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Medien: Unparteiische Beobachter unter Druck

Das traditionelle Geschäftsmodell vieler Medien wankt, digitale Inhalte werden immer wichtiger.
Das traditionelle Geschäftsmodell vieler Medien wankt, digitale Inhalte werden immer wichtiger.(c) Clemens Fabry

In einer weltweiten Studie wurden 27.000 Journalisten befragt. Die deutschsprachigen fühlen sich durch Web, ökonomische Zwänge und Ressourcenmangel in Bedrängnis gebracht.

Es ist nicht einfach, österreichische Journalisten für die Teilnahme an einer Studie zu ködern: „Das Studium Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ist bei uns sehr gut besucht. Da sehen sich (angehende, Anm.) österreichische Journalisten recht oft mit Umfrageanfragen konfrontiert“, etwa für Bachelor- oder Master-Projekte anderer Studierender, sagt Josef Seethaler. Er ist stellvertretender Leiter des Instituts für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Aufgrund der häufigen Anfragen sei es für internationale Forschungsprojekte aber schwierig, aus der Masse hervorzustechen. „Zum Glück haben wir von vielen Redaktionen Unterstützung erfahren“, sagt Seethaler, der so für seinen Österreich-Report der „Worlds of Journalism Study“ doch eine repräsentativ hohe Anzahl an Teilnehmern gewinnen konnte.

Thema der aktuellen Umfrage waren „Veränderungen, Einflüsse, Identitäten und Rollen der journalistischen Arbeitswelt“ – und deren in den vergangenen Jahren rasanter Wandel durch Digitalisierung und World Wide Web. Um den weltweiten Status der Branche zu erforschen, wurden zwischen 2012 und 2015 in 75 Ländern rund 27.000 Journalisten befragt.

 

In 133 heimischen Redaktionen

In Österreich nahmen 818 Personen in 133 Redaktionen, darunter Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Magazine, Fernsehen, Radio, Onlinemedien und Nachrichtenagenturen teil – darunter 77,3 Prozent Vollzeitjournalisten, die übrigen arbeiten in Teilzeit oder als freie Journalisten.

Das traditionelle Geschäftsmodell vieler Medien wankt aufgrund kostenlos verfügbarer Nachrichten und Inhalte im Web. „Auch der Wettbewerb mit den ja gar nicht mehr so Neuen Medien und nutzergenerierten Inhalten, zum Beispiel Blogs, sind im journalistischen Arbeitsalltag immer wichtiger geworden“, sagt Seethaler – das fanden jedenfalls 79,6 Prozent bzw. 75,8 Prozent der Befragten. „Der Druck stieg auch durch Profiterwartungen und Überlegungen in Bezug auf Werbung“, so Seethaler – aber auch durch einen höheren Stellenwert des Publikums.

Die Technologie des Internets hat einen Rückkanal eröffnet, der den Lesern, Sehern oder Hörern schließlich die Möglichkeit gibt, unmittelbar Kommentare zu hinterlassen. Seethaler: „Soziale Medien wie Facebook und Twitter haben den größten Einfluss“, 85,5 Prozent der Journalisten sagten, dieser sei gestiegen. Ähnlich bedeutsam wird die Rolle des Web von deutschen und Schweizer Journalisten eingeschätzt.

 

Berufsethik hoch im Kurs

Geht es um den Grad der Entscheidungsfreiheit bei Auswahl und Fokus von Geschichten, so Seethaler, gebe es in den drei Ländern kaum Unterschiede. Das gelte auch für die Berufsethik der Journalisten. „Ein Großteil der Journalisten kam überein, dass sich Journalisten immer an berufsethische Normen halten sollten, unabhängig von Situation und Kontext.“ In Österreich sind 94,3 Prozent dieser Meinung (Deutschland 93,9 Prozent; Schweiz 91,3 Prozent). Auch in Bezug auf die Einflüsse auf ihre journalistische Arbeit sind sie sich recht einig: „Persönliche Werte und Überzeugungen, aber auch ethische Bedenken empfinden die Journalisten aller drei Länder als größten Einflussfaktor auf die eigene Arbeit.“ Zeitdruck ist in Österreich und der Schweiz der drittwichtigste Faktor; bei den Deutschen ist es der Informationszugang.

Auch das Rollenverständnis ist bei Journalisten der drei Länder ähnlich, berichtet Seethaler: Sie alle wollen „unparteiischer Beobachter sein“ und „Dinge so berichten, wie sie sind“, aber auch „aktuelles Geschehen einordnen und analysieren“. Andererseits distanzieren sie sich von Vorsätzen wie „ein positives Bild der Regierung vermitteln“ oder „die nationale Entwicklung unterstützen“. Und während Österreicher und Deutsche auch wenig davon halten, „die politische Tagesordnung zu bestimmen“, ist dies ein Kommunikationsziel Schweizer Journalisten.

Lexikon

Der österreichische Journalist ist im Durchschnitt 43 Jahre alt, männlich (zu 59,2 Prozent) und hat einen Universitätsabschluss (zu 63,3 Prozent). Im Vergleich zu Kollegen aus den deutschsprachigen Nachbarländern verfügen österreichische Journalisten über einen niedrigeren Bildungsstand: Insgesamt 20,2 Prozent von ihnen geben als höchsten Abschluss die Matura an; diese Zahl ist in Deutschland und der Schweiz deutlich niedriger (14,4 bzw. 10,9 Prozent).
Die männliche Prägung hingegen ist dort stärker als bei uns: In Deutschland sind 59,9 Prozent der Journalisten Männer, in der Schweiz 61,5 Prozent. Im Altersdurchschnitt liegt Österreich im Mittelfeld; deutsche Journalisten sind 46, Schweizer 41 Jahre alt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2016)