Von Kennedy bis Clinton: Prüfung auf Herz und Nieren

Ein Aufnahme mit Seltenheitswert: John F. Kennedy, der strahlend-sportliche Held der Nation, auf Krücken gestützt bei der Eröffnung einer Konferenz im Juni 1961.
Ein Aufnahme mit Seltenheitswert: John F. Kennedy, der strahlend-sportliche Held der Nation, auf Krücken gestützt bei der Eröffnung einer Konferenz im Juni 1961.(c) John F. Kennedy-Bibliothek
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Warum Präsidenten und Kandidaten in den USA ihre Fitness unter Beweis stellen müssen.

Wien/Washington. John McCain sah sich im Wahlkampf 2008 im Nachteil gegenüber Barack Obama: Der Vietnamkriegsveteran, fast 25 Jahre älter als sein jugendlich-viriler Kontrahent und mit 72 Jahren der älteste Präsidentschaftskandidat der US-Geschichte, hatte von der fünfjährigen Folter im berüchtigten Gefängnis Hanoi Hilton dauerhafte Verletzungen davongetragen, die ihn körperlich einschränkten und die Zweifel an seiner Belastbarkeit weckten. Um seine Fitness und seine Tauglichkeit für den fordernden Job unter Beweis zu stellen, publizierte der republikanische Präsidentschaftskandidat auf mehr als 1000 Seiten seine Krankenakte, darunter eine Hautkrebserkrankung. Er tat so der zuweilen gnadenlosen Forderung nach Transparenz Genüge, die mitunter die Grenzen der Privatsphäre überschreitet.

Die US-Öffentlichkeit pocht indessen auf ihr Recht, die Kandidaten auf Herz und Nieren zu prüfen – nicht nur politisch, sondern erst recht medizinisch. In der jüngeren Geschichte hat es Tradition, dass Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten ein Gesundheitsbulletin veröffentlichen, eine akribische Bestandsaufnahme von Blutwerten, Leiden und Krankheiten.

JFKs gut gehütetes Geheimnis

Zuvor ging es im Weißen Haus kryptischer zu. Zwei Schlaganfälle streckten den von seiner Frau Edith abgeschirmten Woodrow Wilson 1919 nieder. Nichts davon drang an die Öffentlichkeit. Noch Franklin D. Roosevelt versuchte in der Zwischenkriegszeit, seine Kinderlähmung, die ihn meist an den Rollstuhl fesselte, zu verschleiern. Seine Landsleute ahnten kaum, dass der erste Mann im Staat behindert war.

Von John F. Kennedy, dem sportlich-strahlenden Helden, hätten sie dies ohnehin nie angenommen. Dass er an chronischen Rückenschmerzen infolge einer Kriegsverletzung und an Tablettensucht litt, war gut gehütetes Geheimnis im Weißen Haus. Zugleich ließ er jedoch ausstreuen, dass Lyndon B. Johnson – sein späterer Vizepräsident, der nach dem Attentat auf JFK zum Präsidenten avancierte – einen Herzinfarkt erlitten hatte. Wäre Kennedy 1963 nicht den Schüssen in Dallas erlegen, so spekulieren Experten, wäre er womöglich frühzeitig im Amt gestorben.

Ronald Reagan verkörperte nach dem Attentat, Monate nach Amtsantritt 1981, als bis dato ältester Präsident den Cowboy-Charme eines ehemaligen Hollywood-Stars. Eine Prostata- und -Hautkrebsoperation beunruhigte das Land. Der Beginn der schleichenden Alzheimer-Erkrankung noch zu Amtszeiten entging indessen den Medien.

Nun jedoch wollen die Amerikaner ganz genau wissen, mit wem sie es im Weißen Haus zu tun haben, und der eineinhalbjährige Wahlkampf ist ein Testlauf für Nervenstärke und für Reaktions- und Durchhaltevermögen, für Intelligenz und Temperament.

Seit 25 Jahren im Rampenlicht

Dies muss nun auch Hillary Clinton am eigenen Leib erfahren – jene Frau, die seit 25 Jahren als First Lady, Senatorin, Außenministerin und Kandidatin im Rampenlicht steht: die prominenteste Politikerin des Landes, wenn nicht der Welt – und doch diejenige, die von Geheimnissen und Mythen umrankt ist wie keine andere. Spätestens seit der Lewinsky-Affäre, die Hillary Clinton als Nachstellung empfand, achtet sie auf strikte Privatsphäre – und ihr privater E-Mail-Account als Außenministerin, der sie letztlich wieder in die Bredouille brachte, ist dafür nur ein weiteres Indiz.

Als die Hausärztin bei der 68-Jährigen eine handfeste Lungenentzündung diagnostizierte, vertuschte sie dies und teilte es nur dem innersten Zirkel mit. Sie werde das Wochenende schon durchstehen, gab das „Arbeitstier“ als Devise aus. Die Rede bei einem Spendendinner, bei der sie sich salopp über die „erbärmlichen“ Rassisten im Trump-Lager ausließ und der Beinahe-Kollaps in New York entpuppten sich als Desaster. Jetzt schickte sie ihre Vizepräsidentschaftskandidaten Tim Kaine vor: „Ihre Energie ist erstaunlich. Ich kann kaum mit ihr mithalten.“

AUF EINEN BLICK

Kranke Präsidenten. Woodrow Wilson erlitt 1919 einer Serie von Schlaganfällen. Von seiner Frau abgeschirmt drang kaum etwas an die Öffentlichkeit. Dass Franklin D. Roosevelt an Kinderlähmung litt, blieb vielen verborgen – zumal der Präsident in der Öffentlichkeit meist mit eine Decke über den Beinen erschien oder von Mitarbeitern gestützt wurde. Ronald Reagan unterzog sich als Präsident einer Prostata- und Hautkrebsoperation. Die Alzheimer-Erkrankung zeichnete sich ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2016)

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