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Nick Cave: Selbstheilung mit Liedern in Moll

Nick Cave
(c) imago stock&people

„Skeleton Tree“ heißt das neue Album von Nick Cave & The Bad Seeds. Es ist sein erstes Werk nach dem Tod seines Sohnes Arthur. Andrew Dominiks Dokumentarfilm „One More Time with Feeling“ zeigt seine Entstehungsgeschichte.

Düster brummelnde Geräusche, ein seltsames Pfeifen, und dann setzt die vertraute Stimme in wehem Duktus ein: „You fell from the sky, crash landed in a field near the river Adur.“ Hier geht es um den jähen Tod seines Sohnes Arthur. Anders als Cave selbst, der zwei Jahrzehnte lang auf Kuschelkurs mit harten Drogen war, wurde dem 15-Jährigen bereits der erste LSD-Trip zum Verhängnis. Er stürzte im Juli 2015 von den Klippen. „Jesus Alone“ heißt der fast sechsminütige Song, der der Katastrophe idyllische Naturbilder gegenüberstellt. Blumen wachsen ungerührt aus der Erde, Lämmer bringen ihre Jungen in einer Mulde zur Welt. Der Natur war das Schicksal eines Individuums immer schon egal. Cave wundert sich dennoch und fragt: „Was passiert mit dir, wenn so eine Katastrophe über dich hereinbricht?“ Er tut es im größtenteils in Schwarz-Weiß gehaltenen Film „One More Time with Feeling“. Seine Conclusio? „Du wirst eine dir unbekannte Person.“

„He's in my heart, but doesn't live at all“

Sieben Lieder von „Skeleton Tree“ , des 16. Albums von Cave mit den Bad Seeds werden im Film in unterschiedlichsten Entwicklungsstadien vorgestellt. Dazwischen spricht Cave über das Unfassbare, das Unsichtbare und den graduellen Verfall. „Die Welt bleibt dieselbe. Nur du musst nun um deine Position in ihr verhandeln.“ Cave, der bis zu diesem schicksalshaften Tag seine Kunst mit unversehrt bösartigem Herzen praktiziert hat, findet sich plötzlich als Objekt des Mitleids von Fremden wieder. Das irritiert ihn. „They watch me with kind eyes . . .“, erzählt er vom Brotkauf in der Bäckerei. Und wenn er gefragt wird, wie es ihm gehe, weiß er keine Antwort. Man versucht, ihn zu trösten: „He lives on in your heart.“ Cave kann es nicht akzeptieren. „He's in my heart, but he doesn't live at all.“

Das durch diesen Tod entstandene Trauma habe auch seinen kreativen Schöpfungsakt beschädigt, sagt er offen. Wo früher jede Zeile auf die Waagschale gelegt wurde, überließ er sich für die neuen acht Songs mehr oder weniger der freien Assoziation. Emotional erschöpft verzichtet er großteils auf das, worauf er im vorigen Film, „20.000 Days on Earth“, noch so stolz war: auf die Gewalt gegenüber der eigenen Poesie in Form von messerscharfem Editieren. Geradezu besessen war er bislang davon, dass die Wirklichkeit seines Wesens möglichst nicht durch das Hören seiner Lieder aufzudecken war. „So ein Album ist kein Tagebuch“, pflegte er zu sagen.

Das ist bei „Skeleton Tree“ trotz einiger Verrätselungsversuche anders. Wenn er etwa flehentlich „with my voice I am calling you“ singt, dann weiß jeder, das ist ein Versuch, den Vorhang zum Jenseits zu lüften, um Fühlung mit dem verlorenen Sohn aufzunehmen. Im Film liebäugelt er mit der Hölle. „There is more paradise in hell, then we are told“, tröstet er sich tapfer. Manches Lied ist da gemütsaufhellender. „Distant Sky“ etwa, in dem er seinen gramvollen Bariton im stimmlichen Liebreiz von Sängerin Else Torp aufgehen lässt. Gemeinsam brechen die ungleichen Vokalisten zu fernen Firmamenten auf. Dabei zelebrieren sie doch noch etwas Hoffnung. „They told us our gods would outlive us, they told us our dreams would outlive us, but they lied.“ Sein Bewusstsein sei mächtiger als alle Sterne und Planeten da draußen im Universum, bricht es einmal aus ihm heraus.

Es ist die Arbeit, die ihn heilt. Sehr langsam heilt. Cave spielt diesmal nicht nur Klavier, sondern auch Synthesizer und Vibrafon. Alles tapsig, nichts virtuos. Wie alle großen Songschreiber eben. Für die Detailarbeit war einmal mehr Warren Ellis zuständig. Er dirigierte die kleine Streichersektion, ordnete die Rhythmen, die einmal aus der Maschine, dann wieder aus den Hemdsärmeln des wieder gesundeten Thomas Wydler prasselten. Besonders auffällig sind diesmal die Chöre. Gemütsaufhellend wie in „Rings of Saturn“, betörend wie in „Girl in Amber“.

Im zart avantgardistischen „Anthrocene“ klingen die Mädchenstimmen gar gefährlich wie die Erinnyen, die Rachegöttinnen des griechischen Mythos. „All the things we love, we love, we love, we lose. It's our bodies that fall when they try to rise.“ Welch Zumutung in einem Erdzeitalter, das Anthropozän genannt wird. Die verlässlich zum Tod führende Bindung an diesen hinfälligen Leib kratzt erheblich am stolzen Terminus. Das „I Believe“- T-Shirt, das Cave in ein paar Szenen des Films trägt, demonstriert, dass da immer noch genügend Hinwendung zum Leben ist.

Die Zeit sei nun elastisch, für ihn und seine Frau, Susie. Ein unsichtbares Gummiband kann sie jederzeit ins Herz des Traumas zurückschnellen lassen, sagt er mit verschatteten, tränenschweren Augen. Zum Abspann singen zwei ätherische, irgendwie alterslose Stimmen. Es sind der verblichene Arthur und sein Zwillingsbruder, Earl. „Deep River“ heißt das Lied. Qual, Schmerz, Zerrissensein – die jungen Männer klingen, als hätten sie alle Weisheit des Mississippi-Blues im Kehlkopf.

Film und Album

„One More Time with Feeling“ des australischen Regisseurs Andrew Dominik zeigt Caves Ringen mit Trauma und um Kreativität. Größtenteils in Schwarz-Weiß gehalten nähert er sich dem Unsagbaren (Am Samstag, 10.9., im Wiener Gartenbau-Kino).

„Skeleton Tree“ klingt zuweilen düster und experimentell wie ein Scott-Walker-Album. Aufgenommen wurde es zwischen Winter 2014 und Frühjahr 2016. Label: Kobalt Music Group.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2016)