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Fußball in Indien: Wenn die Rupie rollt

An artisan paints the wall of a house with a picture of Portugal´s national soccer player Cristiano Ronaldo, in Kolkata
(c) REUTERS (� Rupak De Chowdhuri / Reuters)
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Im Cricket-Land Indien wächst die Begeisterung für den Fußballsport, auch dank der Neuzugänge von Altstars wie Eiđur Guđjohnsen und Diego Forlán. Die Besucherzahlen sind höher als in den Topligen Spaniens und Italiens.

Wenn am 1. Oktober die neue Saison der Indian Super League (ISL) beginnt, findet eine Art Klassentreffen der internationalen All-Stars statt. Der Italiener Marco Materazzi, den Zinédine Zidane im WM-Finale 2006 mit einem Kopfstoß niederstreckte, ist Spielertrainer bei Chennaiyin. Sein Landsmann, der Ex-Juve- und Milan-Profi Gianluca Zambrotta, trainiert als Nachfolger von Roberto Carlos den Hauptstadtklub Delhi Dynamos. Der einstige ManUtd-Profi Steve Coppell ist Übungsleiter bei den Kerala Blasters. Und die brasilianische Legende Zico sitzt auf der Trainerbank des FC Goa. Auch auf dem Platz werden sich alte Bekannte begegnen. Für Goa läuft Ex-Bayern-Profi Lúcio auf. Und für Atlético de Kolkata stürmt der Portugiese Hélder Postiga. Erst kürzlich wechselte der Isländer Eiđur Guđjohnsen, der mit dem FC Barcelona die Champions League gewann, für 200.000 Euro von Molde FK zum FC Pune City. Dem Klub gelang mit dem neuen „Marquee Player“ ein echter Coup.

Indien wird für Altstars aus Europa immer beliebter. Das liegt nicht an den Gehältern, die im Vergleich zu Operettenligen wie in Dubai oder China, wo zweistellige Millionensaläre aufgerufen werden, eher gering sind, sondern am Spielplan und der Attraktivität der Liga. Die Spielzeit dauert nur drei Monate (von Oktober bis Dezember), sodass vereinssuchende Spieler die Liga als Sprungbrett nutzen können. Das war auch das Kalkül des uruguayischen Superstars Diego Forlán, der einen Vertrag bei Mumbai City unterschrieb.

In seiner Kolumne für die in Abu Dhabi erscheinende Tageszeitung „The National“ schrieb er, dass er danach mit einem Wechsel in die USA liebäugle und sich ein Leihgeschäft nach der Winterpause in der Premier League vorstellen könne. Das spielerische Niveau in Indien ist zwar nicht vergleichbar mit dem europäischer Topligen, doch man bekommt wichtige Spielpraxis. Die Zuschauer scheinen den Auftritt der Altstars zu goutieren. Der Zuschauerschnitt der Indian Super League ist seit der Gründung der Liga 2013 im vergangenen Jahr erneut gewachsen. 26.376 Zuschauer sahen sich im Durchschnitt die Begegnungen der acht Teams an. Das ist mehr als in der spanischen Primera División, der italienischen Serie A und der französischen Ligue 1. Der Wert erstaunt umso mehr, als in Indien Cricket König und Volkssport Nummer eins ist.

Der Geschäftsmann Utsav Parekh, Miteigentümer des Franchise-Klubs Atlético de Kolkata, das in den Trikots der Colchoneros, dem Franchisegeber, aufläuft, sagte dem „Guardian“ im Hinblick auf die britische Kolonialvergangenheit: „Wir gehen den englischen Weg. Zuerst war Cricket der dominante Sport, dann übernahm der Fußball schrittweise diese Rolle. Cricket ist eine Religion hier, aber Fußball ist ein Way of Life.“ Cricket wird von den Jugendlichen zunehmend als elitär und langsam empfunden. Vor allem in den Großstädten Goa und Mumbai und im Nordosten des Landes ist die Begeisterung für den Fußball ungebrochen. Die „Times of India“, die größte englischsprachige Tageszeitung des Landes, wartete mit einer interessanten Erklärung für das Phänomen auf: „Die ISL hat es geschafft, die Imagination der Fußballfans zu vereinnahmen und eine dramatische Wendung herbeizuführen, indem sie mit alten Vorurteilen aufräumte. Fußball war größtenteils zu einem Sofa-Sport in Indien geworden. Die Fans saßen zu Hause, schauten eher europäische Ligen und diskutierten darüber, als indische Spieler anzuschauen. Der Indian Super League ist es gelungen, diese Couch-Potatos zu Stadiongängern zu machen.“

173 Mio. TV-Zuseher. Die ISL ist mehr als ein Rangierbahnhof für abgehalfterte Stars, sondern ein riesiger Wachstumsmarkt. Mittlerweile sind namhafte Sponsoren wie Suzuki, Samsung, DHL und Puma als offizielle Partner und Ausrüster einiger Teams eingestiegen. Bollywood-Star John Abraham, selbst ein großer Fußballfan, ist Miteigentümer von NorthEast United. Laut dem TV-Sender Star schauen sich im Durchschnitt 173 Millionen Zuschauer die Begegnungen live im Fernsehen an. Wo sonst kann man mit Werbung ein so großes Publikum erreichen? Kein Wunder, dass die Gründung der ISL auf eine Initiative des Medienmoguls Rupert Murdoch zurückging, der durch die Vermarktung von TV-Rechten an dem Boom kräftig mitverdient.
Auch Zico will sein Engagement nicht als Entwicklungshilfe verstanden wissen. „Asien wird immer stärker, und ich bin nicht hierhergekommen, um ein Passagier zu sein“, sagte der weitgereiste Coach, der schon in Usbekistan, Japan, Irak und Katar trainierte und an den Trainingsmethoden im sonst so disziplinierten Japan kein gutes Haar ließ. Zico äußerte allerdings auch Kritik, dass die Altstars talentierten indischen Nachwuchsprofis den Weg versperren. In der Fifa-Weltrangliste liegt Indien derzeit auf Platz 152 – hinter Hongkong, Aruba und Afghanistan. Bei aller Euphorie gibt es für den indischen Fußballverband wohl noch einiges an Aufbauarbeit zu leisten. ?

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