Das Runde rollt, die Nase klingt nasal: Wörter sind kein Zufall

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Es gibt Korrelationen zwischen dem Klang und dem Inhalt von Wörtern. Diese sind nicht (nur) durch etwaige Verwandtschaft der Sprachen erklärbar.

Was ist in einem Namen? „That which we call a rose, by any other word would smell as sweet“, sagt Shakespeares Julia. Der große Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857–1913) gab ihr recht: Das Lautbild eines Wortes sei völlig unabhängig von seinem Inhalt, behauptete er.

Wir wissen ganz intuitiv, dass das nicht stimmt. Man denke etwa im Deutschen an die Wörter Schnabel, Schnauze, schniefen, schnarchen, schnauben und schnaufen oder an schlingen, schlürfen, schlemmen, schlucken, Schlund oder an Schmalz, schmieren, schmatzen, schmecken, schmollen, schmusen. Die Bedeutung dieser Wörter hat offenbar mit dem Ort der Entstehung der Laute zu tun (Nase, Schlund, Lippen). Dazu kommen typisch lautmalerische Wörter wie knacken, murmeln, klatschen, surren. Dass das Schrillen schrill klingt, ist wohl auch kein Zufall. Und eine Figur namens Kiki stellen sich die meisten Versuchspersonen eckig und klein vor, eine(n) Bouba groß und rund.

Aber lässt sich über solche Beobachtungen hinaus eine Tendenz zur Korrelation zwischen Klang und Inhalt feststellen? Ein Team um Dámian Blasi (Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften, Leipzig) hat das ganz systematisch untersucht – anhand einer Datenbank, die 4000 Sprachen umfasst, das sind immerhin zwei Drittel der circa 6000 Sprachen, die heute (noch) gesprochen werden. An 40 – meist eher konkreten – Begriffen wurde geprüft, ob in den Wörtern, die in den diversen Sprachen für sie stehen, bestimmte Laute signifikant häufiger oder signifikant seltener vorkommen, als es dem Zufall entsprechen würde.

Woher kommt das L in Linguistik?

Tatsächlich fanden sich für 30 Begriffe solche Korrelationen. So enthält das Wort für Zunge häufig die Laute E und L, selten K und U. (Man sieht schon: Ausnahmen bestätigen zwar nicht die Regel, zerstören sie aber nicht.) Das könnte damit zu tun haben, dass das L mithilfe der Zunge (lateinisch: „lingua“) gebildet wird. Dass die Brüste oft mit Wörtern bezeichnet werden, die ein M enthalten, könnte mit dem Laut des Behagens zusammenhängen, den gestillte Kinder von sich geben; damit lässt sich auch begründen, warum die Wörter für Mutter oft mit M beginnen. Und, schön naheliegend, Wörter für Nase haben ein N, weil das N ein Nasallaut ist.

Bei anderen Begriffen drängt sich nicht so schnell eine Erklärung auf. So enthält das Wort für Knie oft die Laute O, U, P und K, das für Sand oft ein S, für Biss ein K, für Fisch ein A, für „wir“ ein N. Dass Wörter für die Eigenschaft „rund“ oft ein R enthalten, kann man vielleicht damit erklären, dass es auf der Zunge gerollt wird; aber auch bei dem Begriff „rot“ gibt es eine solche Korrelation.
Könnten die Zusammenhänge nicht schlicht daran liegen, dass Sprachen miteinander verwandt sind? Das mag innerhalb von Sprachenfamilien, etwa der indoeuropäischen so sein, aber an eine Ursprache aller Sprachen glauben heute nur wenige Linguisten. Bei der in Pnas (13. 9.) veröffentlichten Studie war es jedenfalls wichtig, möglichst auszuschließen, dass lautliche Ähnlichkeiten nur von einer gemeinsamen Ahnensprache geerbt sind.

Dafür gibt es mathematische Verfahren, die Peter Stadler, Professor an der Uni Leipzig, entwickelt hat. In Berndorf geboren, hat Stadler an der Uni Wien begonnen, diverse biochemische und biologische Probleme mathematisch zu behandeln. „Ich hab vor allem das Technische beigetragen“, sagt er bescheiden zur aktuellen Arbeit. „In das Gebiet der Linguistik bin ich gewissermaßen hineingetaumelt.“ Dennoch hält er klar fest, dass die neuen Resultate auch für all jene interessant sein sollten, die bei ihrer Suche nach einer Ursprache darauf bauen, dass Wörter in ganz verschiedenen Sprachen ähnlich klingen: „Da hissen wir jetzt eine Warnfahne.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2016)

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