Als die Habsburger Europas erste moderne Grenze zogen

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Wie schützt man eine Außengrenze? Diese Frage hat schon vor mehr als 300 Jahren die Habsburger umgetrieben. Wobei der Vielvölkerstaat damals nicht Einwanderer, sondern Auswanderer fürchtete. Über die Grenzerfahrungen des 18. Jahrhunderts – und was sich daraus heute lernen lässt.

Der Belgrader Stadtteil Zemun atmet Geschichte. Einst öffnete sich hier für Migranten das Tor in eine neue Welt, ins Reich der Habsburger. Dazu brauchten sie Papiere und Geduld, viel Geduld. Zehn, 20, manchmal 42 Tage wurden sie unter Quarantäne (Kontumaz) gestellt. Händler, Adelige, Diplomaten mussten genauso in diese Wartesäle des Kaiserreichs wie arme Migranten und Flüchtlinge. Im Kampf gegen Seuchen gab es keine Ausnahmen. Tiere wurden zur Reinigung durch nahe Flüsse getrieben, Waren geräuchert. Alles für die Seuchenabwehr. Die Grenzbeamten machten hier aber auch Handelspolitik, hoben Zölle auf osmanische Importe wie Ziegenleder, Wolle, Honig oder Wachs ein. Und sie notierten Beruf, Religion und Herkunft der Neuankömmlinge. Erst dann durften Migranten mit ihren neuen Dokumenten durch den Seuchenkordon schlüpfen. So sah es aus, das Leben an Europas erster moderner Grenze.

Seit 2012 leuchten die Wissenschaftler Jovan Pešalj und Josef Ehmer den Schutz der Außengrenze der Habsburger vor 300 Jahren aus. Ein Randthema für Historiker schien das Projekt anfangs zu sein. Heute treibt die Frage nach dem Schutz der EU-Außengrenzen den Kontinent um, wandern die Blicke wieder auf den Balkan, dort, wo sich einst Wachtürme der Habsburger dicht an dicht gereiht haben. Dem Vielvölkerstaat, daran lassen die Studien keine Zweifel, ist vor 300 Jahren gelungen, woran Europa heute scheitert, nämlich, Migrationsströme in geregelte Bahnen zu lenken. Dabei war der Grenzraum noch vor der Wende zum 18. Jahrhundert ein ungemütlicher Ort. Es gab Duelle, Plünderungen, Entführungen. Mitunter tobten „Kleinkriege“ hier weiter, wenn die Großmächte schon Frieden geschlossen hatten. Vor allem aber gab es keine Grenzen, wie wir sie heute kennen. Hier überlappten sich mitunter die Ansprüche. Der Sultan wollte Tribut, die Kirche und der Adel Steuern.

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Lineare Grenze. Der Friede von Karlowitz 1699 brachte den Umsturz. Den Nimbus der Unbesiegbarkeit hatten die Osmanen vor den Toren Wiens 1683 verloren. Sie waren auf dem Rückzug. Das Mantra der Hohen Pforte von den „sich immer ausdehnenden Grenzen“ klang nun hohl. Der kränkelnde Mann am Bosporus hatte sich zu arrangieren – mit den „Ungläubigen“. Also zogen Wien und Konstantinopel nach zähen Verhandlungen eine Linie. Grenzsteine wurden ausgelegt, Stangen in den Boden gerammt, Gräben aufgeworfen. Nicht Grundbesitzer steckten hier ihre Besitztümer ab, sondern der Staat dirigierte punktgenau, wo das Reich des Kaisers von Gottes Gnaden endete und jenes des Sultans in Konstantinopel begann.

Dieser Zentralismus war eine Zäsur für Europa. Zwar würde sich die „lineare Grenze“ verschieben, meist gen Süden. Die Heilige Liga mit Prinz Eugen jagte den Osmanen hinterher weitere Gebiete ab. Belgrad wechselte mehrmals den Besitzer. Aber in Friedenszeiten war die Grenze „sakrosankt und unveränderbar“, sagt Pešalj. Und sie war mehr als ein bloßer militärischer Schutzwall gegen die Osmanen. Die Habsburger steuerten dort ihre Bevölkerungspolitik, schützten sich vor Seuchen und trieben Zölle ein. In dieser „gesamtstaatlichen Migrationspolitik“ liegt den Forschern zufolge die historische Leistung, die Resteuropa erst nach der Französischen Revolution 1789 nachvollziehen würde, als die Idee des Nationstaats den Kontinent eroberte.

