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„Brüder der Nacht“: Subtiler Film über Sexarbeiter in Wien

(c) Wildart Film
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Patric Chihas „Brüder der Nacht“: ein kleines Werk voll großer Empathie.

Dass „Brüder der Nacht“ keine 08/15-Doku ist, verrät schon der Vorspann: In einem Überblendungs-Legato aus ansehnlichen Donaukanaltotalen neigt sich der Tag dem Ende zu, begleitet von den sehnsuchtsvollen Klängen einer Mahler-Symphonie. Fast wähnt man sich in einem Spätwerk Viscontis. Als dann ein paar junge Männer ins Bild kommen – einer mit Lederjacke, einer mit Matrosenmütze – und einen offensichtlich gestellten, sexuell aufgeladenen Streit ausfechten, denkt man an Pasolini oder Fassbinder. Doch es sind keine Schauspieler, die man hier sieht: Es sind bulgarische Roma, die sich in Wien ihr Geld als Stricher verdienen.

Chiha, der schon 2009 mit dem ungewöhnlichen Drama „Domaine“ auf sich aufmerksam machte, hat sich tief ins Milieu dieser Menschen versenkt, aber „Brüder der Nacht“ ist keine Sozialstudie. Chiha beobachtet seine Hauptfiguren nicht als Objekte, sondern bietet ihnen eine Bühne zur Selbstinszenierung in stilisierten, schummrig schönen Settings, macht sie so zu sympathischen, charismatischen Stars ihrer eigenen Geschichten. Oft geben sie harte Typen, blicken selbstbewusst in die Kamera, ziehen betont lässig an ihren Zigaretten, lästern in verspielten Dialogsequenzen über freche Freier, prahlen mit geschäftlichen Erfolgen. Aber immer wieder offenbaren zärtliche und zerbrechliche Momente Risse in der Macherfassade, Ängste und Unsicherheiten sickern durch.

Die sanfte Fiktionalisierung unterschlägt nichts von der prekären beruflichen Realität der Sexarbeiter, kommt ihr wahrscheinlich sogar näher, als es klassischen Interviews gelingen könnte. Sie behandelt weniger den Stricher-Alltag selbst als die Art, wie die Männer damit umgehen. Viele haben nicht damit gerechnet, dass sie in Österreich tun würden, was sie tun, manche haben in Bulgarien Frau und Kind zurückgelassen. In gewisser Hinsicht ist ihr neues Leben tatsächlich ein Rollenspiel – nur ein so dauerhaftes, dass es sie wirklich verändert. „Brüder der Nacht“ spürt diesen Veränderungen nach, ohne über sie zu urteilen: ein kleines Werk von großer Empathie und Solidarität. (arn)

Stadtkino: 7. und 8. September, am 7. 9. ist der Regisseur für ein anschließendes Gespräch zugegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2016)