Eine Lungenentzündung wirft Hillary Clinton in der heißen Phase des Wahlkampfs zurück. Der Umgang damit schadet ihr jedoch mehr als die Erkrankung selbst.
Washington. Was vor einer Woche mit Hustenanfällen begann und zwischenzeitlich als „saisonale Allergien“ beschönigt wurde, entpuppte sich am Sonntag als bisher schwerster Rückschlag für Hillary Clintons Wahlkampagne um die amerikanische Präsidentschaft. Die demokratische Kandidatin erlitt während der Gedenkkundgebung anlässlich des 15. Jahrestages der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York einen Schwächeanfall, der auf eine akute Lungenentzündung zurückzuführen war.
Amateurfilmaufnahmen zeigen, wie Clinton von ihren Leibwächtern gestützt werden musste und kurz zusammenbrach, ehe sie in eine Limousine gehievt wurde. Nach einer Ruhepause von rund eineinhalb Stunden trat Clinton allein vor die Reporter vor dem Manhattaner Haus, in dem ihre Tochter Chelsea Clinton wohnt, und erklärte, es gehe ihr gut. „Es ist ein wunderschöner Tag in New York“, fügte sie hinzu.
Meteorologisch betrachtet konnte man ihr kaum widersprechen, politisch hingegen ist diese Episode höchst problematisch für Clintons Chancen, am 8. November die Wahl um das Weiße Haus zu gewinnen.
Wachsendes Glaubwürdigkeitsproblem
Zwar liegt sie in so gut wie allen Meinungsumfragen vor ihrem republikanischen Konkurrenten, Donald Trump, dessen Unbeliebtheit bei großen Teilen der Wähler sogar den Ausgang der Wahl in jahrzehntelang ungebrochen republikanischen Bundesstaaten wie Georgia oder Arizona ungewiss macht. Doch Clinton wird mittlerweile in manchen Umfragen als noch verlogener empfunden als Trump, der ein nachweislich brüchiges Verhältnis zur Wahrheit pflegt, wenn es um seine Geschäftspraktiken, seinen tatsächlichen Reichtum, die Finanzierung seiner Kampagne und angebliche Ereignisse geht, die er selbst gesehen haben will (ein Beispiel: die Tausenden Muslime in New Jersey, die am 11. September 2001 Jubeltänze aufgeführt haben sollen, wofür die es außer auf der rechtsextremen Website Infowars.com keinen Beleg gibt).
Laut neuer Umfrage im Auftrag des Nachrichtensenders CNN meinen 50 Prozent, dass Trump ehrlicher und vertrauenswürdiger sei als Clinton, während nur 35 Prozent der gegenteiligen Meinung sind.
Clintons Umgang mit ihrer Erkrankung veranschaulicht ihr Glaubwürdigkeitsproblem und ihre Ungeschicktheit im Umgang mit unangenehmen Nachrichten. Und sie gibt Verschwörungsparanoikern Rückenwind. Seit Monaten fachen Trump und seine Unterstützer Gerüchte an, wonach Clinton an einer neurologischen Erkrankung leide.
Auf besonders geschmacklose Weise tat sich am Sonntag die Enthüllungsplattform WikiLeaks des australischen Netzaktivisten und Clinton-Hassers Julian Assange hervor, der ihr via Twitter unterstellte, wahlweise an Parkinson oder multipler Sklerose zu leiden.
Drei Blutgerinnsel, ein schwerer Sturz
Wie also ist es um das leibliche Wohl der 68-Jährigen bestellt? Clinton leidet unter Beinvenenthrombose. Das ist an sich keine besonders ernste Erkrankung, doch auf langen Flügen kann es zu Blutgerinnseln kommen, wenn man sich nicht regelmäßig bewegt. Wandert so ein Gerinnsel in die Lunge oder das Gehirn, kann das tödlich enden.
Um das zu verhindern, nimmt Clinton seit Jahren täglich ein Mittel zur Blutverdünnung. Doch mindestens dreimal hatte Clinton mit Blutgerinnseln zu ringen. Das erste Mal war 1998, als ihr Bein während einer Veranstaltung anschwoll und eine ambulante Untersuchung der damaligen First Lady ergab, dass ein solcher Klumpen in einem Gefäß hinter ihrem Knie saß. Mittels Blutverdünnung löste er sich schnell auf. Im Jahr 2009 fanden ihre Ärzte ein weiteres Blutgerinnsel in ihren Beinen. Ein drittes, dieses Mal zwischen Schädeldecke und Gehirn, bildete sich 2012, als die damalige Außenministerin von einer Mageninfektion geschwächt stürzte und sich eine Gehirnerschütterung zuzog. Dieses Gerinnsel war laut den behandelnden Ärzten harmlos, doch die Gehirnerschütterung ließ Clinton eine Zeit lang doppelt sehen; monatelang trug sie Spezialbrillen.
AUF EINEN BLICK
Hillary Clinton, die demokratische Präsidentschaftskandidatin, die am 26. Oktober ihren 69. Geburtstag feiern wird, erlitt am Sonntag bei der Gedenkfeier des 9/11-Terrors in New York einen Schwächeanfall. Donald Trump schickte ihr Genesungswünsche und stellte für Freitag ein ausführliches Gesundheitsbulletin in Aussicht. Clinton sagte derweil eine zweitägige Wahlkampftour in Kalifornien ab. Ärzte hatten bei ihr vor vier Jahren ein Blutgerinnsel entdeckt, ihre Leibärztin diagnostizierte jetzt eine Lungenentzündung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2016)