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Kein Haushaltsplan für Wagners "Lieder"

(c) Michael Poehn / Wiener Staatsoper

Klaus Florian Vogt, jüngst als Parsifal in Bayreuth, singt in Wien den Lohengrin, um demnächst zu Korngold und Strauss zu wechseln. Der Tenor über den Liedgesang in der Oper und den Charme ungebremster Dramatik.

Er ist der Gralsritter vom Dienst. Vom Bayreuther „Parsifal“ kommt er quasi direkt zum Wiener „Lohengrin“ – wobei er sich ein paar Zwischenstationen während der Wagner-Festspiele gegönnt hat, Mahler in Luzern zum Beispiel, vor allem aber, wie berichtet, Schubert in Grafenegg. Mit dem Wechsel zwischen Heldenfach und Konzertsaalintimität hat dieser Künstler offenbar keine Probleme.

„Liedgesang“, sagt der Tenor im Gespräch, „sollte immer mitschwingen, glaube ich. Ich sehe den krassen Gegensatz zwischen dem Singen in der Oper und dem im Konzertsaal, der immer beschworen wird, nicht. Natürlich kämpft man in der Oper mit Lautstärke und störenden äußeren Umständen, die sich auf die Akustik auswirken. Aber ich singe ja in der Oper nicht mit einer anderen Stimme. Ich sehe es eher so: Wenn mir dieses Nebeneinander plötzlich schwerfiele, würde ich das als Warnzeichen auffassen. Was aber nicht heißt, dass Liedersingen nur eine Art Stimmpflege für die Oper darstellt!“

 

Schubert und das Heldentum

Das werden ihm seine Hörer angesichts der jüngst so fein modellierten „schönen Müllerin“ wohl gern bestätigen. Im Übrigen singe ja auch Wagners Walter von Stolzing in den „Meistersingern“, wie Vogt verschmitzt anmerkt, „den ganzen Abend lang Lieder. Natürlich braucht es da gegenüber dem großen Orchester Strahlkraft, aber der Grundgedanke ist eindeutig der Liedgesang.“

Der sei auch in seiner ursprünglichen Form „eine tolle Bereicherung“ des Repertoires und künstlerisch eine faszinierende „Reduktion auf Singstimme und Klavier, die immer zu gegenseitiger Befruchtung führt“. Was diesen Aspekt seiner Karriere betrifft, will Vogt „natürlich mit Schubert weitermachen, ich interessiere mich aber auch sehr für Schumann, habe unlängst Haydn für mich entdeckt und möchte mich nicht zuletzt Erich Wolfgang Korngold widmen, der wunderbare Lieder komponiert hat“.

Die Neugier, die alle Stilrichtungen umfasst, ist typisch für Vogt, den es schmerzt, dass es bei Gustav Mahler für einen Tenor nicht allzu viel zu tun gibt: „Da ist das herrliche ,Lied von der Erde‘, aber die meisten der Mahler-Lieder sind halt für tiefe Stimmen gedacht.“

Im Musiktheater fehlt Vogt hingegen nichts. „Vermutlich kommt in der näheren Zukunft der Tannhäuser auf mich zu“, sagt er, eine jener Heldenpartien, die besonders gefürchtet sind. Wobei Vogt nicht unbedingt von Angst geplagt scheint. Im Gegenteil. Von gern empfohlenen Sparmaßnahmen, die einem Interpreten in ausgedehnten Musikdramen das Durchhalten ermöglichen sollen, hält er wenig: Klar gebe es so etwas wie einen Haushaltsplan für einen Wagner-Sänger, „aber es wäre total unbefriedigend, einen Abend auf den Schluss hinzuleben. Da denke ich lieber in kürzeren Abständen, lasse die Dinge auf mich zukommen. Sich den ganzen Abend zu schonen, nach dem Motto: Den ersten Akt hätten wir überstanden – das macht keinen Spaß. Ich mag nicht wie ein Radrennfahrer die ganze Zeit im Windschatten fahren, um dann im letzten Moment loszusprinten.“

Zu solchem Selbstverständnis bedarf es allerdings hoher Souveränität. „Es ist wichtig“, sagt Vogt, „dass man technisch sauber singt.“ Für entsprechende Kontrolle ist gesorgt: „Meine Lehrerin in Dresden setzt mich ab und zu, wenn es nötig ist, wieder in die richtige Spur. Wobei das immer schön ist, wenn ich dahin komme und wir merken: Es ist gar nicht so viel falsch gewesen.“

Dafür wiederum garantiert ihm seine wichtigste Kritikerin: „Meine Frau, die nehm ich immer mit und die sagt mir sofort, wenn etwas schiefläuft; auch szenisch übrigens. Sie ist mein wichtigstes Korrektiv und gibt mir Sicherheit. Wichtig ist, dass man Leute hat, die ehrlich mit einem sind und knallhart sagen, wenn irgendetwas nicht passt.“

 

Viel Zeit für Wien

In Wien wird Klaus Florian Vogt nach der „Lohengrin“-Serie, die heute Abend beginnt, in der Staatsoper seiner Leidenschaft für die Musik von Korngold frönen können: Willy Deckers Inszenierung der „Toten Stadt“ wird am 9. Jänner unter Mikko Frank wiederaufgenommen. Vogt singt dann den Paul an der Seite von Camilla Nylund und Adrian Eröd. Im Februar gibt es den Liedersänger im Konzerthaus, allerdings mit Orchesterbegleitung unter der Leitung des erfahrenen Operndirigenten Alain Altinoglu: Mit den Göteborger Symphonikern interpretiert Vogt am 15. Februar Richard Strauss.

Dass er in dieser Spielzeit in drei Tranchen in diese Stadt zurückkehrt, ist, sagt er „einerseits Zufall, andererseits aber ein willkommener Zufall! Ich mag die Mischung aus Kultur, Architektur und was die Stadt und ihre Umgebung an Natureindrücken zu bieten haben, sehr. Und die Lebensart gefällt mir unheimlich gut.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2016)