs – versandt, um zu erheben, wie bestimmte Begriffe dort verwendet und ausgesprochen wurden“, erklärt Eveline Wandl-Vogt vom Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika der ÖAW. Jene, die sich in den Gemeinden um die Aufzeichnung der Dialektwörter – damals wie heute – gekümmert haben und ihre Notizzettel an die zentrale Stelle in Wien zurückschickten, nennen die Dialektforscher „Sammler“. „Viele waren Lehrer“, sagt Wandl-Vogt. Mehr als 3000 Sammler sind es insgesamt, die das Material für das Wörterbuch der bairischen Mundarten zusammengetragen haben, das heute rund 900 Schubladen voller Zettel füllt. Seit 1993 läuft an der ÖAW das Digitalisierungsprojekt des Wörterbuchs (Datenbank der bairischen Mundarten in Österreich – DBÖ). Nun muss man nicht mehr die Karteien nach den Dialektstichwörtern (Lemma) durchstöbern, sondern kann in der digitalen Sammlung „blättern“.

„Doch dieser Zugang war bislang nur intern nutzbar“, sagt Wandl-Vogt, Leiterin des Digitalisierungsprojekts. Die österreichische Bevölkerung konnte auf das Wissen der fast 100-jährigen Sammlung nicht zugreifen – außer man verkroch sich zwischen den Schubladen in der Wohllebengasse oder machte sich mit dem komplizierten Abfragesystem der digitalen Datenbank vertraut. „Unser Zugang über das Stichwort ist sehr methodisch und eher auf den wissenschaftlichen Anspruch ausgelegt.“

Das wird sich bald ändern. Denn im FWF-Projekt dbo@ema (Datenbank der bairischen Mundarten in Österreich electronically mapped) wird die gesamte Sammlung neu aufgerollt: Über eine Georeferenzierung soll die Nutzung der Datenbank attraktiv gemacht werden. „Jeder Belegzettel, jedes Stichwort stammt aus einer bestimmten Gemeinde“, erklärt Wandl-Vogt. Diese Ortsangabe nutzt man nun, um eine neue Struktur in die Dialektsammlung zu bringen und Verknüpfungen mit neu recherchiertem Wissen zu erstellen. Mit der öffentlichen Homepage soll es bald möglich sein, auf der digitalen Landkarte bestimmte Regionen oder einzelne Orte anzuklicken und nach Dialektausdrücken zu suchen.

„Im ersten Ansatz beginnt unser Team aus Lexikografen und der Biologin Barbara Piringer mit Pflanzennamen in Österreich.“ Dass die Dotterblume im Großarltal in Salzburg Schmalzblühe und im Villgratental in Osttirol Schmalzpfanne heißt, soll über das Webportal ebenso abfragbar sein wie weiterführende Informationen etwa zum Wort Schmalzpfanne, einem Gefäß zum Fettauslassen beim Braten.

„Eine weitere Verlinkung mit vertiefenden botanischen Informationen, Daten zur Bodenbeschaffenheit oder das Verknüpfen mit Multimediadaten ist angedacht“, so Wandl-Vogt. Auch die Suche nach einzelnen Sammlern wird möglich: „Falls Ihr Großvater in einem Dorf Lehrer war, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass von ihm ein Fragebogen dabei ist.“ Und sind erst alle fünf Millionen Zettel und Fragebögen digitalisiert, kann man sich online die einzelnen Belege der letzten 100 Jahre ansehen – oft haben die Sammler kleine Zeichnungen und handgeschriebene Satzbeispiele hinzugefügt (siehe Bilder rechts).

Das Erkennen und Anzeigen der für den Dialekt wichtigen Lautschrift soll für den Computer kein Problem werden: Im Rahmen des ÖAW-Projekts ist mit der Akademie der Wissenschaften und Künste in Ljubljana eine eigene Schrift (dinamlex) entwickelt worden, die sich der Nutzer gratis herunter laden kann, um die Dialektwörter korrekt dargestellt zu bekommen und nutzen zu können.


Dialektvergleiche. Weniger wissenschaftliche Zugänge zum österreichischen Dialekt verwenden meist das übliche Alphabet, um unsere heimische Sprache greifbar zu machen. So führt etwa Roland Russwurm seit neun Jahren als „Privatvergnügen“ ein Deutsch-Österreichisches Wörterbuch auf www.ostarrichi.org,in dem bisher 2000 Benutzer mehr als 16.000 Dialektwörter eingegeben haben. Dort kann man die Bekanntheit in den verschiedenen österreichischen Bundesländern bewerten und darüber diskutieren.

Wiederum wissenschaftlich – und zudem noch den akustischen Kanal bedienend – präsentierte der Salzburger Germanist Hannes Scheutz kürzlich den Online-Dialektatlas für den deutschsprachigen Alpenraum („Die Presse“ berichtete). Auf www.argealp.org kann man sich die Aussprache hunderter Wörter in 27 Orten der Alpen anhören. Wann die neue Version des DBÖ öffentlich online geht, ist noch nicht ganz fix. Wandl-Vogt rechnet mit einem Teststart Anfang 2010.