In Deutschland steigt die Zahl der Flüchtlinge, die über die Schweiz ins Land kommen. Ausgangsort ihres Wegs ist Como, das exklusive italienische Städtchen an der Grenze zur Schweiz. Rund 500 Flüchtlinge kampieren in einem Park.
Wenn Elisabetta Carpararo in den Park kommt, wird sie stürmisch begrüßt. Schnell bildet sich eine Traube um die 57-Jährige mit dem großen Sackerl in der Hand. Seit etwa sechs Wochen geht sie regelmäßig hierher, auf den Vorplatz des Bahnhofs in Como. Wo Kleidung zum Trocknen an Wäscheleinen zwischen den Bäumen hängt. Wo ein paar wenige kleine Zelte stehen. Wo auf Decken, die zu großen Flächen aneinandergelegt wurden, die Menschen beieinandersitzen. Sie trinken Tee, nur wenige unterhalten sich. Viele drängen sich um einen Baum, an dem ein Zettel klebt. Hier hat jemand einen WLAN-Hotspot eingerichtet und das Passwort aufgeschrieben. Es ist überraschend still in dem Park. Nur die Gruppe Kinder und Jugendlicher, die Ball spielt und herumtobt, ist schon von Weitem zu hören. Aber wenn Elisabetta kommt, wird es schnell lauter.
Sie war wieder einkaufen. „Schuhe vor allem“, sagt die Frau mit dem freundlichen Gesicht und den roten Locken. Kaum hat sie sich in ihrem blauen Kleid auf die Decke gesetzt, wird sie von den Menschen umringt. Sie zückt einen kleinen Block und einen Stift, um den Überblick zu behalten. Schuhe, Größe 36, ist notiert. Eine Hose hätte die junge Frau auch gern noch. Und ein neues Kopftuch.
Elisabetta schreibt alles auf. Morgen wird sie wiederkommen und die Sachen mitbringen. Oft geht sie für 150 bis 200 Euro am Tag einkaufen. Aus eigener Tasche. Sie versorgt die Menschen im Park von Como mit Kleidung, Zahnbürsten, Windeln und Damenbinden. „Essen und Trinken bekommen sie von den Hilfsorganisationen“, sagt Elisabetta, die in Como lebt. „Aber an andere Dinge, vor allem, was die Frauenhygiene angeht, denken sie oft nicht.“
Friedlich sieht es in dem Park vor dem Bahnhof San Giovanni in Como aus, der kleinen Stadt an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz. Seit Anfang Juli stranden hier immer mehr Flüchtlinge – aktuell sind es rund 500, die unter den Bäumen ihr Lager aufgeschlagen haben. Nach Angaben von Lokalpolitikern sollen es mehr als 1000 sein. Die meisten kommen aus Eritrea, Somalia, dem Sudan, Zentralafrika, dem Senegal und Mali. Sie wollen weiter. Viele von ihnen nach Deutschland. Doch zwischen ihnen und ihrem Traumziel liegt noch die Schweiz.
Ahmed hat schon viermal versucht, aus Italien herauszukommen. 17 Tage hat er in Ventimiglia an der französischen Grenze verbracht. Dreimal ist er nach Frankreich gelangt – dreimal wurde er von der dortigen Polizei wieder zurück nach Italien gebracht. Seit einer Woche ist er in Como und will es nun über die Schweiz probieren. In Italien hat er bereits einen Asylantrag gestellt. „Aber dann lassen sie dich allein“, sagt Ahmed. „Schutz bekommt man hier. Aber das ist auch alles. Arbeit? Gibt es nicht. Und ich will nicht zum Drogenhändler werden – aber anders geht es hier nicht.“
Auch der 27-Jährige möchte nach Deutschland. 2015 hat er geheiratet. Seine Frau wollte mitkommen, Ahmed redete es ihr aus. Zu gefährlich für eine Frau. Er werde sie holen, wenn er in Deutschland sei, habe er ihr versprochen. Dann ist er los nach Libyen, wo er sich mit 150 anderen in das Schlauchboot gesetzt habe, das die Schlepper für sie bereithielten.
Bis Anfang September sind schon 120.000 Menschen über das Mittelmeer nach Italien gekommen. Im gesamten Jahr 2015 waren es knapp mehr als 150.000. Das Paradoxe: Zu der Situation in Como ist es unter anderem deshalb gekommen, weil in Italien die Registrierungen nun besser funktionieren. In den errichteten Hotspots würden 90 Prozent der Ankommenden registriert, heißt es. Die Flüchtlinge werden in Aufnahmestellen im ganzen Land verteilt. Viele wollen Italien aber so schnell wie möglich wieder verlassen. Doch ihnen steht das Dublin-Abkommen im Weg. Es besagt, dass ein Flüchtling in dem Land Asyl beantragen muss, in dem er zum ersten Mal registriert wurde. Dublin sieht nicht vor, dass Flüchtlinge sich das Land aussuchen, in dem sie einen Asylantrag stellen wollen. Die Flüchtlinge versuchen es dennoch.
