Beim Aufbau der Universität von Aksum ist eine – europäische – Qualitätsstrategie gefragt. Gesucht sind Gastprofessoren aus Europa und den USA.
Die afrikanischen Länder brauchen für ihre Entwicklung mehr Menschen mit höherer Bildung. Die Politik steht vor dem Dilemma Quantität versus Qualität. Dabei ist die Gefahr der Entwicklung zulasten von Qualität wegen der besonders ungünstigen Bedingungen groß. Die Unesco warnt: „Now, the fall in quality of educational services can only contribute to pulling Africa back as regards international competition.“ (Education for all in Africa, Dakar 2007)
Die Vorlage einer alle Bereiche der neu gegründeten Universität Aksum erfassenden Qualitätsstrategie ist daher in Addis Abeba und in Aksum willkommen. Es geht dabei zuerst um den Aufbau von Qualität und dann um die Sicherung von Qualität. Die vorgelegte Qualitätsstrategie wird an den spezifischen Anforderungen und Möglichkeiten Äthiopiens ausgerichtet, nimmt die Pläne des Ministeriums und der Universitätsleitung als Basis und stellt Beziehungen zu Erfahrungen in den Industrieländern und zu international gültigen Standards her.
Eine Reihe von Empfehlungen befasst sich mit der Entwicklung eines internationalen Milieus der Studierenden und der Lehrer. Es werden Wege aufgezeigt, wie die Notsituation, in der es fast nur frisch graduierte Lehrer gibt, überwunden werden kann. Es werden Maßnahmen empfohlen, die den Standort der Universität attraktiv machen sollen. Dabei wird an die nicht so kleine Diaspora in Europa und Nordamerika sowie an Universitätslehrer des Nordens gedacht, die durch solche Herausforderungen angesprochen werden.
Im Fokus: Die ersten Absolventen
Etliche Empfehlungen lenken das Augenmerk darauf, von Anfang an anspruchsvolle Qualität der Curricula und der Lehre anzustreben, weil gerade die ersten Absolventen für das Ansehen der neuen Universität bestimmend sind. Es wird nachdrücklich empfohlen, Forschungsmöglichkeiten zu schaffen. Die Forschung soll auf wenige Bereiche konzentriert werden und Anwendungsorientierungen aufweisen.
Die Qualifikation der Absolventen und die Forschungsleistungen sollen im Hinblick auf ihre Beiträge für die regionale Entwicklung und für die Durchführung nationaler Programme kontinuierlich beurteilt werden. Einige Empfehlungen konzentrieren sich auf die Annahme und die Effekte der neuen Universität in der Region. So wird geraten, ein „Center of Entrepreneurship“ zu gründen. Dieses soll effizienter und wirtschaftlicher sein als ausländische Beraterfirmen. Der zuständige Minister und die Universitätsleitung haben die Empfehlungen akzeptiert und ein Monitoring über die ergriffenen Maßnahmen und ihre Auswirkungen in Angriff genommen.
Vorzeigeprojekt für das Land
Aksum liegt 1000Kilometer nördlich von Addis Abeba nahe der geschlossenen Grenze zu Eritrea in einer Höhe von 2400Metern. Aksum war vom ersten vorchristlichen Jahrhundert bis 600 nach Christus die Hauptstadt eines Königreichs, das Ostafrika und die südliche Arabische Halbinsel umfasste. Die Stadt hat 80.000Einwohner. Zwischen klapprigen, alten Autos und neuen, großen Geländewagen tummeln sich Kamele, Rinder, Schafe, Ziegen und Hühner. In den Gesichtern der Menschen sieht man Vermischung von afrikanischen und arabischen Stämmen. Die große Mehrheit ist hier christlich-orthodox.
Äthiopien ist formell demokratisch verfasst. Die dominierende Partei ist aus der Untergrundbewegung hervorgegangen, die 1991 das kommunistische Regime zu Fall brachte. Die heutige Regierung setzt auf Bildung, wobei die Ausweitung der Grundschulbildung und Qualitätssteigerung als vorrangig gelten. Gleichzeitig wird aber auch die Politik für höhere Bildung, Forschung und Technologie zur Entwicklung des Landes als sehr wichtig angesehen. Die Regierung hat sich 13Neugründungen von Universitäten vorgenommen, ein schwieriges Unterfangen mit ungewissen Erfolgsaussichten.
