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Lofoten: Nordische Naturspiele

Abgelegen. Die karibisch weißen Strände der Kvalvika-Bucht lassen sich nur erwandern.
Abgelegen. Die karibisch weißen Strände der Kvalvika-Bucht lassen sich nur erwandern.(c) Christoph Mayer
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Im frühen Herbst locken die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres und das erste Nordlicht in die Natur der Lofoten. Auch die Kunst nimmt vor Ort auf deren Reize Bezug.

Konzentriert heftet sich der Blick auf den Nachthimmel, vor dem sich schemenhaft die spitzen Berggipfel der Lofoten abzeichnen. Wie Riesen erheben sich die von der Eiszeit geformten Zacken direkt aus dem Atlantik in eine Höhe bis über tausend Meter. Noch lassen sich darüber nur zartgraue Streifen erkennen, es könnten Wolken sein. Doch Rob Stammes und Therese van Nieuwenhoven, die das Polarlichtzentrum in Straumnes an der Küste der Insel Austvagøya leiten, einer von rund achtzig Inseln des nordnorwegischen Archipels, haben ihren Gästen eingeschärft: Um Nordlichter zu beobachten, braucht es Geduld und Glück, dass das Wetter klar bleibt. Und tatsächlich, bald enttarnen sich die vermeintlichen Wolken als Aurea Borealis, die in kräftigen grünen und rötlichen Farben über den Himmel tanzt.

Momente wie diese haben Stammes und seine Frau vor neun Jahren aus Holland auf die Lofoten verschlagen. Seitdem hält sich der hagere Mann mit dem weißen Bart die meiste Zeit in der freien Natur seiner Wahlheimat auf, die noch als weitgehend unberührt gilt. „Ich folge hier meinem großen Traum“, sagt er, während seine herzliche Frau denjenigen Kuchen und Tee anbietet, die gerade nicht vor der Tür in die Höhe starren.

Wollig. Lofoten heißt auf Deutsch Luchsfuß. Hier trifft man aber vor allem Schafe.
Wollig. Lofoten heißt auf Deutsch Luchsfuß. Hier trifft man aber vor allem Schafe.(c) Christoph Mayer

Berge und Fisch. Die Lofoten liegen rund zweihundert Kilometer nördlich des Polarkreises und genau unter dem Polarlichtgürtel der Arktis, wo Auswirkungen der Sonnenaktivität am stärksten sichtbar sind. So bieten sie günstige Bedingungen für die Nordlichtbeobachtung; vorausgesetzt, man reist zwischen September und April an, denn die warmen Monate des Jahres gehören der Mitternachtssonne. Gleich zu Beginn der Nordlichtsaison im frühen Herbst zu kommen, erweist sich während der Reise als gute Wahl. Da die Lofoten im Einflussgebiet des Golfstroms liegen, herrscht zwar das ganze Jahr über ein mildes Klima, doch ist es jetzt noch so warm, dass man beim nächtlichen Ausharren unter dem Himmel nicht friert, während untertags die schroffen Berge und sanften Täler bei fast sommerlichen Temperaturen erwandert werden können.

Ein schmaler Pfad führt in der sattgrünen Wiese zwischen ersten leuchtenden Herbstgräsern hinauf zum Gipfel des Ryten. Der starke Inselwind, der für rasche Wetterumschwünge sorgen kann, macht es der Wandergruppe ab und zu schwer, das Gleichgewicht zu halten. Doch zugleich scheint die Sonne fast ungetrübt, und als der höchste Punkt erreicht ist, kann der Ausblick auf die Berge, das Meer und die zwischen dunkle Felsen eingebettete Kvalvika-Bucht schon kurzärmelig genossen werden. Nach einem steilen Abstieg zu den schneeweißen Stränden wagen sich die Mutigsten ins Wasser – und wissen spätestens jetzt wieder, dass sie im Norden sind, die Meerestemperatur kommt kaum über zehn Grad hinaus. Sogleich wird der Kälteschock durch einen anderen Nervenkitzel vergessen: „Da draußen schwimmt ein Wal!“, ruft ein Mitwanderer aufgeregt, und alle Augen richten sich auf die blaue Weite vor der Küste. Hier einen Orca zu sichten ist nicht abwegig, schließlich ziehen diese im Herbst an den Lofoten vorbei zum beim Festland gelegenen Tysfjord, weil sie ihrer Beute folgen, den Heringen. Nach eingehender Prüfung entpuppt sich der im Gewässer geortete Fleck als Stein; für die Walsaison ist es vielleicht noch zu früh. So muss mit jenen Tieren vorliebgenommen werden, die an wirklich jeder Ecke anzutreffen sind: Den Rückweg bahnt sich die Wandergruppe durch eine Herde von Schafen, die blökend zur Seite springen.