Seit Österreich den Brennerpass und Frankreich nach den Anschlägen in Paris und Nizza die Grenze zu Italien in Ventimiglia verstärkt kontrolliert, ist der Weg über die Schweiz für die Migranten immer attraktiver geworden. Doch auch hier gilt: Werden sie aufgegriffen und wollen in der Schweiz keinen Asylantrag stellen, werden die Flüchtlinge wieder zurück nach Italien gebracht.
Unattraktive Schweiz. Die Alpenrepublik selbst hat an Attraktivität für Asylbewerber verloren. Vor allem Menschen aus Eritrea, die bisher in die Schweiz wollten, um dort Asyl zu beantragen, zieht es nun weiter nach Deutschland. Das liegt an einer neuen Strategie der Schweiz: Flüchtlinge, die eine gute Chance haben, dass ihr Asylantrag bewilligt wird, werden nur noch zweitrangig behandelt. Das bedeutet für sie längere Wartezeiten, bis sie die Bewilligung in der Hand halten. Im Juli zählte die Schweiz 2500 Anträge auf Asyl – ein Rückgang um 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Transitflüchtlinge verdreifacht. Auch die Zahl der Menschen, die wegen illegaler Einreise zurückgewiesen wurden, stieg massiv. Im Juli wurde 4149 Personen die Einreise verweigert, allein in der letzten Woche des Monats fast 1600. Im ersten Vierteljahr waren es weniger als 100 pro Woche. Heute sind es etwa 200 pro Tag.
„Die Schweiz will kein Transitstaat werden“, sagt die Justizministerin der Schweiz, Simonetta Sommaruga. „Sonst würden wir erstens Dublin aushebeln, das wäre nicht rechtmäßig. Zweitens können wir das gegenüber Deutschland nicht rechtfertigen.“ Sie fordert erneut einen dauerhaften Verteilungsschlüssel für Europa, um der Flüchtlingskrise Herr zu werden.
Nur die Via Innocenzo XI trennt das Camp der Flüchtlinge am Bahnhof von dem Idyll am Comer See. Im Zentrum geht es zu wie immer: Mittags trifft man sich im Straßencafé, Touristen schlendern durch die engen Gassen und schauen sich die Angebote in den kleinen Läden an. Fast jeder Zweite hat ein Eis in der Hand.
Franco Puglia steht in seinem kleinen Kiosk auf der Piazza Alessandro Volta. In seiner Auslage die Lokalzeitungen, die seit Wochen über die Flüchtlinge berichten und darüber, dass nun Container für sie aufgestellt werden sollen. „Die Politiker machen nichts“, schimpft Franco dennoch. „Sie lassen die Menschen dort im Park einfach allein.“ Seit zwei Jahren hat der 57-Jährige diesen Kiosk, vorher hat er woanders in der Stadt Zeitungen verkauft. „Die Menschen sind einfach wütend“, sagt er. Nicht auf die Flüchtlinge. Auf die Politiker. Im nahen Mailand soll nun eine ehemalige Kaserne als Unterkunft für die gestrandeten Flüchtlinge dienen. Auch in Como gäbe es eine. „Aber sie stellen lieber Container auf“, sagt Franco und schüttelt den Kopf.
Auch Tom Wynige aus Zürich und Karolina Gjorgjieva aus Stuttgart haben Zweifel an dieser angeblichen Lösung. Tom hat 2015 die Hilfsorganisation „One Love“ gegründet und verteilt Tee im Park in Como. Karolina ist freiwillig hier und hilft. Im September wollen sie wiederkommen. Dann sollen die wenigen Waschräume, die aufgestellt wurden, wieder verschwinden, sagt Tom. Dass die 50 Wohncontainer, in denen die Flüchtlinge unterkommen sollen, dann schon stehen, bezweifelt der 25-Jährige. Laut Plan sollen diese Mitte September neben dem städtischen Friedhof aufgestellt werden und etwa 400 Menschen Platz bieten. Die ersten Container sollen schon in den kommenden Tagen kommen.
Wenn es so weit ist, will Abla schon nicht mehr hier sein. Der 17-Jährige kommt aus Gambia. Seit zwei Monaten ist er in Italien, seit einer Woche in Como. Er habe drei Freunde in Deutschland, erzählt er. Zu ihnen möchte er. Erst gestern hat Abla wieder versucht, in die Schweiz zu gelangen. Er ist in den Zug gestiegen, ist aber in Chiasso von der Polizei aufgegriffen worden. Sie hat den Burschen, der sich immer wieder ängstlich umschaut, während er spricht, wieder zurückgebracht. Er schläft nicht im Camp. „Ich sitze die ganze Nacht über wach – was ich anhabe, das ist alles, was ich habe. Und mein Telefon. Wenn sie mir das stehlen – ich wüsste nicht mehr weiter.“
Morgen will Abla es wieder versuchen, erzählt er. Vielleicht zu Fuß, aber seine Schuhe drücken. Größe 42, Elisabetta schreibt es auf. Morgen kommt sie wieder in den Park. Abla hofft, dass in ihrer Tasche dann neue Schuhe für ihn sind.
ZWISCHENSTOPP IN COMO
Fünf Minuten sind es mit dem Zug
von Como in die Schweiz.
Rund 500 – oder gar bis zu 1000 –
Flüchtlinge harren derzeit in Como aus.
Fast 120.000 Flüchtlinge sind heuer
bisher nach Italien gekommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2016)