Gerechtigkeit für die viel gescholtenen Pendler

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Städte sollten nicht gegen „böse“ Pendler agieren, sondern diese unterstützen, meinen deutsche Studienautoren.

Was wird ihnen nicht alles vorgeworfen. Sie verpesten die Luft, wenn sie vor allem in den Morgenstunden und nach Feierabend auf den Stadtein- und -ausfahrten in Kolonnen über den Asphalt rollen. Sie leben billig auf dem Land, verdienen gutes Geld in der Stadt und kassieren dafür auch noch Pendlerpauschale, Wohnbauförderung und so weiter. Sorgen für Feinstaub, Lärm und Blechlawinen. Und obendrein nehmen sie den Städten ihre raren Parkplätze weg.

Die Rede ist von den Pendlern. Seit Jahren kritisieren Ökonomen und Grünpolitiker, dass der Staat nach wie vor viel zu viel Geld für die Luftverpester ausgebe. Vor allem die Pendlerpauschale müsse gestrichen werden, heißt es. Immerhin macht sie jedes Jahr 560 Millionen Euro aus. Das sei nicht nur umweltpolitischer Nonsens, sondern auch sozialpolitischer. Schließlich kassieren diese Förderung nicht nur jene, die aus konjunkturschwachen Regionen in die Stadt pendeln müssen, sondern auch Topmanager in ihren SUVs, die aus dem Speckgürtel ins Stadtzenrum düsen.

So weit, so bekannt. Doch vor Kurzem sorgte eine Studie der deutschen Postbank für eine teilweise Rehabilitation der Pendler. Die Autoren der Studie stellten nämlich die Frage, was wäre, wenn die Menschen nicht mehr vom Land in die Stadt pendelten, sondern sich in den Städten niederließen? Was, wenn nur jeder zweite Pendler in die Stadt zieht? Antwort: Die Wohnkosten würden explodieren. In Frankfurt würde Wohnraum sogar um 50 Prozent teurer werden.

Für Österreich liegen keine Daten vor. Klar ist nur, dass hierzulande die Zahl der Pendler steigt. 2013 waren laut Statistik Austria in Österreich 2,1 Millionen Pendler unterwegs. Das waren mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen.

Folglich sollten Städte nicht gegen die bösen Pendler agieren, sondern diese – ganz im Gegenteil – unterstützen. Denn je attraktiver es ist, ins Ballungszentrum zu pendeln – natürlich am besten mit öffentlichen Verkehrsmittlen – umso eher siedeln sich Menschen auf dem Land an. Und umso weniger Druck lastet auf den ohnehin schon angespannten städtischen Immobilienmärkten.

Wenn also eine Stadt wie Wien keine Schikane auslässt, um Pendler mit 30er-Zonen oder Parkplatz-Ausgrenzung zu verärgern, dann straft sie damit indirekt die eigene Stadtbevölkerung. Und zwar nicht nur jene, die auch mit dem Auto in die Arbeit fahren (müssen), sondern auch jene, die in der Stadt Miete zahlen oder ein Eigenheim finanzieren.

Mag sein, dass diese Studie auf den ersten Blick etwas irritiert. Und natürlich basiert sie auf vielerlei „Was wäre wenn“-Annahmen. Dennoch: Sie zeigt zumindest auf erfrischende Weise, dass die Dinge nicht immer so klar auf der Hand liegen wie wir glauben. Dass es mehrere Blickwinkel gibt. Einige sieht man nicht, einige will man nicht sehen. Und vielleicht führen neue Blinkwinkel manchmal auch zu mehr Toleranz.

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2016)

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