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Werden Drohnen bald den Verkehr überwachen?

Archivbild
(c) Schiebel
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Die Agentur für Flugsicherheit in Europa prüft die Zulassung von Drohnen der Firma Schiebel. Das wäre der Beginn eines neuen Luftfahrtkapitels.

Wiener Neustadt. Hannes Hecher schaut nachdenklich durch die Glaswand aus dem kleinen Sitzungssaal. Von hier aus überblickt er die Werkstatt. Junge Techniker brüten dort vor ihren Laptops, ein paar Kollegen schrauben an den nur knapp drei Meter langen Hubschraubern. Wenig Action in einem der renommiertesten Hightech-Unternehmen des Landes. Dafür ist da draußen mehr Action, als Hecher lieb ist. „Seit eineinhalb Jahren sind wir für die OSZE in der Ukraine im Einsatz“, erzählt er. Die unbemannten Hubschrauber der Firma Schiebel überwachen den Waffenstillstand in der Ostukraine. Der „Camcopter“ liefert Beweise für Truppenverschiebungen oder militärische Aktivitäten. In der Regel mithilfe seiner Spezialkamera. Diesen Sommer kam es anders. Zwei Drohnen seien von prorussischen Truppen abgeschossen worden, hieß es in einem Kommunique der OSZE.

So bitter der Abschuss der österreichischen Drohnen ist: Genau deshalb wurden sie entwickelt. Um gefährliche Missionen zu erfüllen, ohne Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Geschäftsführer Hecher spricht über solche Missionen nicht. Auch nicht über die Details der Kooperationen mit der US Army oder der niederländischen Küstenwache. Viel lieber redet er über die Einsätze im Mittelmeer. Seit drei Jahren befindet sich das Unternehmen in den Sommermonaten vor der nordafrikanischen Küste im Rettungseinsatz. „Wir suchen mit unserem Camcopter das Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten ab. Die Hubschrauber spüren die Boote auf und können detailgenaue Bilder liefern, wie der Zustand der Menschen ist, ob die Boote überfüllt oder defekt sind“, berichtet Hecher. So half Schiebel Tausende Leben zu retten.

 

Drohnen für die Erdölsuche

Die Werkshalle liegt direkt am Wiener Neustädter Flugfeld. Dort starten und landen dürfen die 200 Kilogramm schweren Geräte nicht. Noch benötigt der Comcopter S 100 für jeden Einsatz eine Einzelgenehmigung. Er darf eine bestimme Flughöhe nicht überschreiten. „Seit zwei Jahren bemühen wir uns um eine EASA-Zertifizierung“, sagt Hecher. So wie jedes Linienflugzeug, wie jeder Airbus, sollen künftig auch die Schiebel-Drohnen von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) für den Flugverkehr zugelassen werden. „Wir hoffen, dass wir dieses Prozedere bis 2018 absolviert haben“, sagt Hecher.

Mit der Zertifizierung würde Schiebel ein weiteres Kapitel in der unbemannten Luftfahrt aufschlagen. Mit einem Schlag würden sich neue Geschäftsfelder auftun, von der Verkehrsüberwachung bis zur Suche nach Vermissten. Mithilfe von Laser-Scannern könnte man mit den Drohnen nach Erdöl oder archäologischen Stätten suchen. „Wir haben noch kein Geschäftsmodell“, gibt Hecher zu.

Was heißt: gibt zu? Das Erfolgsrezept des Unternehmens basiert darauf, die Forschung und Entwicklung voranzutreiben. Die Geschäftsmodelle ergeben sich dann fast von selbst.

Als das Unternehmen vor 20 Jahren die ersten Drohnen entwickelte, tat es dies, um die Minensuche sicherer zu machen. Schiebel baute und baut noch immer Minensuchgeräte. Das ist trotz aller Technologie ein äußerst gefährliches Unterfangen. Statt Menschen über Minenfelder zu schicken, wollte Schiebel die Suche per Luft ermöglichen. Es funktioniert bis heute nicht. Bis heute ist die Fehlerquote bei der Minensuche aus der Luft zu hoch, nach wie vor müssen Menschen in Schutzanzügen mit Detektoren diese Aufgabe erfüllen.

Dennoch kann von Fehlinvestition keine Rede sein. Der Schiebel-Camcopter entpuppte sich als Glücksgriff und lotst heute Eisbrecher durch das kanadische Eismeer, überwacht Grenzen, überprüft Pipelines; ja selbst für spektakuläre Filmaufnahmen ist er im Einsatz.

13 bis 14 Prozent des Umsatzes von rund 30 Mio. Euro steckt die Firma in die Entwicklung. „Wenn wir stehen bleiben, sind wir in fünf Jahren überholt“, sagt der Chef. Stetig sei man an den Standorten Wien und Wr. Neustadt bemüht, neue technische Lösungen zu finden. „Auf jedes Gramm kommt es an“, sagt Hecher. Denn je leichter der Helikopter, umso mehr technisches Equipment oder Treibstoff hat Platz. Ein Drittel der 230 Mitarbeiter arbeitet in der Entwicklungsabteilung. Viel Know-how komme aber auch von den Geschäftspartnern. „Wir profitieren sehr vom Standort Österreich“, sagt Hecher. „Wir benötigen geringe Stückzahlen, aber extrem hohe Qualität.“

Die Erfolgsgeschichte Schiebel schreiben auch die vielen Zulieferer mit insgesamt 1000 Mitarbeitern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2016)