Der Marathonwahlkampf fordert seinen Tribut, und er kennt keinen Pardon.
Die Bilder, wie sie von Agenten des Secret Service gestützt im Dunkel der Limousine entschwindet, werden Hillary Clinton bis zur Präsidentschaftswahl am 8. November unerbittlich verfolgen. Sie werden, neben Zweifeln an ihrem Gesundheitszustand, den Verdacht der notorischen Geheimniskrämerei nähren.
Insofern könnte der Beinahekollaps der Kandidatin just am Gedenktag des 9/11-Terrors in New York eine Wende im US-Wahlkampf einleiten, den die Auguren als October Surprise bezeichnen – als Überraschung, quasi aus dem Nichts, die dem Rennen eine andere Richtung gibt.
Donald Trump tat derweil das einzig Anständige und Richtige: Er erwies sich ausnahmsweise als Gentleman und ließ seiner Rivalin Genesungswünsche zukommen. Währenddessen unterhöhlen Parteigänger wie New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani den Ruf Clintons als toughe, standfeste Politikerin. Schon quellen die sozialen Medien – man kennt das ja auch hierzulande – vor üblen Gerüchten über.
Der Marathonwahlkampf fordert seinen Tribut, und er kennt keinen Pardon. Hillary Clinton hat sich die Malaise aber auch selbst zuzuschreiben. Sie hätte die Lungenentzündung offen eingestehen und sich schonen müssen. Zwei Wochen vor der ersten TV-Debatte und acht Wochen vor der Wahl ist eines jedenfalls sicher: Wegen Clintons Schwächeanfalls – oder gar Ausfalls – wird es gewiss nicht zu einer Wahlverschiebung kommen. Der zweite Dienstag im November ist Wahltag – und das ist in Stein gemeißelt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2016)