Amerikas robuster Einkommenssprung

The U.S. flag themed shoes and pants of a man dressed up as Uncle Sam are pictured as he waits for Republican presidential nominee Donald Trump at a campaign rally in Jackson
The U.S. flag themed shoes and pants of a man dressed up as Uncle Sam are pictured as he waits for Republican presidential nominee Donald Trump at a campaign rally in Jackson(c) REUTERS (CARLO ALLEGRI)
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Das stärkste jährliche Wachstum der Familieneinkommen seit 1967 macht beinahe die schweren Verluste durch die Große Rezession wett.

Washington. Wer die Schwere der Großen Rezession erahnen will, die mit dem Zusammenkrachen des amerikanischen Immobilienmarktes begann und rasch den gesamten Erdball erfasste, führe sich folgende Tatsache vor Augen: Obwohl die amerikanische Volkswirtschaft nun schon seit sechs Jahren wieder wächst und die mittleren Einkommen der Familien im vorigen Jahr um den Rekordwert von 5,2 Prozent wuchsen, ist dieses Medianeinkommen heute noch immer um 1,6 Prozent kleiner als vor einem Jahrzehnt.

Diese Relativierung trübt ein wenig die sehr guten Nachrichten, welche die US-Statistikbehörde am Dienstag über den Zustand der Einkommen und die Armut in den Vereinigten Staaten zu verkünden hatte. Der Anstieg der medianen Familieneinkommen um 5,2 Prozent oder inflationsbereinigte 2798 Dollar auf 56.516 Dollar (50.316 Euro) ist der größte Jahressprung, seit das U.S. Census Bureau im Jahr 1967 damit begonnen hat, diesen Wert zu erheben. Das Medianeinkommen markiert jenen Punkt in der Einkommensverteilung einer Gesellschaft, an dem die eine Hälfte darunter und die andere darüber liegt. Es eignet sich besser zur Bewertung der Einkommensentwicklung als das Durchschnittseinkommen, weil es nicht durch einzelne hohe Werte verzerrt wird.

(c) Die Presse

Der Hauptgrund für den robusten Einkommensanstieg war die fortschreitende Senkung der Arbeitslosigkeit. 2,4 Millionen Menschen fanden im vorigen Jahr eine Vollzeitbeschäftigung, und im Zusammenspiel mit dem gedämpften Anstieg der Preise (vor allem jener für Energie) und längeren durchschnittlichen Arbeitszeiten wirkte sich das vor allem für ärmere Amerikaner sehr positiv aus. „Kennen Sie den alten Spruch: ,Wenn die Konjunktur niest, bekommen die am stärksten Benachteiligten Lungenentzündung‘? Das wirkt auch in die entgegengesetzte Richtung. Die Vorteile der Annäherung an Vollbeschäftigung fließen ihnen über Verhältnis zu“, sagte Jared Bernstein, der frühere Wirtschaftsberater von Vizepräsident Joe Biden, zur „New York Times“.

Donald Trumps ländliche Verlierer

Sämtliche Einkommensgruppen gewannen dazu, und auch alle Ethnien und Altersgruppen: Weiße, Schwarze, Latinos, Asiaten, Junge, Alte. Die einzige Ausnahme betraf Menschen, die in ländlichen Räumen fernab der florierenden Metropolen leben. Ihre Medianeinkommen waren, geografisch betrachtet, mit 44.657 Dollar die niedrigsten im Land. Und sie sanken um zwei Prozent, während die ohnehin um gut ein Fünftel höheren Einkommen von Menschen in Metropolen um sechs Prozent wuchsen.

Dieses sozioökonomische Gefälle zwischen Stadt und Land ist weniger als zwei Monate vor der Präsidentenwahl politisch hochrelevant, denn Umfrage um Umfrage belegt, dass der republikanische Kandidat Donald Trump vor allem in strukturschwachen ruralen Wahlbezirken, die fernab der boomenden Städte liegen, besonders starken Zuspruch hat. Insofern war es nicht verwunderlich, dass Trump auf die guten statistischen Nachrichten mit einer düsteren Warnung reagierte: „Die Armut ist nicht zu glauben. Es ist höchste Zeit, die versagende demokratische Kontrolle über unsere Innenstädte zu beenden und echte Hoffnung und Chancen für jede einzelne Gemeinde in dieser Nation zu schaffen.“

Armut wesentlich gesunken

Die neue Statistik widerspricht Trumps Sichtweise. Denn erstens profitierten die (vor allem schwarzen und hispanischen) Armen in den „Inner cities“ besonders von diesem Aufschwung. Und zweitens ist die Armutsquote stark gesunken: von 14,8 auf 13,5 Prozent. Mehr als 43 Millionen Amerikaner sind nun arm, ein hoher Wert für die weltgrößte Volkswirtschaft. Doch zumindest 3,5 Millionen Menschen sind der Armut binnen Jahresfrist entkommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2016)

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