Eine dieser Neugründungen ist die Universität Aksum. Sie ist das Vorzeigeprojekt. Einige Kilometer außerhalb der Stadt Aksum wurden bereits 40Gebäude errichtet, die meisten zwei- bis dreistöckig. 30weitere sind noch geplant. Rund 100Hektar – Sand und Steine – sind verplant. Grün gibt es nur in der Regenzeit und kurz nachher. Bereits 4000Studierende studieren und wohnen hier. Die ersten Graduierungen zum Bachelor erfolgten im Juli 2009. Für 2010 sind 9000Studierende vorgesehen. Zwei Drittel der Anfänger sind Frauen.
Die Studierenden kommen aus ganz Äthiopien. In einem Zulassungsverfahren werden Studienwerber quotiert aus allen Regionen aufgenommen. Es ist dies ein Mittel, den Zusammenhalt des Landes zu stärken, in dem 60 Stämme leben, 80verschiedene Sprachen und eine gemeinsame, die Staatssprache Amharisch, und Englisch als Handelssprache gesprochen werden. Die Unterrichtssprache an der Universität ist Englisch.
Fakultäten für Technologie, Sozialwissenschaften und Sprachen, Wirtschaft, Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Naturwissenschaften und Mathematik sind bereits eingerichtet oder in Planung. Die Universität wird von einem Präsidenten und zwei Vizepräsidenten an der Spitze gemanagt. Diese sind dem University Board verantwortlich, das hochrangig besetzt ist und sich intensiv mit der Entwicklung der Universität befasst. Der Board-Vorsitzende ist ein früherer Minister. Einige Präsidiums- und Boardmitglieder kennen aus eigener Erfahrung Universitäten in Europa und in den USA und haben Kenntnisse der Hochschulpolitik in Europa.
Die Unterstützung der Universität durch die Regierung in Addis Abeba ist im Hinblick auf ihre Möglichkeiten beachtlich. Die Schwierigkeiten sind riesig. Unsagbare Armut kennzeichnet das Land. Äthiopien liegt fast am unteren Ende des Human Development Index. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf macht 130Euro aus, zum Vergleich das BIP der Euro-Zone: 22.700.
Noch 60Prozent Analphabeten
Etwa 60Prozent der 80Millionen Einwohner sind Analphabeten. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 40 Prozent. In Aksum gibt es nicht immer elektrischen Strom und Wasser. Internet und Telefon funktionieren häufig nicht. Die Ausstattung mit Computern und die Bibliothek lassen noch viele Wünsche offen. Am ärgsten hapert es bei den akademischen Lehrern. Das Potenzial an Lehrenden und Forschenden in Äthiopien ist klein. Gastprofessoren aus Europa und den USA, die den Anschluss an den Stand des Wissens der Zeit herstellen, fehlen noch.
Die neue Universität bedeutet eine große Investition und hohe Kosten für den laufenden Betrieb. Es sind dies Ausgaben, die sich wirtschaftlich und politisch nur rechtfertigen lassen, wenn die Universität Beiträge für die Entwicklung der Region und des Landes leistet. Es wäre sehr schädlich, wenn die Aksum-Universität zwar die Bezeichnung „Universität“ trägt, aber nach ein paar Jahren de facto eine, vielleicht gar nicht gute Sekundarschule wird. Schrecklicher noch ist die Vorstellung von leeren Räumen, verfallenen Häusern eines einst schönen Campus.
Die Verantwortlichen für Aksum sind von ihrem Vorhaben begeistert und einfallsreich. Ihr Enthusiasmus steckt an. Aber Unterstützung aus den entwickelten Ländern wird gebraucht. Nicht Geld ist vordringlich. Sehr nützlich wären Partnerschaften mit einer oder mehreren unserer Universitäten zur Entsendung von Gastprofessoren. Zweifellos gibt es nicht viele, aber etliche an einer solchen Aufgabe interessierte und begeisterungsfähige junge Wissenschaftler und jung gebliebene Emeriti.
Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat im Jänner 2008 in Addis Abeba ein Memorandum unterzeichnet, das eine Unterstützung der Universität Aksum bei der Entwicklung und Sicherung von Qualität in Lehre, Forschung und Regionalentwicklung vorsieht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2009)