Lichtspektakel. Die Aurea Borealis erscheint ab September am Himmel.
Lichtspektakel. Die Aurea Borealis erscheint ab September am Himmel.(c) Christoph Mayer

Nicht nur zum Wandern treibt es auf der Inselgruppe die Menschen nun nach draußen. Richtung Kvalvika kreuzt ein junger Mann auf der Suche nach einer Surferhütte den Weg, die hier stehen soll. Auch in der Bucht von Unstad finden sich viele Surfbegeisterte ein, im Herbst und Winter sind die Wellen höher. Wer sich lieber in einem Boot auf die nordische See wagt, versucht sich zum Beispiel im Angeln. Das Norwegische Jedermannsrecht lädt jeden ein, die Natur zu nutzen, vorausgesetzt, man nimmt Rücksicht. Allzu rücksichtsvoll fällt der erste Angelversuch auf der Reise aus, kein Fisch will am vorsichtig gehaltenen Köder anbeißen, doch nach einigen Tagen gelingt der Fang. Die Fischgründe sind reich an Bestand; meist wird Kabeljau gefangen, der auf allgegenwärtigen Holzgestellen zu Stockfisch trocknet. Diese zeugen ebenso wie unzählige tiefrote Fischerhäuschen – auf Norwegisch Rorbuer, heute nächtigen meist Touristen darin – davon, dass der Fischfang die wirtschaftliche Grundlage der Lofoten ist. Die meisten Ortschaften des Archipels sind Fischerdörfer, auch Svolvær war einst eines. Noch heute ist es mit rund 4500 Einwohnern recht beschaulich, aber immerhin die größte Stadt und das wirtschaftliche Zentrum, was so viel heißt wie das Zentrum des Fisches.

Exotischer Norden. Wer nun glaubt, dass auf den Lofoten nur Fischliebhaber und Frischluftfanatiker auf ihre Kosten kommen, irrt. Gerade in Svolvær hat auch Kultur, allen voran die bildende Kunst, einen hohen Stellenwert. Einige der Galerien des Archipels, von denen es verglichen mit der Zahl der Lofotenbewohner auffällig viele gibt, sind hier ansässig. Am belebten kleinen Hauptplatz an der Hafenpromenade liegt das Nordnorwegische Künstlerzentrum, das für Ausstellungen und Kunstaktivitäten in der ganzen Region zuständig ist. Dort wartet dessen Direktor, Svein Ingvoll Pedersen, im Büro und beginnt zuerst mit zurückhaltender Höflichkeit von der hiesigen Kunstszene zu sprechen, doch als er hört, wie viele Naturerlebnisse auf der Reise den Vorzug hatten, ehe die Kunst an die Reihe kam, kann er sich ein Lachen nicht verkneifen. „Es ist hier schwierig, mit der Natur zu konkurrieren. Wir versuchen das auch gar nicht“, sagt er und meint mit „wir“ nicht nur das Künstlerzentrum, sondern auch ein sechsköpfiges Gremium, dem er angehört. Zusammen bieten das Zentrum und die Expertengruppe einen weiteren Grund, im frühen Herbst auf die Lofoten zu kommen: Jedes zweite Jahr organisieren sie im September das Lofoten International Art Festival, kurz Liaf.

Wohnlich. Umgeben von schroffen Bergen liegen kleine Fischerhäuschen, die Rorbuer.
Wohnlich. Umgeben von schroffen Bergen liegen kleine Fischerhäuschen, die Rorbuer.(c) Christoph Mayer

Dass es hier hoch im Norden seit fünfundzwanzig Jahren ein Kunstfestival gibt, das auch im Ausland Aufmerksamkeit erregt, ist zum einen der interessanten Programmierung durch wechselnde Kuratoren zu verdanken, die neben Teilnehmern aus dem skandinavischen Raum auch über Grenzen bekannte Künstler wie Ólafur Elíasson oder Lawrence Weiner zur international ausgerichteten Biennale auf die Lofoten holen. Zum anderen ist es wieder das einmalige Naturschauspiel der Inselgruppe: Es lockt nicht nur Reisende an, sondern auch Künstler und Kunstpublikum: „Die Kombination aus internationaler zeitgenössischer Kunst und dieser Landschaft wirkt exotisch“, glaubt Pedersen.

Spiel mit dem Idyll. Schon seit Langem zieht die Natur der Lofoten Künstler magisch an. „Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Lofoten bei den Malern der Romantik sehr beliebt“, gibt Pedersen Einblick in die norwegische Kunstgeschichte, „einige bedeutende Maler kamen hierher.“ Die Darstellung der Landschaft und Fischerei prägte damals die Kunst und auch heute noch ist die Nationalromantik in vielen Ateliers und Galerien populär.

Auch beim Liaf beziehen sich Festivalteilnehmer in den Werken immer wieder auf die Kulisse, meint Pedersen: „Vielleicht ist es unvermeidbar.“ Allerdings sei dabei nie die verklärte Verherrlichung der Inselpracht das Ziel: „Natürlich wäre es einfacher, die Touristenperspektive zu wiederholen, aber in der Kunst ist es immer möglich, einen neuen Zugang zum Ort zu finden“, beschreibt Pedersen, wie das Festival mit der Schönheit der Umgebung spielen möchte, mit stereotypen Bildern der Traumkulisse brechen und sich dabei auch ein wenig politisch geben will. 2015 fand es deshalb bewusst in einem aufgelassenen Geschäftslokal statt, das ein Schandfleck im hübschen Hafenviertel Svolværs war: „Ein ziemlich hässliches Gebäude“, gibt Pedersen zu, aber es sei genau richtig gewesen.

