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"Beängstigend": Kern in seiner Heimat Simmering

Der Bundeskanzler besucht das Siemens-Werk
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Bundeskanzler besucht das Siemens-Werk und nimmt zaghaften Kontakt mit der Arbeiterschaft auf.

Wien. „Grüß Gott. In welchem Bereich arbeiten Sie?“ Bundeskanzler Christian Kern ist auf Visite im Siemens-Werk in Simmering und sucht dort das Gespräch mit den Mitarbeitern. Doch der Kontakt zwischen Arbeiterführer und Arbeitern verläuft etwas zaghaft. Kern erkundigt sich höflich nach der Arbeit des jeweiligen Gegenübers, dieser gibt ebenso höflich Auskunft. Doch der berühmte Funke springt nicht über. Aber das ist auch nicht zu erwarten, wenn unvermutet der Bundeskanzler am Arbeitsplatz aufkreuzt, mit dem Generaldirektor im Schlepptau.

Es ist einer jener Politikertermine, wie man sie eigentlich nur aus dem Wahlkampf kennt. Christian Kern tourt in diesen Tagen durch Österreich. Am Freitag wird er in Oberösterreich sein, am Mittwoch war Wien dran. Genauer gesagt, eine der ehemaligen Hochburgen des Roten Wien, Simmering. Es ist Christian Kerns früherer Heimatbezirk. Und es ist entscheidender „Battleground“ für die nächste Wahl: Dass die SPÖ dort bei der letzten Gemeinderatswahl die Mehrheit verloren hat, war ein schwerer Schock für die Partei. Ebenso, dass die Arbeiter zunehmend zur FPÖ abwandern.

Kann der neue Parteichef sie zurückholen? An diesem Tag hat er gewissermaßen Heimvorteil. Nicht nur, weil er selbst aus Simmering stammt, sondern auch, weil er fachlich beschlagen ist. Siemens produziert im Werk Simmering Schienenfahrzeuge wie beispielsweise die in Wien eingesetzten Niederflurstraßenbahnen. Und damit kennt sich ein ehemaliger ÖBB-Generaldirektor natürlich aus. Da lässt sich mit der Werksleitung fachsimpeln – und auch mit dem einen oder anderen Arbeiter, der für den Besuch kurz die Produktion unterbricht.

 

Wunsch nach flexibler Arbeitszeit

Wünsche hat auch das Management an den Bundeskanzler. Siemens-Österreich-Generaldirektor Wolfgang Hesoun und sein Team machen Kern darauf aufmerksam, dass es in anderen Ländern Usus ist, in Ausschreibungen vorzuschreiben, dass ein bestimmter Anteil der Wertschöpfung im Land verbleiben muss. Österreich achte da noch zu wenig auf die eigene Industrie. Und auch flexiblere Arbeitszeiten wünsche man sich. Christian Kern hakt da ein: Wie man die bestehenden kollektivvertraglichen Möglichkeiten nutze? Das funktioniere gut, bestätigen Werksleitung und Betriebsratschef. Man habe sogar unbürokratisch einen Betriebsurlaub organisiert, indem alle Arbeitnehmer zur betreffenden Zeit Urlaub genommen haben.

Kern wird durch das Werk geführt. In der Montagehalle erfährt er, wie wichtig Erfahrung bei den Mitarbeitern ist. „Wie viele Garnituren haben Sie schon zusammengebaut?“ will er von einem älteren Arbeiter wissen. Dieser kann nur mit den Schultern zucken. „Ich bin jetzt seit 44 Jahren im Betrieb.“ Und auch die Erfolge des dualen Ausbildungssystems werden dem Kanzler vorgeführt. Siemens bildet Lehrlinge aus und übernimmt sie auch in den Betrieb.

Das neu gebaute Lackierzentrum ist ein Beispiel für die fortschreitende Technologisierung. Wo noch vor kurzer Zeit Arbeiter von Hand Züge lackiert haben, wird diese Arbeit nun vollautomatisiert von Robotern durchgeführt. Das spart Energie und Materialkosten. 40 Prozent weniger Lack verbrauchen die Roboter. Siemens ist da ein Vorreiter: Vertreter von Airbus haben sich die Anlage angesehen. „Ich habe sie gefragt, warum sie das nicht selbst machen“, erzählt ein Mitarbeiter, der selbst einst Lackierer gelernt hat und nun den technologischen Sprung geschafft hat.

Kern interessiert etwas anderes: Wie viele Mitarbeiter haben vorher hier gearbeitet? Vier Lackierer waren auf einem Wagen beschäftigt. „Das ist irgendwie beängstigend“, entfährt es dem Kanzler. Aber er meint nicht den Arbeitsplatzabbau, sondern die menschenähnliche Arbeitsweise der Roboter. Einen Abbau von Arbeitsplätzen habe es aber ohnehin nicht gegeben, beruhigt der Werksleiter. Und der Technologiesprung sichere die Arbeitsplätze.

Was der Bundeskanzler von dem Werksbesuch mitgenommen hat? Vor allem den Auftrag, dass die Politik den Industriestandort Österreich unterstützen muss. Kern macht darauf aufmerksam, wie die USA und China ihre jeweilige Industrie gegen ausländische Konkurrenz schützen. „Es kann nicht sein, dass die Europäer die einzigen sind, die alle mit offenen Armen empfangen“, so Kern zur „Presse“. Österreich sei gut beraten, eine Strategie für seinen Industriestandort zu haben. Bei der gewünschten flexiblen Arbeitszeit zeigt er sich zurückhaltender. Er verhehle nicht, dass das ein virulentes Thema sei. Aber: Es gehe auch darum, dass beide Seiten, Unternehmen wie Arbeitnehmer, davon profitieren könnten.

 

Selfie mit dem Bundeskanzler

Am Ende des Rundgangs überwindet auch ein Arbeiter die Scheu und kommt auf Christian Kern zu. „Darf ich ein Bild machen?“ Ein Selfie mit dem Bundeskanzler entsteht, der jetzt weiß, dass auch die Arbeiterschaft mit der modernen Technologie durchaus vertraut ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2016)