Schnellauswahl

Reform statt jonglieren mit Puzzlesteinen!

Unterrichtsministerin Claudia Schmied geht beim nötigen Umbau der Schule viel zu unsystematisch vor.

Bei der Regierungsklausur Montag und Dienstag in Salzburg hielt sie sich still im Hintergrund: die Frau, die das heimische Schulsystem aufmischen möchte. Claudia Schmieds eiserner Reformwille verdient Respekt – nicht aber ihre Herangehensweise. Leider hat sie das Pferd von Beginn an von der falschen Seite aufgezäumt. Ihr letzter Streich – die Ankündigung, das Sitzenbleiben abzuschaffen – passt dazu. Es war wohl der (vorerst gelungene) Versuch, den Medien, die gern genauere Auskunft über ihre Rolle als Vorstand der notverstaatlichten Kommunalkredit gehabt hätten, einen neuen Knochen hinzuwerfen. Und tatsächlich wird seit Tagen aufgeregt daran herumgekaut. Aber ein ernsthafter Reformvorschlag ist das nicht. Denn die Abschaffung des Sitzenbleibens kann ja nur der letzte Puzzlestein in einem ganz anderen Bildungswesen als dem österreichischen sein.

Der Systemwechsel müsste anderswo ansetzen, das wissen natürlich auch alle Bildungsexperten. Dafür wären zunächst einmal die – übrigens schon von Elisabeth Gehrer initiierten – Bildungsstandards nicht nur halbherzig, sondern mit Konsequenzen für alle am Schulwesen Beteiligten einzuführen. Damit können einige essenzielle Fragen beantwortet werden: Erreicht der Schüler bzw. die Klasse wirklich das angestrebte Bildungsziel? Wenn nicht, liegt es am Lehrer? Oder an der Schülerklientel? Braucht diese Schule mehr Förderlehrer, weil sie in einem sozialen Brennpunkt mit hohem Ausländeranteil liegt? Jede Schule muss über ihre Leistungen öffentlich Rechenschaft ablegen können, und Direktoren dürfen sich von Lehrern trennen. Nur unter diesen Voraussetzungen ließe sich auch eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-jährigen verwirklichen.

Wer aber alle Kinder eines Jahrgangs unter einem Dach unterrichten will, der wird nicht umhinkommen, irgendwann auch Leistungsgruppen einzuführen, um keine Nivellierung zu erzeugen. Spätestens mit 15 Jahren (also in der jetzigen AHS-Oberstufe) müsste dann für alle Schüler ein Kurssystem gelten – auch hier mit der Unterscheidung in Basis- und Fortgeschrittenenwissen. Logischerweise ist der Klassenverband dann aufgelöst. Erst dann kann sinnvollerweise das Sitzenbleiben ersatzlos gestrichen werden. Wer etwa den Basiskurs Deutsch nicht schafft, muss ihn wiederholen. In so einem System blinken aber schon rechtzeitig die Warnlämpchen, wenn jemand vom Abrutschen bedroht ist. In einer idealen Schule wird versucht, das Können von Problemschülern durch Förderunterricht im Schulverband – und nicht durch private Nachhilfe – zu heben. So ein System mündet in die von Claudia Schmied ebenfalls angestrebte Zentralmatura. Und in so einer Schule werden auch die Begabungen der Schüler speziell beachtet. Das erleichtert deren weiteren Bildungs- und Berufsweg.

Der Umbau wäre damit noch nicht beendet. Denn eine neue Schule bedingt auch andere Aufnahmekriterien an den Universitäten (die sich leider seit Jahren aus der ganzen Bildungsdebatte raushalten). In den von den Gesamtschulbefürwortern so hoch gelobten skandinavischen Ländern gibt es nämlich beinharte Aufnahmekriterien an den Hochschulen. Viele Studien stehen nur jenen offen, die in allen Fächern nachprüfbar auf dem höchsten Leistungsniveau stehen. Das erzeugt natürlich schon in der Schule ordentlichen Leistungsdruck. So kuschelig ist die Gesamtschule dann also gar nicht.

Ein Lehramtsstudium beginnen sollten (wie in Finnland) nur die Allerbesten eines Schülerjahrgangs. Das trägt wiederum zu einem besseren Image des Berufs bei. Ausgezeichnete Pädagogen sind der Schlüssel für eine gelungene Schule. Nichts ist schlimmer als ein demotivierter Lehrerstand. Dann geht gar nichts mehr.

Schmied hat richtige Ansätze, geht aber unsystematisch vor. Niemand würde sich wundern, würde sie der Politik noch in dieser Legislaturperiode frustriert den Rücken kehren. Doch so schnell wird dies wohl nicht geschehen. Der Schatten der Vergangenheit als Bankerin verhindert, dass die SPÖ-Politikerin von ihrem Parteichef in eine andere Funktion gehievt werden kann. Statt in einer Pressekonferenz eine Erklärung über ihre Verantwortung beim Milliardenverlust der Kommunalkredit inklusive ihres Wissens über Spekulationsgeschäfte der zypriotischen Banktochter abzugeben, versucht sie, das Ganze auszusitzen. Das kennt man von anderen Politikern. Wolfgang Schüssel hat das die Punze „Schweigekanzler“ eingetragen – übrigens verpasst von der Partei Claudia Schmieds.


martina.salomon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2009)