Herzstück des Grenzregimes waren der Seuchenkordon und die zunächst zwölf Quarantänestationen. „Es ist leicht begreiflich, dass die Eingesperrten [. . .] ein wenige lange Weile haben mögen. Aber es geht nun einmal nicht anders“, notierte Schriftsteller Johann von Csaplovics 1819. Schließlich habe wenige Jahre zuvor die Pest gewütet, die „ein elender Weiberrock herüber gepflanzt“ habe. Die Migranten unter Quarantäne fügten sich Csaplovics zufolge geduldig ihrem Schicksal: „Sie schmauchen dann eine Pfeife nach der andern in philosophischer Ruhe. Mit Essen und Trinken werden sie schon für ihr bares Geld nach Belieben versorgt, man darf ihnen beides aber nur zum Fenster hineinreichen.“

Schon 1767 reisten Schätzungen zufolge 10.000 Menschen über die Quarantänestationen ein. Wobei die Zahlen stark schwanken: In Zeiten erhöhter Seuchengefahr wurden die Grenzübergänge vorübergehend geschlossen. Wegen der Angst vor Epidemien musste Tagesausflügler zu den Osmanen auch immer ein Mautaufseher begleiten. Beamte gab es im aufgeblähten Habsburgerstaat ja genug. Die Aufseher hatten nur darauf zu achten, dass es zu keiner körperlichen Berührung mit einem Osmanen kam.

Abschreckung.
1739 erstreckte sich der Seuchenkordon über 1800Kilometer. Er verlief just entlang der heutigen Außengrenze zwischen dem EU-Land Kroatien und Bosnien-Herzegowina, durchschnitt dann Serbien, querte die Karpaten in Rumänien und endete in der Westukraine. Wachtürme standen auf Sichtweite entlang des Kordons. „Will jemand, besonders zur Pestzeit, mit aller Gewalt herüber, der wird, wenn er auf die Mahnung umzukehren nicht achte, ohne weiters erschossen“, notierte Csaplovics. Die Todesstrafe war aber die Ausnahme. Für einen illegalen Grenzübertritt musste Soldat Miro Kacsich Gassen laufen: durch eine Reihe von 300 Soldaten, die ihn prügelten.

Die Abschreckung illegaler Grenzgänger verstellt den Blick auf die Willkommenskultur der Habsburger. Schätzungen zufolge flüchteten allein 1813 100.000 Menschen über die Grenze, als die Osmanen den Ersten Serbischen Aufstand niederschlugen. Schon im Sommer 1769 hatte der Russisch-Türkische Krieg Polen und Moldawier in die Flucht getrieben. Maria Theresia persönlich schaltete sich zugunsten der Schutzsuchenden ein. Diese Politik der offenen Arme hatte Kalkül. „Das Habsburgerreich war auf Wachstum ausgelegt. Es drängte Flüchtlinge deshalb, dauerhaft zu bleiben“, sagte Pešalj. Auch bettelarme Migranten waren willkommen, selbst dann, wenn ihnen die Taler für die Quarantänekosten fehlten. Vom Elend berührt, zahlten einige Beamte die Rechnung aus eigener Taschen. Vor allem aber sahen die Habsburger in den armen Migranten die Steuerzahler oder Wehrbauern von morgen. Freies Siedlungsgebiet gab es in Südungarn ja reichlich.
In seuchenfreien Zeiten bereiteten Auswanderer den Habsburgern daher weit mehr Kopfzerbrechen. Kaiser Joseph II. hatte Emigration 1784 in einem Patent geächtet. Nachbarn sollten Abwesende melden. Als Anreiz erhielten sie ein Drittel des Eigentums, falls der „Vermisste“ nicht auftauchte. Das war das Zuckerbrot. Für Schlepper gab es die Peitsche. Sima Jovanovic hatte Emigranten den Weg zu den Osmanen gewiesen. Es setzte ein Jahr Strafarbeit „in Eisen“.

Ohne lokale Hilfe von Einheimischen waren illegale Grenzgänger schnell verloren. Ein Fremder fiel auf.Den Grenzbewohnern kam deshalb eine Schlüsselrollebei der Meldungillegaler Migranten zu.Unter ihnen waren die wichtigsten Zuflüsterer des Staates – und die besten Schlepper.


Zweifel.
Nicht alle Einwanderer wurden mit offenen Armen empfangen. Neben Juden schlug auch Osmanen Misstrauen entgegen. Es gab Zweifel an ihrer Loyalität. Deshalb sollten sie sich auch nicht direkt an der Grenze ansiedeln. Schon bei der Ankunft wurden sie von anderen Migranten getrennt. Zugleich wurden Grenzsoldaten angehalten, mit ertappten osmanischen Muslimen an der grünen Grenze betont freundlich umzugehen. Man wollte es sich mit der anderen Seite nicht verscherzen.

„Die Habsburger wussten, dass sie für einen effektiven Grenzschutz die Kooperation der Osmanen brauchten. Das ist heute nicht anders“, sagt Pešalj. Ein historisches Vorbild für den EU/Türkei-Deal sozusagen. „Grenzkontrollen sind nicht per se negativ. Die Habsburger nutzten sie, um die öffentliche Gesundheit und den Handel zu schützen, nicht, um Migration zu stoppen“, so Pešalj. Zudem gab es damals schon Rückführungen etwa von Landstreichern. Kriminelle wurden ausgeliefert.

Am 28. Juli1914 hallte Kanonendonner in Zemun, dort, wo einst die Migranten einreisten. Es war das Fanal zum Ersten Weltkrieg und der Anfang vom Ende des Habsburgerreichs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2016)