Kunst im Freien. Das Oberthema für das Liaf 2017 steht schon fest: Die Kuratorinnen Heidi Ballet und Milena Hoegsberg werden sich geopolitischer Fragen zur Zukunft der Lofoten in Zeiten des Klimawandels annehmen. Dieses Jahr, wenn kein Festival stattfindet, wird das Nordnorwegische Künstlerzentrum andere Ausstellungen zeigen. Es ist rund um das Jahr geöffnet – das ist hier nicht selbstverständlich: im Winter schließen viele Ausstellungshäuser die Türen, zu wenige Besucher halten sich dann auf den Lofoten auf.

Freiluftkunst. Dan Grahams Spiegel-Skulptur reflektiert die hohen Berge.
Freiluftkunst. Dan Grahams Spiegel-Skulptur reflektiert die hohen Berge.(c) Christoph Mayer

Kommt man noch im September oder ab Mai, lohnt sich auch ein Abstecher in das Fischerdorf Henningsvær zum weißen Kubus der Kaviar Factory. 2006 kaufte die Kunstsammlerin Venke Hoff die stillgelegte Fabrik und wandelte sie zur Ausstellungshalle um. Genau dieser abgelegene, idyllische Standort sollte es sein, um in Kontrast dazu etablierte, zeitgenössische Künstler zu zeigen: „Mein Herzensprojekt“, erzählt Hoff. Unabhängig von der Jahreszeit suchen auch dauerhafte Installationen einen neuen, spielerischen Zugang zur Lofotenlandschaft, für die man keine Ausstellung, sondern Plätze in der Natur aufsuchen muss.

Eine große Spiegelfläche fängt die Zacken der Berge ein, um die Begegnung des Betrachters mit dem Werk und seinem Umfeld zu reflektieren: Das Projekt „Skulpturlandschaft Nordland“ ließ norwegische und internationale Künstler in der Natur Skulpturen gestalten, einige, wie die Spiegel von Dan Graham, sind auf den Lofoten zu finden. Und sogar Street-Art hat hier Platz: Die norwegischen Künstler Pøbel und Dolk brachten etwa mit ihrem Projekt „Ghetto Spedalsk“ 2008 das eigentlich in Städten beheimatete Graffiti in abgelegene Gebiete der Lofoten.

Die Natur als Künstler. Am Ende der Reise ist klar, dass nicht nur die Naturschauspiele der Lofoten spannende Bilder bieten, sondern auch das Spiel der Kunst mit der Natur. So macht man sich untertags nicht nur zu Bergen und Gewässern auf, sondern auch zu Kunstwerken. Die Nachtstunden aber gehören der Nordlichtjagd. Stammes hat die Gäste mit seinem Enthusiasmus angesteckt. Wenn die Messgeräte, die einen ganzen Raum des Polarlichtzentrums füllen, in wild ausschlagenden Linien auf einem Monitor anzeigen, dass eine starke Aurea Borealis zu erwarten ist, setzt sich der Hobbywissenschaftler mitten in der Nacht auf sein Fahrrad und fährt an einen ruhigen Ort, wo er mit einem Tonband Niederfrequenz-Funksignale der Atmosphäre aufnimmt. Er hat nämlich erkannt, dass das Licht auch diverse Klänge verursacht: „Sie sind nicht nur Information, sie sind Musik. Ich will herausfinden, was sie bedeuten.“ Für Stammes ist das Nordlicht der wahre Künstler auf den Lofoten.

Tipps

Übernachten. Wildcampen ist erlaubt und naturnah; wer mit mehr Komfort und authentisch wohnen will, mietet ein Fischerhaus. Etwa Eliassen Rorbuer auf Hamnøy, www.rorbuer.no

Essen, trinken. Wer eine Selbstversorgerhütte mietet, kann frisch gefangenen Fisch oder selbst gepflückte Beeren verarbeiten. Luftgetrockneten Kabeljau gibt es auch im Supermakt. Möchte man doch lieber ausgehen, wählt man am besten Fischspezialitäten. Zum Beispiel im Bacalao, einem beliebten Treffpunkt in Svolvær, www.bacalaobar.no

Nordlicht jagen. Das Polarlichtzentrum bietet nützliche Tipps, Multimediavorträge und einen SMS-Benachrichtigungsdienst mit Vorhersagen zur Aktivität: www.polarlightcenter.com

Auch Visit Norway stellt eine App mit Nordlichtvorhersagen zur Verfügung, www.visitnorway.com

Kunst betrachten. Das Lofoten International Art Festival findet jedes zweite Jahr an wechselnden Plätzen in und um Svolvær statt, nächstes Mal 2017: www.liaf.no

Nordnorwegisches Künstlerzentrum in Svolvær: www.nnks.no

Kaviar Factory in Henningsvær: www.kaviarfactory.com

Skulpturlandschaft Nordland: www.skulpturlandskap.no

Die Street-Art auf den Lofoten kommt etwa von Pøbel oder Dolk, www.pobel.no, www.dolk.no